Bündel mit Geld im Safe: Generalstaatsanwalt der Ukraine tritt nach Vorwürfen zurück


Safe mit Dollar-Bündeln

Korruptions-Beben in Kiew


Aktualisiert am 08.09.2026 - 07:21 UhrLesedauer: 3 Min.

Nach schweren Korruptionsvorwürfen tritt der Generalstaatsanwalt der Ukraine zurück. Er selbst weist jede Schuld von sich.

Die Ukraine kommt in Sachen Korruption nicht zur Ruhe. In den vergangenen Jahren wurden immer neue Vorwürfe der Bestechlichkeit gegen hochrangige Beamte und sogar Regierungsmitglieder publik. Nun wird das politische Kiew erneut von einem solchen Fall erschüttert. So reichte der ukrainische Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko nach schweren Korruptionsvorwürfen am Montag seinen Rücktritt ein. In einem Schreiben an Präsident Selenskyj und das ukrainische Parlament begründete er seinen Schritt.

"Ich möchte nicht, dass das Amt des Generalstaatsanwalts als Instrument in politischen Auseinandersetzungen genutzt wird. Meine Haltung zu den Vorwürfen bleibt unverändert", erklärte er am Montag im Onlinedienst Telegram. Zuvor hatte Krawtschenko die am Wochenende gegen ihn erhobenen Korruptionsvorwürfe entschieden zurückgewiesen.

Die Anschuldigungen gegen ihn persönlich im Zusammenhang mit betrügerischen Callcentern seien "durch nichts belegt", hatte Krawtschenko am späten Sonntagabend auf Telegram geschrieben. Am Samstag hatten die ukrainische Antikorruptionsbehörde Nabu und eine Spezialstaatsanwaltschaft mitgeteilt, ein Geldwäschenetzwerk aufgedeckt zu haben, das "von einem Verantwortlichen im Büro des Generalstaatsanwalts geführt" worden sei. Die Gruppe war demnach Mitte 2025 gegründet worden und umfasste amtierende Staatsanwälte sowie Personen außerhalb der Generalstaatsanwaltschaft.

Nabu lässt Büros der Generalstaatsanwaltschaft durchsuchen

Im Rahmen der Betrugsermittlungen waren auch die Büros der Generalstaatsanwaltschaft selbst durchsucht worden. Die Antikorruptionsbehörde Nabu veröffentlichte ein Bild von einem Safe, der mit Dollar-Bündeln gefüllt war, und teilte mit, sie habe fünf Mitglieder des Netzwerks identifiziert. Namen nannte sie indes nicht.

Ermittler: Immobilien, Schmuck und andere Wertgegenstände

Den Ermittlern zufolge erhielt das Netzwerk Geld, um betrügerische Callcenter zu schützen. Es seien "Vermögen in Höhe von Millionen" gewaschen worden. Mit diesen Bestechungsgeldern wurden demnach Immobilien, Schmuck und andere Wertgegenstände bezahlt.

"Ich weise die Anschuldigungen zurück, wonach ich an der Entgegennahme und der Wäsche von Geldern beteiligt gewesen sein soll, die aus illegalen Callcentern stammen", erklärte Generalstaatsanwalt Krawtschenko, bevor er seinen Rücktritt bekanntgab. Er versicherte, seine Ausgaben erfolgten "unter Einhaltung geltender Gesetze" und im Rahmen der angegebenen Einkünfte.

Der 36-jährige Krawtschenko dankte seinen Kollegen, die ihm zufolge ihre Arbeit gewissenhaft verrichten – "denjenigen, die vor Gericht die Anklage vertreten, mit Opfern arbeiten, russische Verbrechen dokumentieren und die Interessen des Staates verteidigen".

Schätzungen der Schweizer Organisation Global Initiative Against Transnational Organized Crime zufolge beschäftigen illegale Callcenter in der Ukraine fast 60.000 Menschen und erwirtschaften im Monat bis zu einer Milliarde Dollar (860 Millionen Euro).

Nabu: Brisante Tonbandaufnahme

Präsident Wolodymyr Selenskyj musste sich bereits in der Vergangenheit von seinem engen Vertrauten und früheren Bürochef Andrij Jermak trennen. Der war mutmaßlich in ein korruptes Netzwerk verstrickt, dem betrügerische Aktivitäten rund um den Energiesektor der Ukraine vorgeworfen werden. Im Rahmen der Ermittlungen war auch Selenskyj selbst ins Fadenkreuz der Korruptionsermittler geraten, da neben Jermak auch weitere hochrangige Vertraute und Berater des Präsidenten unter Geldwäscheverdacht gerieten. Dem Präsidenten konnte jedoch kein Fehlverhalten nachgewiesen werden.

Ende August waren dann im Zuge der Ermittlungen der Nabu, die unter dem Codenamen "Forrest Gump" erfolgten, Mitglieder des ukrainischen Parlaments sowie erneut des Präsidentenbüros unter Geldwäscheverdacht geraten.

Im Zuge der Ermittlungen veröffentlichte die Sonderkommission Nabu ein abgehörtes Telefongespräch, in dem ein Verdächtiger über das Ausmaß der Korruption im Land spricht. Diese sei bereits so verbreitet, dass sie nicht mehr bekämpft werden könne. "Stattdessen muss sie systematisiert und unter Kontrolle gebracht werden", lautete das Fazit des Verdächtigen, dessen Name nicht veröffentlicht wurde.

Die Korruption ist eines der größten Hindernisse für die Bemühungen der Ukraine um einen EU-Beitritt. In einer Recherche der "New York Times" wurde erst vorgestern bekannt, dass auch die Korruption im Bereich der Militärtechnologie in der Ukraine besorgniserregende Ausmaße angenommen habe. Allein im Jahr 2024 sollen 1,2 Milliarden US-Dollar (rund 1,1 Milliarden Euro) in den Taschen korrupter Netzwerke versickert sein. Gegen sieben der zehn größten Rüstungsfirmen des Landes gibt es derzeit laufende Korruptionsermittlungen – dennoch erhielten diese Firmen laut Dokumenten, die der Zeitung vorliegen, erst kürzlich weitere lukrative Aufträge.