"Vorbereitung des Gefechtsraums": Militär-Experte zeigt Russlands stilles Drehbuch


Einfluss des Kreml

"Russland verheimlicht seine Absichten nicht einmal"


10.10.2026 - 17:18 UhrLesedauer: 6 Min.

Russische Desinformation zielt nicht nur darauf ab, Falschmeldungen zu verbreiten. Sie soll auch das Vertrauen der Menschen in ihr Land erschüttern. Ein Experte berichtet über das Vorgehen des Kreml.

Aus Vilnius berichtet Simon Cleven

Die ersten Warnzeichen waren keine Panzer am Horizont. Während militärisch nichts Ungewöhnliches zu erkennen war, bemerkten Tomas Čeponis und seine Kollegen in Litauen andernorts Veränderungen: Russischsprachige Zeitungen tauchten wieder auf, ebenso Filme und Kulturveranstaltungen – mitunter rund um nationale Feiertage. Für den Stabsfeldwebel der litauischen Streitkräfte waren dies Hinweise darauf, dass Russland weiter versuchte, Einfluss auf sein Land zu nehmen.

Heute arbeitet Čeponis in der Abteilung für strategische Kommunikation der litauischen Streitkräfte. Im Interview erklärt er, wie Desinformation das Vertrauen in den eigenen Staat untergraben soll, welche Rolle Medien und kulturelle Angebote dabei spielen und warum die russischen Methoden auch Deutschland betreffen. Was hat Litauen früh erkannt, das andere Länder erst noch verstehen müssen? Und wie können Demokratien darauf reagieren?

t-online: Herr Čeponis, in den litauischen Streitkräften gelten Sie als Experte für hybride Bedrohungen und strategische Kommunikation. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Tomas Čeponis: Die litauischen Streitkräfte verfügen über eine eigene Abteilung für strategische Kommunikation, und ich arbeite in diesem Bereich. Strategische Kommunikation, kurz Stratcom, wurde innerhalb der Nato entwickelt. Es ist eine der ältesten Spielarten psychologischer Kriegsführung. Doch es geht um mehr als psychologische Operationen: Wir nutzen unsere Fähigkeiten, um Gegner zu beeinflussen und sie abzuschrecken. Litauen gehört zu den ersten Ländern, die das innerhalb ihrer Streitkräfte etabliert haben.

Zur Person

Tomas Čeponis ist Stabsfeldwebel der litauischen Streitkräfte und Experte für strategische Kommunikation und hybride Bedrohungen. Er beschäftigt sich mit russischer Desinformation und Propaganda in Osteuropa. Čeponis analysiert die Rolle des Informationskriegs in modernen Konflikten und berät zu Abwehrstrategien gegen hybride Kriegsführung.

Was war der Hauptgrund für den Aufbau dieser Strukturen?

Ein Grund war sicherlich unser Weg in die Nato. Wir mussten Spezialisten für psychologische Operationen, Informationsoperationen und strategische Kommunikation ausbilden. Ein weiterer Grund war, dass wir spätestens 2009 erkannt hatten, dass Russland seine Desinformation, Propaganda und psychologischen Operationen entweder wieder aufgenommen oder fortgesetzt hatte.

Bitte erklären Sie das.

Russland führt diese Aktivitäten seit Jahrhunderten aus – während der Zarenzeit ebenso wie während der gesamten Sowjetunion. Alles war von Desinformation und Propaganda durchdrungen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gingen westliche Länder davon aus, dass Russland diese Aktivitäten eingestellt hatte. Das stimmte jedoch nicht. Russland versuchte weiterhin, Gesellschaften zu beeinflussen, die es als "nahes Ausland" bezeichnet. Litauen ist aus russischer Sicht leider Teil dessen.

Wie machte es sich bemerkbar, dass Russland weiter Einfluss nehmen wollte?

Zunächst erkannten wir einfach, dass in Litauen insgesamt etwas nicht stimmte. Es war jedoch schwierig, genau zu bestimmen, worin das Problem lag. Wir sprachen mit Kollegen vom militärischen Nachrichtendienst. Sie sagten: "Belarus befindet sich noch immer dort, wo es immer war. In Kaliningrad hat sich nichts verändert und ebenso wenig in Russland selbst. Auch Schiffe und Flugzeuge sind alle dort, wo sie sein sollten. Es gibt nichts besonders Ungewöhnliches." Trotzdem schien etwas im Land im Argen zu sein.

Wie gingen Sie dann vor?

Wir schauten uns den sogenannten Informationsraum an. Schritt für Schritt begannen wir, diese Umgebung zu analysieren: Fernsehen, das Radio, Zeitungen, aber auch lokale Influencer oder ungewöhnliche kulturelle Aktivitäten.


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Wir mussten unsere Informationsumgebung analysieren und Strukturen sowie Antworten entwickeln, um sie zu schützen.


Tomas Čeponis


Was fiel Ihnen dabei auf?

Einige Jahre lang hatte es in Litauen keine russischsprachigen Printmedien gegeben. Später erschienen plötzlich Zeitungen. Zunächst wurden sie von litauischen Unternehmern gegründet. Schließlich kaufte jedoch jemand diese Zeitungen, woraufhin sich ihre redaktionelle Ausrichtung in einer Weise veränderte, die uns verdächtig erschien.

Was veränderte sich noch?

Auch im kulturellen Bereich stellten wir Entwicklungen fest. Während der sowjetischen Besatzung hatten sich die Litauer weitgehend von der russischen Kultur abgewandt. Russische Musik zu hören oder russische Filme zu sehen, war nicht besonders beliebt. Nachdem Litauen seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, kamen sowjetische Filme und Musik jedoch plötzlich wieder zurück. Es gab auch immer mehr russischsprachige Kulturveranstaltungen – oftmals rund um wichtige nationale Feiertage in Litauen.

Welche Konsequenz zogen Sie aus diesen Beobachtungen?

Das führte uns allmählich zu der Erkenntnis, dass wir etwas unternehmen mussten. Wir mussten unsere Informationsumgebung analysieren und Strukturen sowie Antworten entwickeln, um sie zu schützen. Wir sahen, dass wir ein Netzwerk mit anderen Behörden aufbauen mussten. So lässt es sich wesentlich leichter arbeiten. Im Außenministerium waren die Kollegen bereits zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen.

Und dann?

Später erkannten wir, dass wir außerdem Verbindungen zur Wissenschaft in Litauen aufbauen mussten. Wieder hatten wir Glück und fanden an litauischen Universitäten mehrere Personen, die sich mit der akademischen Erforschung von Desinformation und Propaganda beschäftigten. Bereits in den frühen 2000er-Jahren waren einige wissenschaftliche Bücher über russische Desinformation erarbeitet und veröffentlicht worden. Ich habe einige davon gelesen. Damals fiel es mir jedoch schwer zu glauben, dass Russland letztlich ein derart eng kontrolliertes Informationssystem etablieren würde.

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Das übergeordnete Ziel besteht darin, das zu schaffen, was häufig als "Russki Mir", also als "russische Welt", bezeichnet wird.


Tomas Čeponis


Was ist Russlands Ziel mit dieser Strategie?

Das übergeordnete Ziel besteht darin, das zu schaffen, was häufig als "Russki Mir", also als "russische Welt", bezeichnet wird: ein Informations-, Kultur- und Sozialraum in anderen Ländern, der weiterhin mit Russland verbunden bleibt. Wir betrachten dies als eine Form der Vorbereitung des Gefechtsraums mit anderen Mitteln. Heute wird in diesem Zusammenhang zunehmend der Begriff "kognitiv" verwendet – also die kognitive Vorbereitung des Schlachtfelds für künftige Aktivitäten.

Welche Methoden der russischen Informationskriegsführung gibt es?

Zunächst gibt es ein breites Spektrum an Kommunikation, die auf unterschiedlichen Narrativen beruht. Diese Narrative können über viele verschiedene Instrumente und Aktivitäten verbreitet werden, wobei ganz unterschiedliche Botschaften zum Einsatz kommen. Russland will damit sicherstellen, dass bestimmte Teile der Bevölkerung bei Bedarf mobilisiert und instrumentalisiert werden können. Ein zweites Ziel ist es, das Vertrauen der Bürger in ihr eigenes Land zu zerstören.

Wie geht Russland dabei vor?

Die Botschaft lautet etwa, dass Litauen zu klein und zu schwach sei, um eine erfolgreiche Zukunft aufzubauen. So wird etwa die Erzählung verbreitet, dass litauische Politiker nur daran interessiert seien, mehr Geld zu verdienen und populärer zu werden. Sobald sie wohlhabend seien, würden sie einfach in ein anderes Land ziehen. Ähnliche Botschaften richten sich gegen die Polizei: "Schaut euch eure Polizei an. Sie ist nicht in der Lage, das Land vor Kriminellen zu schützen." Auch das Militär wird angegriffen: "Eure Streitkräfte sind zu klein. Sie können das Land nicht schützen. Litauen könnte jederzeit zerstört werden."

Welche Instrumente setzt Russland ein?

Schon lange vor sozialen Netzwerken setzten die Russen auf Medien: nicht nur die traditionellen Medien, sondern auch Computerspiele, Filme, Fernsehserien und Fernsehsendungen. Daran hat sich im Grunde auch durch das Internet wenig verändert, die Desinformation ist für die Russen dadurch aber einfacher geworden.

Blicken wir auf Deutschland: Erkennen Sie hier dieselben Muster?

Sie sind teilweise anders – wahrscheinlich, weil die Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung eine andere ist. Litauen hat beispielsweise keine türkische oder muslimische Gemeinschaft, die mit derjenigen in Deutschland vergleichbar wäre. Neuere Einwanderungsgemeinschaften, die heterogener aufgebaut sind, funktionieren anders. Daher ist die Ansprache der Menschen durch Russland anders, die Methoden unterscheiden sich im Grunde jedoch nicht.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten?

Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass Deutschland rund zwei Millionen russischsprachige Menschen hat. Auch in Litauen gibt es russischsprachige Gemeinschaften, aber ihre Zusammensetzung ist komplex. Es gibt die traditionelle russische Gemeinschaft, die seit Hunderten von Jahren hier lebt sowie Menschen, die während der sowjetischen Zeit ins Land kamen. Hinzu kommen die "Neuen": Menschen, die vor dem Regime Putins oder nach der Scheinwahl von 2020 vor dem Regime Lukaschenkos aus Belarus geflohen sind.

Was kann Deutschland konkret von Litauen lernen, um widerstandsfähiger gegen russische Desinformation zu werden?

Russland verheimlicht seine Absichten nicht einmal. Russische Vertreter sprechen recht offen darüber, was sie mit den westlichen Ländern vorhaben. Das sollte man ernst nehmen. Das Land hat dafür ausgebildetes Personal – wir sprechen von mehreren Hundert Personen – und erhebliche Ressourcen. Es muss also klar sein: Russland wird uns nicht in Ruhe lassen. Russland wird sich weiter in unser Leben einmischen. Wir müssen deshalb in unseren Ländern Systeme entwickeln, die es uns ermöglichen, zu verstehen, was in unseren Informationsumgebungen geschieht, diese Entwicklungen zu analysieren und geeignete Instrumente für unsere Reaktion zu identifizieren. Demokratien haben Zähne. Wir müssen sie nur nutzen.

Herr Čeponis, vielen Dank für das Gespräch.

Transparenzhinweis: Dieses Interview ist im Rahmen einer von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung organisierten Recherchereise entstanden.