Kunstmesse in der Garage und Schließungen: Wie geht es Wiens Galerien?
Kunstmarkt
Kunstmesse in der Garage und Schließungen: Wie geht es Wiens Galerien?
Die Szene freut sich mit 28.000 Besuchen bei der Astora Artshow über ein Erfolgsevent. Zugleich sehen Händler angesichts globaler Krisen einen Abschwung am Kunstmarkt
Michael Wurmitzer
Das Galerienfestival Curated by läuft noch drei Wochen, die Messen Parallel und Astoria Artshow sind geschlagen. Letztere fand heuer erstmalig und als Ersatz für die nach einigem Wirbel eingestellte Viennacontemporary statt. Umso mehr Druck lastetet auf ihr, als heuer im Frühjahr schon keine Spark stattgefunden hatte – die soll es kommenden März wieder geben. In der offiziellen Astoria-Bilanz vom Freitag ist von 28.000 Besuchen die Rede. Es scheint also, der Wiener Kunstherbst ist gut gestartet.
Zugleich schließen diesen Herbst gleich vier Galerien in Wien oder ändern ihr Geschäftskonzept: Nach acht Jahren ist für Exile, einst aus Berlin zugezogen, Mitte Oktober Schluss. Eva Presenhuber aus Zürich schließt ihre Filiale Ende Oktober. Ebenso beendet mit Zeller von Almsick ein anderer Top-Name nach neun Jahren die Tätigkeit. Emanuel Layr, einer der Platzhirsche, sattelt um: Er, der sonst auch auf der Art Basel tanzt, will zwar neue Räumlichkeiten am Ring beziehen, aber nicht mehr durchgängig öffentlich bespielen. Was ist da los?
"Wichtiges Zeichen"
Gehen wir noch einmal zurück zur Astoria Artshow. Auch auf der Straße vor der namensgebenden Garage in der Wiener Innenstadt wurde gemütlich gesessen, geplaudert, geraucht und geschaut. Wer sich während der vier Messetage bei den Ausstellern erkundigte, hörte aber mitunter, dass Besucherandrang und Käuferinteresse sich nicht deckten. Solche Eventisierung ist im ganzen Kulturbetrieb zu beobachten. Eine Galerie lebt aber letztlich von Verkäufen, nicht von Leuten, die bei Eröffnungen gratis Wein trinken oder bei Messen bloß vorbeischauen.
"Die Stimmung war sehr gut, es war viel los und das Interesse war groß", sagt Galeristin Lisa Kandlhofer zum STANDARD. Die Galerie Kandlhofer zeigte Werke von Paulina Aumayr, die konnte sie "platzieren", das heißt verkaufen. Für Rosemarie Schwarzwälder von der Galerie nächst St. Stephan lief es offenbar auch gut. "Das war einfach ein Momentum und ist voll aufgegangen", sagt sie über die Messe. Und: "Ich habe gehört, es wurde nicht schlecht verkauft." Wegen der geringen Standmiete von maximal 2500 Euro seien Galerien bei Verkäufen bald auf ihre Kosten gekommen.
Die Galerie nächst St. Stephan scheint auch in der Information des Veranstalters, die eine Neuauflage für September 2027 ankündigt, als Erfolgsmeldung auf. Eine detaillierte Statistik zu Verkäufen gibt es indes nicht, es ist aber von einem "unerwartet erfolgreichen Marktplatz" die Rede.
Für Kandlhofer war die Astoria jedenfalls "ein wichtiges Zeichen. Viele Sammlerinnen und Sammler kommen gerne nach Wien und dafür braucht es eine starke Messe. In der momentan schwierigen Situation des Kunstmarkts sind aber auch Ereignisse wie die Eröffnung des Privatmuseums von Reza Akhavan diese Woche für mich ein Lichtblick, der zeigt, dass in Wien weiterhin neue Initiativen und Räume für Kunst entstehen".
Zukunftsmodell
Publikumserfolg ja, ob die Astoria Artshow aber neue Käuferinnen und Käufer mit sich bringt, dieses Urteil traut sich Martin Janda als Vorsitzender des Galerienverbandes noch nicht zu. An sich sieht er den Fokus im 60 bis 80 ausstellende Galerien ein Zukunftsmodell. "Auf der anderen Seite handelt es sich bei dem Gebäude doch um eine Garage. Es wären einige Investitionen nötig, die sanitären Anlagen und die Belüftung müsste man sich beispielsweise genauer anschauen."
Für den Standort Wien sei die Messe jedenfalls wichtig gewesen: "Wien ist kein großer Markt. Für uns Galerien ist es deshalb notwendig, international sichtbar zu sein und zu bestehen."
Wie schwierig sind da die aktuellen Schließungen zu verkraften? Janda sieht die "natürlich mit großer Sorge", von einer Katastrophe will er aber nicht sprechen. Vielen Galerien gehe es gut, eingesessen als auch jüngeren.
Krisenzeit am Kunstmarkt
Klar ist aber: Jede Krise und Kriegssituation sei bisher mit einem massiven Abschwung des Kunstmarktes verbunden gewesen. Kunstkauf habe derzeit nicht Priorität. Es geht da nicht nur um Kapital. Janda meint, dass Menschen die Muße fehle, ihren "Fokus zu erweitern". Auch international haben Top-Galerien in den letzten zwei, drei Jahren zugemacht, globale Player wie David Zwirner Standorte oder Künstler reduziert. "Jetzt trifft es leider auch Wien." Ein Ansatz, um die Rahmenbedingungen zu verbessern, wäre die Senkung der Mehrwertsteuer auf Kunstkäufe, die in Österreich mit 13 Prozent doppelt so hoch sei wie in anderen Ländern. Das würde auch Kunstschaffenden nützen. In Zeiten wie diesen hat so ein Vorschlag (der übrigens im Koalitionsabkommen steht) es aber schwer, ist Janda klar.
Von einer Mehrwertsteuerreduktion würde auch Emanuel Layr profitieren. Er war auf der Parallel, aber nicht auf der Astoria Artshow vertreten. Auch er war ob der Kurzfristigkeit skeptisch, als Besucher aber "sehr positiv überrascht", sagt er. Öffentliche Gelder zur Messeunterstützung findet er nicht nur notwendig, damit jüngere und ausländische Galerien sich die Stände leisten können. Im Beirat der Artissima Turin, die durch eine Stiftung der Stadt und Region Turin gehört, habe er gesehen, wie die Messe zur "Drehscheibe für Turins Kunstgeschehen" geworden sei, einen Werbeeffekt für die Stadt und Region schaffe, sagt er. Vereinte Anstrengung reduziere zudem das Risiko für die Galerien, ein Kuratorenprogramm steigere noch den Mehrwert. So könne eine Messe auch ohne viele kaufende Besucher funktionieren und der Öffentlichkeit zugutekommen. "Ein fairer Austausch, den man bei Mega-Messen nicht mehr so spürt. Dort zahlt man sehr viel Geld und erwartet sich viele kaufende Kunden."
Käufer vs. Sammler
Layr unterscheidet zwischen "Käufern und Kunstfans" einerseits, die "nicht jeden Tag in eine Galerie gehen, sich aber bei so einem Event gut abgeholt fühlen, sich vielleicht ein kleines Budget vorbereiten, etwas erwerben, und dann in ein oder zwei Jahren wieder", und Sammlern. Ob von letzteren, die "in Galerien gehen, informiert bleiben und sich von anspruchsvoller Kunst überzeugen lassen", gerade genügend hierzulande unterwegs sind? Dessen ist er sich nicht sicher. "Leider gibt es in Wien nicht viel privates Geld für zeitgenössische und progressive Kunst."
Neben den weltweiten Krisen beobachtet er auch aufgrund einer "Einkommensschere" ein Wegbrechen des "sammelnden Mittelstands". Gerade jener – es geht hier je Werk nicht um exorbitant viel Geld – sei aber "sehr wichtig für Künstlerinnen und Künstler von morgen" und für deren Galerien.
Ein Problem scheint, hört man ihm zu, auch hausgemacht. Nämlich sei das Kunstangebot in den vergangenen Jahren stärker gewachsen als die Zahl Sammelnder. Je mehr los sei, umso schwieriger sei es geworden, "sich in dieser Welt zu orientieren: Welche sind die relevanten Messen? Wo finde ich die spannenden Künstlerinnen und Künstler und was macht sie aus? Welche Galerie ist relevant? Wie wir wissen, kann eine Überforderung auch zu einem Rückzug führen." Es bräuchte mehr öffentlichen Diskurs über Kunst, findet Layr.
Auf der Bremse
Dieses Schneller, Höher, Weiter, Mehr ist Mitgrund dafür, dass er nun auf die Bremse steigt und einen "Betrieb, der sich zunehmend industrialisiert", neu denken will. Seine neuen Räume sollen vorrangig als Büros dienen. Zwar kann es dort hie und da Werkpräsentationen oder Gesprächsformate geben, grundsätzlich aber reduziert er Ausstellungen und Messen. "ich möchte wieder enger mit Sammlerinnen und Sammlern, effizienter mit Künstlerinnen und Künstlern und kollaborativer mit anderen Ausstellungsmachern zusammenarbeiten", sagt er. So will er "im Sinne eines Managements und Kunsthandels" stärker "auf einzelne Projekte und künstlerische Positionen fokussieren. Dies kann gemeinsam mit Institutionen aber auch mit anderen Galerien passieren. Unsere Rolle kann unterschiedlich sein: Advokat, Produzent, Fundraiser…". Zu mehr gezielter Zusammenarbeit rät er generell: "Es gibt so viele Ausstellungen, wo Geld und Ressourcen fehlen."
Wo ein Fokus, da auch unscharfe Zonen: "Man arbeitet dann nicht mit 15 Künstlern gleichzeitig voll, sondern für manche macht in dem Moment ein stärkerer Einsatz mehr Sinn, für andere zu einem anderen Zeitpunkt." Diesen Herbst etwa fließen Layrs gebündelte Kräfte in Projekte mit Philipp Timischl vor allem in Asien, auch in Franz West mit einer Ausstellung in China. Neben Asien schielt Layr auch auf "neue, sehr interessante und hochprofessionelle Sammlungen" in Nachbarländern wie Tschechien, der Slowakei, Ungarn. Dass diese noch so oft ausgeblendet werden, ist ihm ein Rätsel. "Es wird ein paar Künstlerinnen und Künstler geben, die damit nicht d’accord sind, weil ihnen eine klassische Repräsentation wichtiger ist, für sie werden wir, so gut es geht, mithelfen, Alternativen zu finden."
Braucht man in Zeiten von Social Media noch fünf Tage die Woche eine Galerie offen zu halten, deren Publikumsfrequenz womöglich ohnehin mau ist? "Es ist fantastisch, was Galerien der Öffentlichkeit gratis zur Verfügung stellen, dafür habe ich größten Respekt", sagt Layr. "Ich habe es über 20 Jahre so gemacht. Für manche ist das noch immer der perfekte Weg, aber für manche halt nicht mehr. Ich versuche zu schauen, ob es andere Möglichkeiten gibt."
Rechtsruck als Faktor
Vieles vom schon Gesagten klingt auch bei Magdalena Zeller an. Sie berichtet dem STANDARD ziemlich offen über ihre Beweggründe, die Galerie Zeller van Almsick am Franz-Josefs-Kai nach fast zehn Jahren zu schließen: "Die vergangenen zwei Jahre waren für uns finanziell ausgesprochen schwierig. Die Kosten, eine permanente Galerie zu betreiben, anspruchsvolle Ausstellungen zu produzieren und an internationalen Kunstmessen teilzunehmen, sind deutlich gestiegen, während Verkäufe wesentlich weniger planbar geworden sind. Unser wirtschaftlicher Handlungsspielraum wurde dadurch zunehmend enger, bis es letztlich schwierig wurde, die Galerie in der Form und mit dem Anspruch weiterzuführen, die für uns notwendig waren."
Wien verfüge zwar "über eine außergewöhnlich starke Kulturlandschaft und eine interessante zeitgenössische Kunstszene". Doch besteht für die Galeristin "für kommerziell arbeitende Galerien nach wie vor eine Diskrepanz zwischen der kulturellen Bedeutung der Stadt und der Größe beziehungsweise Kaufkraft der lokalen Sammlerschaft".
Dass die Rahmenbedingungen angesichts angespannter Budgets und eines Rechtsrucks in Europa für Kunst und Kultur einfacher werden, glaubt sie darüber hinaus nicht. "Für uns war daher irgendwann der Punkt erreicht, an dem wir grundsätzlich hinterfragen mussten, ob ein permanenter Galerieraum unter diesen Bedingungen noch die richtige Struktur ist." Wie es für sie weitergeht, möchte Zeller noch offen lassen. (Michael Wurmitzer, 26.9.2026)
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