Gefälschte Säcke und E-Voting: Das ist Putins dreister Trick bei der Wahl
Zeiten des „stümperhaften Betrugs“ vorbei: Experte enthüllt, wie subtil der Kreml die Duma-Wahl steuert
Stand: 20.09.2026, 06:12 Uhr
Heute endet die Staatsduma-Wahl in Russland: Ein Experte erklärt, warum das Votum eine Scheinwahl ist und wie Putins Machtapparat die Ergebnisse manipuliert.
Moskau – Wenn heute in Russland die Wahllokale schließen, steht das Ergebnis im Grunde schon vorher fest. Auch bei der Abstimmung zur Staatsduma überlässt der Kreml nichts dem Zufall: Echte Oppositionsparteien sind verboten oder marginalisiert, unabhängige Wahlbeobachter weitgehend ausgeschlossen, und das umstrittene elektronische Abstimmen sowie die dreitägige Wahldauer öffnen Manipulationen Tür und Tor. Überschattet wird der Urnengang von den enormen Belastungen des anhaltenden Krieges in der Ukraine, wirtschaftlichen Sorgen und ukrainischen Drohnenangriffen auf russisches Gebiet.

Warum Wladimir Putin den immensen Aufwand einer solchen Scheinwahl dennoch betreibt, erklärt der Osteuropa-Experte Félix Krawatzek im Interview. Er ordnet ein, welche rhetorischen Funktionen das Votum für den russischen Machtapparat erfüllt, wie die systematische Wahlfälschung in der Praxis abläuft – und warum der alltägliche Frust der russischen Bevölkerung über die Inflation nicht automatisch zu Protesten gegen den Kreml führt.
Wahl zur Staatsduma in Russland: Warum das Ergebnis für Putin wichtig ist
Wie muss man die anstehende Wahl in Russland einordnen? Kann man überhaupt von einer unabhängigen Wahl sprechen, oder ist es eine reine Scheinwahl?
Eine unabhängige Wahl ist das natürlich nicht, weil man das politische Feld im Vorfeld schon so plattgemacht hat, dass gar keine Unterschiede mehr erkennbar sind. Die zugelassenen Parteien haben alle die gleiche Position zum Krieg in der Ukraine und unterscheiden sich nur ganz geringfügig in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, was die meisten Menschen gar nicht mitkriegen. Es ist also keine Wahl, wie wir sie kennen.
Das Regime überlässt also nichts dem Zufall?
Genau. Die zugelassenen Parteien unterscheiden sich so wenig voneinander, dass man während der Wahl selbst gar nicht mehr so viel manipulieren muss. Man kann die Stellschrauben feiner einstellen, um sich vor einer Situation zu bewahren, in der Menschen erwarten, dass eine oppositionelle Partei wie Jabloko – die im August verboten wurde – vielleicht 15 oder neun Prozent bekommt, und am Ende sind es nur drei. Man hat diese Erwartungen schon im Vorfeld heruntergedrückt.
Warum ist die Wahl für Wladimir Putin dann überhaupt noch wichtig?
Sie ist wichtig, weil sie auch in dieser Autokratie Legitimität schafft. Putin braucht das zwar nicht, um seine Politik durchzuführen, aber es erfüllt rhetorische Funktionen. Man zeigt immer mit dem Finger auf die Ukraine, wo die Präsidentschaftswahl nicht durchgeführt wird, und Putin kann sagen: „Schaut her, wir führen Wahlen durch, anders als die Ukrainer.“
Die Wahl dient also auch als Belastungstest für den Staatsapparat?
Ja, es ist ein guter Test für die Machthaber, um zu sehen, wie gut der Staat funktioniert. Schaffe ich es, die Leute bis ganz nach unten zu mobilisieren, bis zu den Wahlhelfern in der Schule? Greifen die kleinen Rädchen gut ineinander, um die erhofften Resultate zu generieren? Bei einer Wahl mit über 100.000 involvierten Personen kann man staatliche Kapazität gut beweisen. Es zeigt das Funktionieren des Staates und die Möglichkeit, durchzuregieren.
Liefert das Wahlergebnis Putin auch den Vorwand für die nächste Eskalation im Krieg?
Das ist momentan Teil der großen Spekulation, ob die Wahl die Grundlage für ein stärkeres Vorgehen im Krieg gegen die Ukraine liefert. Putin kann im Nachgang darauf zurückgreifen und sagen: „Ich habe ein öffentlich legitimiertes Mandat und kann meine Politik mit mehr Nachdruck verfolgen.“
Stimmzettel weg, Druck auf Wahlhelfer – so fälscht Russland die Wahlergebnisse
Wie muss man sich die Manipulation ganz praktisch vorstellen? Werden Stimmzettel weggeschmissen, oder läuft es subtiler?
Es ist ein großer Blumenstrauß aus beidem. Die Wahlhelferinnen, meistens sind es in kleineren Dörfern ausschließlich Frauen, werden Zettel in den Wahlurnen nachlegen. Eigentlich werden die Stimmzettel abends in versiegelte Säcke gesteckt, da es eine dreitägige Wahl ist. In der Vergangenheit kam es aber vor, dass diese geöffnet wurden, um Zettel nachzulegen, und es ist zu vermuten, dass das auch dieses Mal wieder passiert. Auf Studenten oder Personen im Staatsbetrieb wird zudem Druck ausgeübt, wählen zu gehen. Man weiß ganz gut, wer wählt und sich konform verhält, was auch ein Teil der Manipulation ist. Und dann gibt es noch das elektronische Wahlsystem, das ebenfalls ein Einfallstor für Manipulationen ist.
Wie genau?
Das ist von außen unglaublich schwer zu kontrollieren. In der Vergangenheit gab es dort Ungereimtheiten in der Datenstruktur, als auf einmal ganz viele Menschen um neun Uhr in allen Zeitzonen wählten, was unwahrscheinlich ist. Die Technik ist aber sicher besser geworden, sodass man mit solch stümperhaftem Wahlbetrug heute besser umgeht und solche Unregelmäßigkeiten vielleicht nicht mehr findet.
Was passiert mit Protestwählern, die abweichende Meinungen auf den Zettel schreiben?
Wer es wagt, auf den Stimmzettel den Namen der verbotenen Partei Jabloko oder ein Anti-Kriegs-Statement zu schreiben, wird ignoriert. Das wird weggeschmissen. Insofern bekommen wir gar nicht mit, wie viele Wahlzettel eine abweichende Meinung ausdrücken.
Stimmung in Russland durch Ukraine-Angriffe bei Parlamentswahl getrübt
Wie schätzen Sie die Stimmung in Russland ein? Nimmt die Bevölkerung das klaglos hin, oder ist der Bogen langsam überspannt?
Der Bogen ist durchaus überspannt, das zeigt sich aber nicht im politischen Verhalten. Durch die starken Repressionen und weil es im Land niemanden mehr gibt, der als Alternative eine größere Sichtbarkeit hat, ist das Potenzial, auf die Straße zu gehen, unglaublich gering. Aber die wirtschaftlichen Sorgen sind enorm. Wir haben eine Inflation von etwa sechs Prozent, die sich besonders bei Lebensmitteln und Energiepreisen bemerkbar macht. Dazu kommt die Bedrohung, dass der Krieg jetzt in Russland angekommen ist, was Sorgen bereitet.
Führt dieser Frust denn nicht zu Protesten gegen die Führung im Kreml?
Dieser Frust richtet sich nicht unbedingt gegen den Kreml. Mitunter verstärkt sich die Ablehnung des Westens und der Hass gegenüber der Ukraine. Die Propaganda ist mittlerweile ziemlich gezielt und nuanciert. Bei den Einblicken, die wir noch ins Land haben, merkt man, dass es in weiten Teilen der Bevölkerung eine immer stärkere Konvergenz zwischen oben und unten gibt, was grundsätzliche gesellschaftliche Werte angeht. Dass der Krieg in Russland ankommt, kann im Umkehrschluss heißen: Dann müssen wir stärker sein und den Krieg erfolgreicher führen. Es führt nicht zur Forderung nach Friedensverhandlungen.
Könnte sich die ukrainische Strategie, Drohnenangriffe auf die russische Wirtschaft zu starten, also als Bumerang erweisen, weil es die Russen eher zusammenschweißt?
Das kann durchaus sein. Im russischen Diskurs heißt es ohnehin, dass Europa schwächelt. Europa habe Strukturprobleme, sei sich nicht einig und habe wirtschaftliche Schwierigkeiten. Aus russischer Perspektive muss man deshalb nur länger durchhalten. Das verstärkt die Logik, dass man den längeren Atem haben muss und nicht verlieren will. Nationalstolz und Patriotismus sind noch immer ein Charakteristikum in der Gesellschaft.

Gibt es für Beobachter noch Möglichkeiten, das Manipulationssystem von außen oder vor Ort mitzubekommen?
Die gibt es vereinzelt noch. In einigen Wahlbezirken hat man im Vorfeld gelesen, dass Leute sagen: „Ich mache seit Ewigkeiten Wahlbeobachtung, ich bin auch dieses Jahr in meinem Wahllokal, schaue mir das an und dokumentiere es.“ Das wird es geben, und darüber wird sicherlich in oppositionelleren Medien wie der Online-Plattform Meduza oder verschiedenen Youtube-Kanälen berichtet. Es passiert aber vereinzelt, nicht systematisch. Da die OSZE nicht mehr zugelassen ist, haben wir keine flächendeckende Wahlbeobachtung.
Reichen solche Berichte aus, um die Wahl als Ganzes infrage zu stellen?
Man wird sich das E-Voting wahrscheinlich anschauen und dort eventuell Unstimmigkeiten finden. Das ist aber alles nur eine Dokumentation der Spitze des Eisbergs der Wahlfälschung. Wahlfälschungen aufzudecken hat eine andere Funktion, als wenn wir in einer funktionierenden Demokratie feststellen würden, wo dann die gesamte Wahl infrage gestellt wird. Das werden wir in Russland sicherlich nicht erleben, sondern es gibt dann eben die Dokumentation besonders krasser Manipulationsvorgänge. Mehr ist nicht zu erwarten, weil im Land niemand mehr flächendeckend und unabhängig beobachten kann. (jenko)