Wie ein Bernauer sich im Kung Fu zum Weltmeister fächerte
Premieren-WM in Brandenburg
Wie ein Bernauer sich im Kung Fu zum Weltmeister fächerte
Am Ende ist es im wahrsten Sinne des Wortes eine goldene #1 hinter dem Namen von Maxim Schengel, die einen spitzen Schrei durch die Sporthalle in Bernau schallen lässt. Während der 22-jährige Schengel kurz darauf in einem Knäuel von Umarmungen untergeht, können sich die drei asiatischen Punktrichter hinter ihrem Tisch langen ein Lachen nicht verkneifen. Ihre Punkte waren schließlich der Auslöser der Begeisterung. Sie hatten Maxim Schengel soeben zum Weltmeister im Kung Fu gemacht.
Bernau als Kung-Fu-Hochburg in Deutschland
Aber von vorne … genauer gesagt, von Freitag an. Seit da nämlich findet in der Sparkassen Arena Bernau die diesjährige Weltmeisterschaft in der Kung-Fu-Form "Chin Woo" statt. Insgesamt rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 20 Ländern duellieren sich dabei um die WM-Titel und Medaillen in unterschiedlichen Wettkampfklassen. Es ist nicht nur die erste WM in der Kung-Fu-Hochburg Bernau, sondern in ganz Deutschland.
Initiiert und organisiert wurde sie von Dirk Ritt. In den 90er Jahren fand der heute 48-Jährige zum Kung-Fu – ganz klassisch durch Filme von und mit Bruce Lee. Ritt begann selbst mit dem Sport, dessen Wurzeln in China liegen, und unterrichtet ihn seit mittlerweile über 20 Jahren auch. Und weil Dirk Ritt einer dieser Menschen ist, dessen Begeisterung für seine Leidenschaft einen quasi anspringt, machte er Bernau seitdem zum wohl wichtigsten Standort für Kung Fu in ganz Deutschland.
Verschiedene Waffen für den Kampf mit der Luft
Wobei Ritts Kung-Fu-Leidenschaft sich selbst durch Landesgrenzen nicht aufhalten lässt. So kam ihm die Idee für eine WM in Bernau etwa im US-amerikanischen Dallas. Im Jahr 2016 sei er zu einer früheren Weltmeisterschaft in die texanische Metropole gereist, erzählt er, und habe sich dort gedacht: "So etwas können wir in Deutschland und in Bernau doch auch organisieren."
Exakt zehn Jahre später ist aus dem WM-Wunsch Realität geworden. In vielfarbigen, zumeist seidig schimmernden Anzügen stehen nördlich von Berlin an diesem Wochenende Menschen verschiedenen Alters auf den roten Matten der Bernauer Arena. Wobei sie eigentlich nur für ihre Begrüßungs- und Abschiedsrituale in Richtung Jury-Tisch wirklich stehen.
Dazwischen tanzen, drehen und springen sie in fließenden Bewegungen durch die Halle. Mal haben sie dabei eine Art Speer in der Hand, mal einen langen silbernen Säbel, mal einen hölzernen Bo-Stab. Es ist charakteristisch für die Kategorie "offene Waffenform". Die Kategorie, in der auch Maxim Schengel am Samstag an den Start und auf die roten Matten geht. Seine Waffe der Wahl: ein schwarzer Fächer aus Metall.
Ein Fächer als Verlängerung des Armes
Den Geschichten zufolge wurde der Fächer einst im Süden des chinesischen Reichs zur Waffe – auch Shan Dou genannt – gemacht und so auch ins Kung Fu eingeführt. Er ist unauffälliger als ein Schwert oder sein Säbel, aber mit Hilfe der richtigen Techniken im Kampf nicht weniger effektiv. Und wenngleich Maxim Schengel am Samstag in Bernau nur die Luft bekämpft, ist sogar für Kung-Fu-Laien sehr sichtbar, dass er die Techniken selbst bei sehr hohem Tempo sehr sauber beherrscht.
Das Ergebnis ist eine sehr ansehnliche Choreografie. Unter den da noch kritischen Blicken der Jury macht Schengel sich mal ganz groß, dann wieder ganz klein. Er wirbelt herum, nur um dann abrupt abzustoppen und kontrolliert in seinen Posen zu verharren. Er fächert den Fächer beim Austrecken seines Arms flüssig aus und beim Einklappen so schnell wieder ein, dass man es fast übersieht. Ein letzter Schwung, ein letzter Schritt, dann das Bao Quan Li – der Abschiedsgruß des Kung Fu.
China als noch höhere Kung-Fu-Hochburg
Dass Schengel kurz darauf zum Weltmeister gekürt wird, überrascht ihn selbst mit am meisten. "Ich habe das definitiv nicht erwartet", sagt er kurz darauf und verweist zur Erklärung auf seine Konkurrenz: "Es ist schon fast etwas, wenn man den Leuten beim Aufwärmen zuschaut und sieht, mit was für einer Leichtigkeit sie es absolvieren." Denn wenngleich in Bernau mittlerweile auf höchstem Niveau Kung Fu gelehrt und trainiert wird, in der Breite sind die Athleten und Athleten aus China weiterhin fast konkurrenzlos.
"Es ist eine ganz andere Sache bei denen", sagt Schengel, der im Arbeitsalltag Rettungssanitäter ist. "Die haben Internate, in denen die von Montag bis Sonntag gefühlt nichts anderes machen. Für diese Menschen ist Kung Fu ihr Leben", ergänzt er. Umso bemerkenswerter ist es, dass am Samstag der 24-Jährige aus Bernau ganz oben auf dem Treppchen steht. Den vielleicht stolzesten Gesichtsausdruck hat dabei Dirk Ritt. Denn der hat nicht nur die WM nach Bernau gebracht, sondern vor 20 Jahren auch Maxim Schengel zum Kung Fu.
Sendung: Brandenburg Aktuell, 08.08.2026, 19:30 Uhr
Video: Brandenburg Aktuell, 08.08.2026, Max Benz-Kuch
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