Körper und Geist – getrennt oder ein und dasselbe? » HIRN UND WEG » SciLogs - Wissenschaftsblogs
Neulich habe ich meinen Tag mal anders gestartet als sonst. Und zwar richtig früh, 6:30 Uhr im Park beim Yoga. Einer meiner Mitbewohner hat für unsere Freundesgruppe eine kleine Session angeleitet. Die Luft war noch kühl und man konnte das feuchte Gras riechen. Mit jedem Atemzug wurde mein Geist ruhiger und ich habe alle Geräusche um mich herum ganz bewusst wahrgenommen. Während sich unsere Körper durch die verschiedenen Positionen bewegten und unter Anstrengung hielten, passierte in meinem Kopf plötzlich genau das Gegenteil: völlige Entspannung.
Da schoss mir eine Frage in den Sinn, über die sich schlaue Köpfe seit Jahrhunderten streiten. Wie kann es eigentlich sein, dass ich durch meinen Körper, über Bewegung und Atmung mein Inneres derart beeinflussen kann? Wo genau hört der Körper auf und wo fängt der Geist an? Sind unsere fleischliche Hülle und unser unsichtbares Bewusstsein wirklich zwei komplett getrennte Welten, oder am Ende doch ein und dasselbe?
Hören wir auf Descartes, so besteht die Welt aus zwei völlig unterschiedlichen Substanzen. Auf der einen Seite steht die Materie und somit alles, das wir physisch berühren und messen können. Teil dieser res extensa („ausgedehnte Sache“) ist auch unser Körper. Demgegenüber beschreibt er den Geist, unser Bewusstsein und Denken, die res cogitans (cogitans – denkend, zweifelnd) [12]. Descartes verstand den Körper als eine Art biologische Maschine, die von einem immateriellen Geist gesteuert wird. Diese radikale Sichtweise fand in den letzten Jahrhunderten nicht wenige Kritikerinnen, so spottete der britische Philosoph Ryle später über dieses „Gespenst in der Maschine“ [1].
Nachdem Descartes nun aber den Geist als unsichtbaren Piloten in eine fleischliche Maschine gesetzt hatte, standen die nachfolgenden Generationen vor einem Rätsel. Wenn der Geist immateriell ist, wie kann er derartig in die materielle Welt eingreifen, insofern wir Kraft unseres Willens unseren Körper bewegen, handeln oder aber in Form von Emotionen physiologische Reaktionen zeigen. Die Philosophie spricht hier vom „Problem der mentalen Verursachung“. Im Laufe der Zeit haben verschiedenste Denkerinnen und Denker verschiedene Lösungsansätze zum Leib-Seele-Problem erarbeitet.
In den 1950ern kam eine Idee auf, die genau konträr zu Descartes Ansatz ist. Geist und Körper seien demnach keinesfalls getrennt, sondern sogar gänzlich identisch. Wenn wir Schmerz fühlen, sei das exakt dasselbe wie, wenn bestimmte Nervenbahnen feuern, die sogenannten C-Fasern, die Schmerzsignale übermitteln. Der scheinbare Unterschied entstehe bloß dadurch, dass das innere Gefühl des Schmerzes vollkommen anders ist, als es für wissenschaftliche Messungen von außen dann etwa im Hirnscanner aussieht. Körper und Geist sind demnach nur zwei Erscheinungsformen ein und derselben Sache. [13]
Im Funktionalismus hingegen wird der Geist nicht als eigenständige Substanz betrachtet, sondern eher wie die Software eines Computers. Mentale Zustände (wie ein Wunsch oder ein Schmerz) werden ausschließlich durch ihre Funktion im System definiert, also durch den Input (z.B. eine Verletzung) und den daraus resultierenden Output (z.B. „Aua“ rufen und die Hand wegziehen). Ob dieses System nun ein biologisches Gehirn aus Kohlenstoff oder ein künstlicher Computer ist, spielt für die rein funktionale Betrachtung des Geistes keine Rolle. [13]
Manchen Stimmen in der Philosophie geht der funktionalistische Ansatz allerdings noch nicht weit genug. Was wäre, wenn Wünsche, Schmerzen, Sorgen im Grunde eigentlich gar nicht existieren? Das behaupten zumindest die Eliminativisten. Sie argumentieren, dass unsere fehlerhafte „Alltagspsychologie“ bald vollständig durch die Neurowissenschaft ersetzt werde. Ähnlich wie veraltete wissenschaftliche Theorien durch bessere abgelöst wurden, würden wir in Zukunft mentale Begriffe wie „Glaube“ oder „Wille“ aus unserem Wortschatz streichen. Stattdessen würden wir präzise neuronale Zustände beschreiben. Wir sagen dann nicht mehr „Ich habe Durst“, sondern sprächen nüchtern von spezifischen Transmitterausschüttungen und zellulären Mangelzuständen im Hypothalamus. [13]
Vielleicht geht es dir, wenn du das liest so wie mir und in dir sträubt sich gerade alles. Die Psychologin in mir ist auch gar nicht überzeugt von der Idee, dass unsere Gefühle nur eine Erzählung, nur ein Märchen sein sollen. Vielleicht fühlst du dich in diesem Fall wohler mit dem Ansatz des Epiphänomenalismus. Demnach wäre der Geist mehr eine Begleiterscheinung körperlicher Zustände und Reaktionen.
Diese körperlichen Zustände verursachen zwar unsere geistigen Erlebnisse, letztere sind selbst aber vollkommen machtlos. Als reines „Epiphänomen“ wären sie also nur ein Nebenprodukt des Physiologischen und unser Geist gewissermaßen unbeteiligter Beobachter in unserem Körper, der unser bewusstes Erleben darstellt. Für den freien Willen würde das allerdings wieder nichts Gutes bedeuten. Ob das die allesklärende Antwort ist, bleibt fraglich. [13]
Sind wir alle Dualisten?
Auch wenn Descartes‘ strikte Trennung in der modernen Wissenschaft heute oft abgelehnt wird, sind wir im Alltag doch fast alle heimliche Dualisten. Wir sprechen ganz selbstverständlich davon, dass wir „einen Körper haben“ (als könnten wir diesen wie einen Gegenstand besitzen) und nicht davon, dass wir „ein Körper sind“. Wenn wir krank sind oder unser Knie schmerzt, fühlen wir uns oft, als würde uns unsere biologische Hülle im Stich lassen. Wir erleben uns intuitiv als ein unsichtbares „Ich“, das irgendwo hinter den Augen sitzt und unseren fleischlichen Körper durch die Welt navigiert.
Nun leben wir nicht mehr im 17 Jhd. zur Zeit von Descartes und Co. Heute haben wir ganz andere technische Möglichkeiten, den vermeintlichen Sitz unseres Geistes, das Gehirn, genau zu untersuchen. Das Leib-Seele-Problem müsste dann doch längst gelöst sein, sollte man meinen. Spoiler: Ganz so einfach ist es leider dann doch nicht! Aber schauen wir uns erstmal an, was die moderne Neurowissenschaft zum Verhältnis von Körper und Geist sagen kann.
Neuronale Korrelate: Wo liegt das Bewusstsein in unserem Nervensystem?
Auch die moderne Neurowissenschaft hat sich der Untersuchung unseres Bewusstseins bereits gewidmet und sucht gezielt nach den „Neural Correlates of Consciousness“ (NCCs) [2]. Die Grundannahme ist einfach: Für jedes noch so feine subjektive Gefühl muss es ein komplexes Netzwerk aus messbaren neuronalen Verschaltungen geben. Jeder Gedanke, jede Erinnerung lässt sich auf Milliarden von Nervenzellen zurückführen, die über elektrische Impulse und chemische Botenstoffe kommunizieren [3]. Aus dieser harten empirischen Perspektive betrachtet, gibt es keine Trennung mehr zwischen Körper und Geist. Der Geist ist schlichtweg das, was unser Nervensystem tut.
Wie aber formt sich aus einer Vielzahl an Impulsen schließlich ein Geist?
Eine prominente Idee, die bei der Antwort helfen kann, ist das sogenannte Predictive Coding (Vorhersagende Codierung), maßgeblich geprägt von dem Forscher Karl Friston [4]. Demnach ist unser Gehirn eine Vorhersagemaschine, die pausenlos Hypothesen über unsere Umwelt aufstellt und diese mit den eintreffenden Sinneseindrücken abgleicht, um Fehler zu minimieren. Wir nehmen die Welt also nicht passiv auf, sondern unser Gehirn berechnet sie aktiv voraus.
Doch es gibt einen Haken. Das Modell erklärt zwar hervorragend, wie das Gehirn Informationen effizient verarbeitet, aber es beantwortet noch nicht abschließend, ab welchem Moment diese reine Datenverarbeitung überhaupt zu einem bewussten Erleben wird. Um diese Lücke zu schließen, rückt in der modernen Bewusstseinsforschung eine weitere Theorie in den Fokus: die Global Neuronal Workspace Theory [9, 10].
Diese Theorie erklärt Bewusstsein durch den Grad der Vernetzung im Gehirn. Unzählige Prozesse laufen in unserem Nervensystem völlig unbewusst ab. Das ist immer dann der Fall, wenn Informationen nur lokal in kleinen, voneinander isolierten Hirnarealen verarbeitet werden. So etwa bei automatischen Reflexen oder der Steuerung der Atmung. Ein sensorischer Impuls, wie das Sehen eines Apfels, bleibt ebenfalls unbewusst, solange er nur in den frühen visuellen Arealen verarbeitet wird.
Bewusstsein entsteht erst dann, wenn ein Signal stark oder wichtig genug ist, um eine gehirnweite Aktivierung auszulösen. Die Information wird dann in den globalen Arbeitsraum geleitet. Biologisch bedeutet das, dass weit voneinander entfernte Netzwerke anfangen, diese spezifische Information gleichzeitig zu verarbeiten und miteinander zu teilen. Erst durch diesen massiven, netzwerkübergreifenden Informationsaustausch wird aus einem lokalen elektrischen Impuls ein bewusster Gedanke. Der Geist entsteht also in den Millisekunden, in denen das Gehirn aufhört, in abgetrennten Abteilungen zu arbeiten, und eine Information stattdessen dem gesamten System global zur Verfügung stellt.
Der Psychologe Bernard Baars beschrieb diese Idee im Rahmen seines ursprünglichen Modells oft als ein inneres Theater: Unbewusste Prozesse arbeiten im geschäftigen Hintergrund, während bewusste Gedanken wie Schauspieler ins helle Rampenlicht auf die Bühne treten [11].
Embodied Cognition: Wie der Körper das Bewusstsein formt
Das Gehirn arbeitet nicht isoliert wie ein abgekapselter Supercomputer. Körper und Geist bilden vielmehr eine untrennbare Feedback-Schleife, ein Konzept, das in der heutigen Kognitionswissenschaft als Embodied Cognition (Verkörperte Kognition) bezeichnet wird [8]. Es bleibt eine Lücke im Verständnis unseres bewussten Erlebens, wenn wir bei der rein biologischen Betrachtung bleiben. Unser Körper liefert oft nur die rohe, neutrale Energie in Form von physiologischer Erregung. Unser Gehirn liest diese Körperdaten aus und wir versehen diese je nach Situation mit einem Etikett [5].
Sitzen wir in einer Achterbahn, bewerten wir das rasende Herz vielleicht als „Nervenkitzel“. Sitzen wir vor einer wichtigen Prüfung, kategorisiert das Gehirn dasselbe Herzrasen womöglich als „Panik“. Über einen versteckten Sinn, die sogenannte Interozeption, erstellt unser Hirn eine kontinuierliche, unbewusste Live-Karte unserer inneren Organe [6]. Unser Nervensystem registriert körperliche Veränderungen, kombiniert sie mit äußeren Sinneseindrücken und konstruiert daraus erst die bewusste Emotion [7]. Ein flaues Gefühl im Magen oder ein erhöhter Puls sind aus dieser Perspektive nicht das Endprodukt der Angst, sie sind zugleich ihr physiologisches Fundament.
Damit löst sich die strenge Trennung von Körper und Geist weiter auf. Emotionen und unser Erleben sind nicht rein „geistig“, sondern stark in körperlichen Zuständen verwurzelt. Doch es wäre zu kurz gegriffen, Emotionen auf eine bloße passive Interpretation des Körpers zu reduzieren. Denn diese Feedback-Schleife ist keine Einbahnstraße. Unsere mentalen Bewertungen (etwa der Gedanke „Diese Prüfung ist wichtig“) lösen das Herzrasen ja oft überhaupt erst aus. Der Geist klebt also nicht nur nachträglich Etiketten auf körperliche Regungen, er feuert sie im Vorfeld auch aktiv an. Eine Emotion ist demnach kein abgewertetes Nebenprodukt, sondern das komplexe, ganzheitliche Erleben dieses ununterbrochenen, dynamischen Dialogs zwischen Kopf und Bauch.
Das letzte große Rätsel
Haben wir das uralte Leib-Seele-Problem damit vollständig gelöst? Nicht ganz. Die moderne Forschung versteht die Mechanik heute bemerkenswert gut. Wir können im Hirnscanner nachverfolgen, wie Signale verarbeitet werden, wie der Körper neurochemisch reagiert und wie das Gehirn diese Daten zu einer Emotion verknüpft.
Aber die faszinierendste Frage der Bewusstseinsforschung bleibt offen: Warum fühlt sich all das irgendwie an? Warum verarbeitet unser komplexer Bio-Computer diese Daten nicht einfach völlig unbewusst? Wie genau der Sprung von messbaren physiologischen Reaktionen zu unserem rein subjektiven, inneren Erleben funktioniert, bleibt ein Rätsel.
Quellen
[1] Ryle, G. (1949). The concept of mind. Hutchinson.
[2] Crick, F., & Koch, C. (1990). Towards a neurobiological theory of consciousness. Seminars in the Neurosciences, 2, 263–275.
[3] Kandel, E. R., Schwartz, J. H., Jessell, T. M., Siegelbaum, S. A., & Hudspeth, A. J. (Eds.). (2013). Principles of neural science (5th ed.). McGraw-Hill.
[4] Friston, K. (2010). The free-energy principle: A unified brain theory? Nature Reviews Neuroscience, 11(2), 127–138.
[5] Schachter, S., & Singer, J. (1962). Cognitive, social, and physiological determinants of emotional state. Psychological Review, 69(5), 379–399.
[6] Damasio, A. R. (1994). Descartes‘ error: Emotion, reason, and the human brain. Putnam Publishing.
[7] Barrett, L. F. (2017). The theory of constructed emotion: An active inference account of interoception and categorization. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 12(1), 1–23.
[8] Varela, F. J., Thompson, E., & Rosch, E. (1991). The embodied mind: Cognitive science and human experience. MIT Press.
[9] Dehaene, S. (2014). Consciousness and the brain: Deciphering how the brain codes our thoughts. Viking.
[10] Dehaene, S., & Naccache, L. (2001). Towards a cognitive neuroscience of consciousness: Basic evidence and a workspace framework. Cognition, 79(1–2), 1–37.
[11] Baars, B. J. (1997). In the theater of consciousness: The workspace of the mind. Oxford University Press.
[12] https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/res-cogitans-es-extensa/1782
[13] Vosgerau, G., & Lindner, N. (2022). Das Leib-Seele-Problem. In Philosophie des Geistes und der Kognition: Eine Einführung (pp. 13–49). J.B. Metzler.
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