Krampfadern: Wann die blauen Adern gefährlich werden


Von Anna-Maria Bauer

Sie stabilisieren im Stehen, federn im Gehen und speichern Energie. Doch obwohl sie täglich Schwerstarbeit leisten, werden die Waden im Alltag gerne übersehen – bis sie sich bemerkbar machen. Wenn sich etwa nach dem Fitnessstudio der Muskelkater meldet oder Venen unangenehm an der Hautoberfläche hervortreten.

Wie lange Krampfadern bereits die Menschheit beschäftigen, zeigt ein Blick in die Antike. Bereits 400 v. Chr. empfahl der griechische Arzt Hippokrates in einer Schrift über Geschwüre und Wunden Varizen – so der medizinische Fachbegriff für Krampfadern – von Zeit zu Zeit aufzustechen. Sogar ein Votivrelief aus dieser Zeit zeigt einen Unterschenkel, der von Krampfadern durchzogen ist.

„Richtige Venenoperationen werden aber erst seit 50 oder 60 Jahren durchgeführt“, sagt Dr. Sylvia Perl-Convalexius, Fachärztin für Dermatologie, Venerologie und Allergie und Obfrau der Fachgruppe für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Ärztekammer Wien. Robert Müller entwickelte in den 1960ern die Phlebektomie, mit der Krampfadern über winzige Hautschnitte entfernt wurden. Ein erster Schritt hin zu den ambulanten und schonenden Eingriffen, die heute möglich sind.

In erster Linie denkt man bei Krampfadern an Frauen – aber stimmt das überhaupt? Keineswegs, sagt die Fachärztin. 80 Prozent ihrer Patienten mit Venenproblemen seien zwar Frauen. „Das liegt aber auch daran, dass sich Damen ihre Besenreiser eher aus kosmetischen Gründen entfernen lassen.“ Hormone, die bei der Schwangerschaft und durch die Pille ausgeschüttet werden, können Krampfadern begünstigen. Aber großteils entstünden Krampfadern geschlechtsunabhängig durch eine genetische Veranlagung sowie Übergewicht.

Die Last der Beine

Aber wo hören Besenreiser auf und wo fangen Krampfadern an? Um das besser zu verstehen, beginnt Perl-Convalexius ganz von vorne: „Die Beine pumpen mithilfe der Venen Blut gegen die Schwerkraft zurück zum Herzen. Das heißt, sie tragen ein enormes Blutgewicht. Wenn die Venen nicht mehr sehr gut funktionieren, also das Bindegewebe oder die Venenklappen schwach werden, kommt es im Anfangsstadium zu den meist ungefährlichen Besenreisern. In ihrer schlimmsten Form können sie zu dicken, ausgeweiteten Venen führen, die operiert werden müssen.“ Ansonsten kann es zu Ödemen, Ekzemen oder sogar offenen Beinen kommen. „Bei sehr oberflächlichen Venen“, ergänzt Perl-Convalexius, „kann es schon bei kleinen Verletzungen zu spritzenden Blutungen kommen, die für ältere Personen oft mit großer Angst verbunden sind.“

Auswirkungen in der Tiefe

Beginnen die Krampfadern zu schmerzen, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen. Es kann eine Venenentzündung vorliegen – oder mitunter eine Venenthrombose, also ein Blutgerinnsel, das den Blutfluss teilweise oder ganz blockiert (siehe Seite 31).

Besonders gefährlich wird es, wenn Teile des Gerinnsels abbrechen und als Klümpchen durch den Blutstrom wandern. Erreichen sie die Lunge (die das Blut der Venen auf dem Weg zum Herzen zuerst passiert) kann es zu einer lebensbedrohlichen Lungenembolie kommen. „Wenn man plötzlich starke Schmerzen hat, keine Luft bekommt, das Herz stark klopft, sollte man immer sofort ins Spital.“

Ausgeweitete Venen ausschalten

Wie behandelt man die Adern also, bevor es zu so einem Extremfall kommt? Besenreiser und kleinere Krampfadern, erklärt die Ärztin, können mit der Sklerotherapie verödet werden. Dabei wird ein Verödungsmittel intravenös verabreicht, das die Venenwand reizt und die Krampfader in der Folge in einen bindegewebigen Strang umwandelt. Bei größeren Krampfadern wird das flüssige Verödungsmittel mit Luft aufgeschäumt. „Auf diese Therapie sprechen vor allem die blauen Besenreiser an.“ Dickere Venen könne man wiederum gut mit dem Laser behandeln. „Das ist ein ambulanter Eingriff in Lokalanästhesie, bei der die Vene von innen mit Hitze verklebt. Dadurch wird die Vene nach und nach abgebaut.“

Kann man Venen also einfach auflösen? Perl-Convalexius lächelt. Es ist eine Frage, die ihr häufig gestellt wird. „Ja, das ist kein Problem. Es gibt immer noch Hunderte von Venen, die die Funktion der verschwundenen übernehmen können. Und es ist sogar gut, wenn gesunde Venen diese Tätigkeit übernehmen.“

Prävention möglich?

Wie aber lassen sich Krampfadern verhindern, damit diese Eingriffe gar nicht erst notwendig werden? „Erstens sollte man möglichst viel Sport und Bewegung betreiben.“ Das aktiviert die Venenpumpe und verhindert, dass das Blut versackt. Wer beruflich viel am Schreibtisch sitzt, sollte immer wieder mit den Füßen wippen. Personen, die im Berufsalltag viel stehen, sollten idealerweise Kompressionsstrümpfe tragen. Am Abend sollte man die Beine hochlagern und sich Wechselduschen oder Kneipen generell angewöhnen. Wer eine Veranlagung zu Krampfadern hat, dem rät die Ärztin zusätzlich zu pflanzlichen Tabletten gegen Venenschwäche. Aber der vielleicht wichtigste Punkt: „Es wäre gut, darauf zu achten, kein Übergewicht zu bekommen.“

Alles zusammen sind das Mosaikstücke, die für sich genommen gerne unterschätzt werden, gemeinsam aber – ebenso wie die Waden – Erstaunliches leisten.

kurier.at  |  01.08.2026, 5:45