Anthropic strebt Börsenbewertung von zwei Billionen Dollar an


Anthropic hat seinen mit Spannung erwarteten Börsenprospekt vorgelegt und damit offiziell den Countdown für den Börsengang eingeläutet. In dem Dokument hat das auf Künstliche Intelligenz spezialisierte Unternehmen erstmals ausführliche Finanzdaten vorgelegt. Es hat rasantes Wachstum ausgewiesen, aber auch sehr hohe Verluste. Besonders auffällig ist die lange Liste der in Börsenprospekten üblichen Risikofaktoren. Sie umfasst mehr als 90 Seiten, und Anthropic weist unter anderem auf „katastrophale oder existenzielle Risiken“ von KI-Modellen für die Menschheit hin. Auch der wachsende Widerstand gegen den Bau von Rechenzentren wird als Risikofaktor erwähnt.

Anthropic will unter dem Börsenkürzel „ANT“ an die Nasdaq in New York gehen. Der Börsengang wird im November erwartet, und das Unternehmen peilt angeblich eine Bewertung von zwei Billionen Dollar an. Damit würde es Elon Musks Raumfahrtspezialisten SpaceX in den Schatten stellen, der im Juni an die Börse kam und zunächst mit knapp 1,8 Billionen Dollar bewertet wurde. In seiner letzten außerbörslichen Finanzierungsrunde im Mai wurde Anthropics Wert noch auf 965 Milliarden Dollar angesetzt.

Das für KI-Modelle unter dem Namen Claude bekannte Unternehmen wird nun wohl an der Börse seinem großen Rivalen Open AI zuvorkommen, dem Entwickler von ChatGPT, der ebenfalls seinen Börsengang vorbereitet. Dessen Vorstandschef Sam Altman sagte kürzlich, dieser Börsengang werde nicht mehr in diesem Jahr stattfinden. Er verwies dabei auf die verstärkte Diskussion über die Sicherheit von KI-Modellen.

80,7 Milliarden Dollar Buchverlust

Anthropic wurde erst im Jahr 2021 von einer Gruppe sieben ehemaliger Mitarbeiter von Open AI um Dario Amodei gegründet, der heute Vorstandschef ist. Auch seine Schwester Daniela ist als Präsidentin in der Leitung des Unternehmens. Unter den KI-Spezialisten galt Open AI nach der Einführung von ChatGPT im Jahr 2022 zunächst als führend. Aber Anthropic hat aufgeholt und wurde zuletzt von Investoren höher bewertet als Open AI.

Im Vergleich zu Open AI ist Anthropic stärker auf Unternehmenskunden spezialisiert. Der Analyst Nate Elliott von der Marktforschungsgruppe Emarketer wies darauf hin, dass Anthropic in seinem Börsenprospekt Kunden hervorhebt, die mindestens 100000 Dollar für seine Produkte ausgeben. „Dieser laserartige Fokus auf Unternehmen hat enormes Wachstum geschaffen.“

In dem Börsenprospekt präsentiert sich Anthropic als wachstumsstarkes Unternehmen. Im vergangenen Jahr hat sich der Umsatz auf 4,6 Milliarden Dollar mehr als verzehnfacht, und allein im ersten Halbjahr dieses Jahres stieg der Umsatz auf 16,3 Milliarden Dollar. Anthropic wies für diesen Zeitraum aber einen Verlust von 80,7 Milliarden Dollar aus. Ein Teil der Neubewertung wird mit verschiedenen Finanzinstrumenten begründet, vor allem mit Wandelanleihen, also Anleihen, die der Inhaber in eine festgelegte Zahl von Aktien des Emittenten umtauschen kann. Der Verlust im reinen operativen Geschäft wurde für das erste Halbjahr auf 693 Millionen Dollar beziffert.

Verträge mit kurz laufenden Fristen

Auf einer Veranstaltung für Investoren hat Anthropic kürzlich auch Zahlen für das dritte Quartal genannt. Demnach lag der Umsatz in diesem Zeitraum bei 16,8 Milliarden Dollar, war also höher als im gesamten ersten Halbjahr. Das Unternehmen sagte außerdem, bei der Bereinigung um bestimmte Posten wäre das Ergebnis positiv gewesen. Unter dem Stichwort Risikofaktoren führt das Unternehmen aus, es rechne damit, dass sein Umsatzwachstum im Laufe der Zeit sinken werde.

Weiter weist es darauf hin, dass seine fünf größten Kunden zuletzt ein Viertel zum Gesamtumsatz beigetragen hätten. Viele der wichtigsten Kunden hätten keine langfristigen Verträge geschlossen, könnten also jederzeit ihre Ausgaben für Anthropic-Produkte reduzieren oder einstellen.

Aus dem Börsenprospekt geht auch hervor, dass Anthropic teure finanziellen Zusagen gemacht hat, um sich Computerkapazitäten zu sichern. Allein mit Google und Amazon zum Beispiel wurden Vereinbarungen geschlossen, die auf jeweils mehr als 110 Milliarden Dollar dotiert sind und bis ins nächste Jahrzehnt hineinreichen. Anthropic kann diese Verträge nicht kündigen und muss das Geld unabhängig davon bezahlen, wie viel Rechenkapazität tatsächlich genutzt wird. Amazon und Google sind auch Anteilseigner von Anthropic. Im Börsenprospekt beschrieb das Unternehmen die Beziehungen zu solchen Partnern als „komplexe Dynamik“, die zu Interessenkonflikten führen könnte.

Breiter Raum für Diskussion über KI-Sicherheit

KI-Sicherheit nimmt unter den Risikofaktoren breiten Raum ein. Das Unternehmen sagt, seine KI-Modelle könnten unbeabsichtigtes Verhalten an den Tag legen und damit Schaden anrichten. Als ein Beispiel nennt es „sich selbst erhaltendes Verhalten“, wozu es gehören könnte, sich einer Abschaltung zu widersetzen. KI-Modelle könnten auch Inhalte generieren, die als Zwang, Täuschung oder Manipulation verstanden werden, zum Beispiel „Verhalten, das wie Erpressung erscheint“. Das Unternehmen warnt weiter, dass etwaige Schäden, die mit seinen Modellen in Verbindung gebracht werden, es anfällig für Rechtsstreitigkeiten oder verstärkte Regulierung machen könnten.

Anthropic positioniert sich seit jeher als Unternehmen, dem Sicherheit besonders wichtig ist. Vorstandschef Amodei hat sich kürzlich in einem viel beachteten Aufsatz dafür ausgesprochen, das Entwicklungstempo für KI zu reduzieren.

Ungewöhnliche Aktionärsstruktur

Die künftigen Aktionäre werden nur eingeschränkte Mitbestimmung verfügen. Ein großer Teil des Einflusses wird bei den sieben Gründern und einer Treuhandgesellschaft liegen. Dem Börsenprospekt zufolge hat Anthropic eine ungewöhnliche Struktur mit fünf Klassen von Aktien. Die „Klasse F“ besteht aus einer einzigen Aktie und ist ausschließlich den Gründern vorbehalten. Sie verschafft ihnen eine Stimmrechtsmehrheit von 50,1 Prozent.

Die „Klasse T“ besteht ebenfalls aus einer einzigen Aktie und ist für den „Long-Term Benefit Trust“ vorgesehen. Diese Treuhandgesellschaft gibt es, weil Anthropic als „Public Benefit Corporation“ registriert ist, also ein Unternehmen, das zwar Gewinnabsichten verfolgt, sich aber in seiner Satzung auch eine andere Mission gibt, die gesellschaftlichen Nutzen stiften soll. Als diese Mission beschreibt Anthropic „die verantwortungsvolle Entwicklung von KI zum langfristigen Nutzen der Menschheit“. Die T-Aktien geben der Treuhandgesellschaft das Recht, die Mehrheit der Mitglieder des Verwaltungsrates von Anthropic zu bestimmen. Zum Führungsgremium der Treuhandgesellschaft gehört der frühere amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke. Unter den Verwaltungsratsmitgliedern ist Reed Hastings, der Mitgründer und langjährige Vorstandschef des Streamingdienstes Netflix.

Beim Börsengang will Anthropic A-Aktien ausgeben, die mit jeweils einem Stimmrecht ausgestattet sind. Daneben gibt es N-Aktien ohne Stimmrechte sowie E-Aktien für Mitarbeiter mit eingeschränkten Stimmrechten.

Aktienpakete der Gründer jeweils bis zu 29 Milliarden Dollar wert

Die sieben Gründer haben dem Börsenprospekt zufolge im Moment ähnlich große Anteile am Unternehmen. Sie halten Pakete von jeweils zwischen 230 Millionen und 245 Millionen A-Aktien. Anthropic hat bislang noch nicht gesagt, zu welchem Preis die Aktien an die Börse kommen sollen. Die Zeitschrift „Fortune“ hat aber ausgerechnet, dass die Aktienpakete der Gründer jeweils einen Wert zwischen 27 Milliarden und 29 Milliarden Dollar haben würden, wenn man die angepeilte Bewertung von insgesamt zwei Billionen Dollar für das Unternehmen zugrunde legt.

Die Gründer haben versprochen, 80 Prozent ihrer Aktien für wohltätige Zwecke spenden zu wollen. Im Börsenprospekt heißt es aber, die sei „widerrufbar“ und rechtlich nicht bindend.

Die Aktienstruktur von Anthropic ist besonders komplex. Es ist allerdings nicht unüblich, dass Gründer von Technologieunternehmen auch nach dem Börsengang weitreichende Kontrolle behalten. Mark Zuckerberg hält zum Beispiel rund 60 Prozent der Stimmrechte am Internetkonzern Meta. Elon Musk hat sogar einen Stimmrechtsanteil von mehr als 85 Prozent an SpaceX.

In der vergangenen Woche hat Anthropic die Gründung einer gemeinnützigen Tochtergesellschaft angekündigt, die zunächst fünf Prozent seiner Aktien bekommen soll. Die Aktien in diesem Fonds können nach Angaben des Unternehmens unter anderem für Spenden an wohltätige Organisationen oder auch an bestimmte Bevölkerungsgruppen genutzt werden. Beispielsweise könnten sie verwendet werden, um etwaige negative Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt abzufedern.