Kreml-App auf Millionen Handys: Forscher entdecken versteckte Überwachungsfunktionen
Stand: 20.09.2026, 06:11 Uhr
Eine Forschergruppe der Universität Michigan hat entdeckt, dass die russische App Max unbemerkt seine Nutzer ausspionieren kann. Die Idee kommt aus China.
Die russische App „Max“ ist in den vergangenen 18 Monaten auf den Geräten von Millionen russischer Bürger aufgetaucht. Die Behörden haben sie als patriotische Erbin von Telegram und WhatsApp verkauft, Moskauer Stars haben sie in Rap-Videos und Varieté-Sketchen beworben, und seit diesem Sommer ist sie die meistgenutzte App des Landes. Doch die Geschichte ist komplizierter, als es scheint.
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Dieser Artikel von Redazione Esteri entstand in Kooperation mit Corriere della Sera
Max stammt aus dem Hause VKontakte, dem Social-Media-Konzern, der eng mit dem Kreml verflochten ist und an dem, nach Recherchen von Novaya Gazeta Europe, Putin selbst einen indirekten Anteil halten soll. Es handelt sich um eine „Super-App“, einen Alleskönner für Mini-Anwendungen, der verspricht, den Alltag der russischen Bürger zu vereinfachen. Mit Max bezahlt man, kommuniziert, greift auf Staatsdienste zu, liest – alles in einem einzigen Programm. Alles scheint, zumindest auf den ersten Blick, einfach.

Vorbild ist erklärtermaßen die chinesische App WeChat, jene Plattform, die seit Jahren als digitaler Arm der sozialen Kontrolle Pekings fungiert. Nur hat Peking fünfunddreißig Jahre gebraucht, um diese Architektur aufzubauen. Moskau hat das in einem Zehntel der Zeit geschafft und sie einer Bevölkerung aufgezwungen, die noch vor Kurzem mit einer fast westlichen Freiheit im Internet unterwegs war.
Forscher entdecken weitreichende Überwachungsfunktionen der russischen App Max
Die britische Zeitung Guardian berichtet, dass eine Forschergruppe der Universität Michigan die russische Version der App heruntergeladen und seziert hat. Dabei stellte sich heraus, dass Max unbemerkt Bildschirmfotos des Nutzers erstellen, mitlesen kann, was sich darauf abspielt, und sogar Code in die verbundenen Dienste „injizieren“ kann. Diese Kombination eröffnet theoretisch einen direkten Zugang nicht nur zu den Inhalten auf dem Smartphone, sondern auch zu staatlichen und privaten Angeboten, die über Max genutzt werden.
Max zu verwenden, ist keine freiwillige Entscheidung. Eine Lehrerin aus Moskau berichtet dem Guardian, die Schulleitung habe ihr im März mitgeteilt, dass „ab jetzt alles über Max läuft, von den Hausaufgaben bis zur Kommunikation mit den Familien“. Ein Student aus Sankt Petersburg musste die App installieren, um den QR-Code zu generieren, der ihm die Türen zum Campus öffnet. Damit wird Max zum faktischen Zwangswerkzeug für den Zugang zu Bildung und Verwaltung.
Politische Inszenierung und Wahltermin als Hintergrund
Unter den Eliten wirkt der Umgang mit der App dagegen fast theatralisch. Personen aus Kreml-nahen Kreisen räumen ein, sich ein zweites Telefon nur für Max gekauft zu haben, während sie für ihr wirkliches Leben weiterhin Telegram und Signal auf dem ersten Gerät nutzen. „Es ist alles nur Show, in der Politik nutzt sie niemand ernsthaft“, vertraut eine Quelle der britischen Zeitung an. Die parallele Nutzung mehrerer Geräte illustriert, wie gering das Vertrauen selbst in den Machtzirkeln in dieses neue digitale Werkzeug ist.
Das Timing scheint, wohlgemerkt, alles andere als zufällig. Just in diesen Tagen, vom 18. bis 20. September, stimmt Russland ab: Die Duma und elf regionale Gouverneursposten werden neu besetzt, in einem Prozess, der eher einer Inszenierung als einer echten Wahl gleicht. Denn die einzige noch aktive Partei, die sich offen gegen den Krieg stellt, Jabloko, ist von den Wahllisten ausgeschlossen worden. Damit fügt sich die Ausweitung digitaler Kontrolle nahtlos in ein System ein, das politische Alternativen systematisch ausschaltet.