Smartphone auf Räder: Heimisches Know-how für die Autos der Zukunft


Starkes Ökosystem

Smartphone auf Räder: Heimisches Know-how für die Autos der Zukunft

Von Materialforschung bis Softwareentwicklung: Österreich spielt bei europäischen Halbleiterprojekten eine zentrale Rolle. Finanzielle Limits werden aber oft zur Hürde

Alois Pumhösel

Luftaufnahme einer Straße bei Hakenberg, Nordostdeutschland, mit einem Auto, das entlangfährt. Bäume mit herbstlichem Laub säumen die Straße und werfen lange Schatten auf ein landwirtschaftliches Feld darunter.
Werden Autos bald zu einer Art Smartphone auf vier Rädern? Bei Software Defined Vehicles sollen Funktionen durch Software gesteuert werden. Via Mobilfunk oder WLAN sollen Updates eingespielt werden, die etwa die Leistung verbessern oder Fehler korrigieren sollen.

Auch in bisherigen Fahrzeugen steckt eine Menge Rechenkraft. Sie ist gewöhnlich auf viele Steuergeräte verteilt, die im ganzen Auto Funktionen und Assistenzsysteme – vom Fensterheber bis zur Spurhaltehilfe – managen. Bei neuen, sogenannten Software Defined Vehicles (SDV) wird die IT-Architektur dagegen von Grund auf neu gedacht. Hier übernehmen zentrale, leistungsfähige Rechner die anfallenden Kalkulationsaufgaben.

Damit ist keine maßgeschneiderte Software für einzelne Steuergeräte mehr nötig. Die Computerbauteile sind standardisiert, Hard- und Software werden entkoppelt. Ähnlich wie bei einem Smartphone bestimmt die Software maßgeblich, welche Funktionen verfügbar sind. Updates, die die Fahrzeugfähigkeiten erweitern oder verfeinern, kommen "over the air", werden also per Mobilfunk oder WLAN eingespielt.

Kräfte bündeln

Anbieter wie Tesla, Nio oder Xpeng sind auf diesem Weg bereits relativ weit fortgeschritten. Doch auch Europas Forschung ist dabei, die technologischen Grundlagen auf breiter Basis zu entwickeln. Initiativen, in denen technologische Architekturen und Standards für künftige Softwareplattformen geschaffen werden, sind Teil der EU-Regulierung des European Chips Act. Resultierende Forschungsprojekte werden im Rahmen des Chips Joint Undertaking (Chips JU) gefördert – ein Instrument, bei dem EU, Mitgliedsstaaten und Industrie in Form einer Public-Private-Partnership zusammenarbeiten, um die Entwicklung von Halbleiterelektronik voranzutreiben und eine größere Unabhängigkeit bei Chips und Software sicherzustellen. In allen Bereichen steht dabei eine starke Kooperation von Unternehmen und Forschungsinstitutionen über ganz Europa hinweg im Vordergrund.

Dem Programm stehen auf nationaler Ebene vielfach "Spiegelorganisationen" gegenüber, die die lokalen Ökosysteme bei der Teilnahme an den großen europaweiten Projekten im Rahmen von Chips JU unterstützen und Positionen und Zielsetzungen gemeinsam mit der Politik im Land und in Brüssel abstimmen. In Österreich ist die Plattform Electronics and Software-Based Systems Austria (ESBS) dafür zuständig, die eine Vielzahl von Hard- und Softwareunternehmen im Land vereint. Ihr Vorsitzender Stefan Rohringer leitet die österreichischen Forschungs- und Entwicklungszentren bei Infineon.

Platz an der Spitze

"Für uns in Österreich ist der Ansatz einer kooperativen Forschung zentral, wobei wir die gesamte Wertschöpfungskette von Halbleitermaterialien über Chipentwicklung und Fertigung bis hin zur Software abdecken – das ist unsere große Stärke. Uns geht es um das optimale Zusammenspiel von Hardware und Software, wobei wir besondere Stärken bei Energietechnik und im Gesundheitsbereich, in der Mobilität und Sensorik sowie bei Sicherheitslösungen haben", betont Rohringer. "Gleichzeitig gibt es bei sehr vielen Projekten im Rahmen von Chips JU eine österreichische Beteiligung. Vergleichsweise oft liegt auch die Koordination bei heimischen Organisationen – vielleicht sind wir Österreicher besonders geschickt im Zusammenbringen unterschiedlicher Forschungsperspektiven."

Rohringer hebt hervor, dass sich in Österreich ein besonders leistungsfähiges Ökosystem im Halbleiterbereich gebildet hat, das – zumindest relativ zur Größe des Landes – den europaweit höchsten Output an elektronischen Bauelementen hat. Laut einem Positionspapier des Fachverbands der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI) nimmt der Elektronikbereich bei den Anteilen an der Gesamtwertschöpfung sowie der gesamten unternehmerischen Forschung und Entwicklung den ersten Platz ein. Ebenso liegt die Industriesparte demnach auf Platz eins bei den Anteilen an der Gesamtbeschäftigung im Vergleich zu anderen technologisch führenden Ländern. Dahinter steht ein steiles Wachstum in den vergangenen Jahren: Der Output von elektronischen Bauelementen hat sich in Österreich in zehn Jahren versechsfacht, während die gesamte Industrieproduktion des Landes um etwa 70 Prozent gewachsen ist.

Ein Mitarbeiter in Schutzanzug und Handschuhen spiegelt sich in einem 300-mm-Galliumnitrid-Wafer, den er in einem vollautomatisierten Reinraum einer Chipfabrik hält. Im Hintergrund sind technische Einrichtungen und Beleuchtungen sichtbar.
Die EU will mehr Souveränität im Halbleiter-Bereich gewinnen. Österreich leistet dabei laut Erhebungen von Branchen- und Fachverbänden einen wesentlichen Beitrag. Im Bild hält ein Infineon-Mitarbeiter einen 300-mm-Galliumnitrid-Wafer in der Chipfabrik in Villach.

Erfolge weiterführen

Auf europäischer Ebene muss der Technologiesektor aber noch besser an einem Strang ziehen und schneller werden, um mit globalen Spitzenreitern mithalten zu können. "Während die USA und China auf ziel- und anwendungsorientierte Programme setzen, die die gesamte Wertschöpfungskette entwickeln, wirkt Europas Ansatz bislang häufig fragmentiert", kritisiert Rohringer. Zur Verbesserung von Effizienz und Kooperation möchte auch ESBS als österreichisches Netzwerk beitragen.

Dabei stehen auch die Fördermittel des Bundes zur Debatte: "Österreichische Unternehmen und Forschungseinrichtungen sind bei europäischen Forschungsprojekten zur Mikroelektronik und Halbleitertechnologie sehr erfolgreich. Doch die dafür notwendige nationale Kofinanzierung ist limitiert", sagt Rohringer. "Besonders bitter ist es, wenn man erfolgreich an einem EU-Projekt teilgenommen hat, aber keine Anschlussförderung vorhanden ist und österreichische Partner in der Weiterführung der Forschung nicht dabei sein können." Heimische Organisationen müssen beispielsweise nach der Prototypenphase aussteigen, obwohl sie wichtige Vorarbeit geleistet haben – andere führen die Entwicklung weiter.

Vermittler im Auto

Trotz dieser Einschränkungen nehmen Industrie und Forschungsinstitutionen aus Österreich in vielen der Chips-JU-Projekte zentrale Rollen ein – besonders im Bereich der Software Defined Vehicles. Hier liegt in vier großen Konsortien die Koordination bei heimischen Organisationen. Eines davon ist das Projekt "HAL4SDV", geführt vom Wiener Unternehmen TTTech, in dem es um einen absoluten Kernbereich der SDVs geht. Hier wird ein sogenannter Hardware Abstraction Layer entwickelt, also eine Art Vermittlerebene zwischen Hard- und Software.

Sie erlaubt, dass künftig nicht mehr für jedes Hardwareelement spezialisierte Software geschrieben werden muss, sondern das Softwaresystem mit austauschbaren Standard-Komponenten zurechtkommt. Diese "Abstrahierung" der Hardware erlaubt schlussendlich, dass das Auto tatsächlich durch eine veränderbare Software "definiert" werden kann. "Die Autobauer haben großes Interesse an dieser Entwicklung, weil es die Entwicklungszeiten verkürzt und die Flexibilität in der Fertigung erhöht", betont Rohringer. Es wird deutlich, dass bei der europäischen Aufholjagd im Automobilsektor auch Österreich mit im Cockpit sitzt. (Alois Pumhösel, 26.9.2026)

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