Landesvorsitzende Dillschneider: „Die Grünen in einer Landesregierung wären ein Gewinn für das Saarland“
Landesvorsitzende Dillschneider „Die Grünen in einer Landesregierung wären ein Gewinn für das Saarland“
Interview · Im großen SZ-Sommerinterview erklären die beiden Grünen-Landesvorsitzenden Jeanne Dillschneider und Volker Morbe, wie sie im Wahlkampf als kleine Partei punkten wollen und warum auch eine Regierungsbeteiligung nicht ausgeschlossen ist.
12.07.2026 , 13:50 Uhr
Die beiden Grünen-Landesvorsitzenden Volker Morbe und Jeanne Dillschneider können sich eine Regierungsbeteiligung durchaus vorstellen. Foto: Oliver Dietze
Foto: Oliver Dietze
Neuneinhalb Monate bis zur Landtagswahl. Ist der Wahlkampf schon zu spüren?
JEANNE DILLSCHNEIDER Auf jeden Fall. Er ist in der Partei spürbar. Man merkt überall die Motivation und auch eine produktive Arbeitsatmosphäre. Man merkt es aber auch im politischen Diskurs, im Landtag bei SPD und CDU, wie da langsam auch die härteren Bandagen ausgepackt werden. Ich glaube, nach der Sommerpause geht es richtig los.
VOLKER MORBE Wir machen ja seit dem ersten Tag, als wir als Landesvorsitzende gewählt wurden, nichts anderes als Wahlkampf. Weil es unser Ziel ist, in den Landtag zu kommen. Wir sind seitdem viel unterwegs im Land und haben uns vernetzt. Wir sind wieder wahrnehmbar.
Im letzten Saarlandtrend kamen SPD, CDU und AfD auf 75 Prozent. Viel Platz für die Kleinen bleibt da nicht mehr.
DILLSCHNEIDER Es ist nicht einfach, da reinzugrätschen, aber ich bin optimistisch, dass uns das gelingen wird. Es geht darum, klarzumachen, dass wir notwendig sind und dass unsere Themen und Inhalte aktueller denn je sind. Wir verstehen uns auch nicht als Zuschauer eines Dreikampfs zwischen SPD, CDU und AfD, sondern als eigenständige Kraft mit eigenen Antworten auf die Zukunftsfragen des Landes. Diese drei Parteien haben kein Rezept gegen den Klimawandel. Und das wird immer wichtiger, auch was die Klimaresilienz angeht, um auch in Zukunft ein lebenswertes Saarland zu haben. Ich sehe bei SPD, CDU und AfD da keinen Ansatz.
Dazu kommt eine traditionell schwierige Ausgangslage. Die Grünen haben ja im industriell geprägten Saarland keine gigantisch große Stammwählerschaft.
DILLSCHNEIDER Es fehlt eine ökologische Partei im Landtag, und das sind die Grünen. Klar ist natürlich, dass wir unsere Stammwählerschaft mobilisieren müssen, aber auch darüber hinaus können wir viele Wähler ansprechen. Darüber hinaus gibt es viele Fragen, die nicht einmal aufgeworfen werden im Land. Wir werden stark über die Inhalte kommen müssen und über ein gutes Programm. Wir können das, und bei uns ist es nicht nur hübsches, Marketing wie bei der SPD, sondern wir haben auch Substanz dahinter. Und Volker Morbe, Anne Lahoda (Grüne Spitzenkandidatin, Anm. d. Red.) und ich sind überall unterwegs und versuchen, die Leute abzuholen. Das reicht vom Feminist Book Club im Nauwieser Viertel, über den Fußball bis zur Fastnacht. Raus aus der Blase und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Das ist das beste Rezept.
Klimaschutz als Kernthema hat aber offenbar ein Popularitätsproblem. In Umfragen liegt es bei den drängendsten Problemen für die Menschen weit abgeschlagen hinter der wirtschaftlichen Lage…
MORBE Ich finde, diese Themen kann man überhaupt nicht trennen. Ja, man muss den Klimaschutz in den Fokus rücken. Aber es hängt auch die soziale Frage damit zusammen. Im Moment haben wir das Thema Hitze. Wen betrifft es am meisten? Menschen, die besonders vulnerabel sind, ältere Menschen, Menschen mit chronischen Krankheiten. Deshalb reicht es nicht mehr, nur über Klimaschutz zu reden. Wir müssen unsere Städte und Gemeinden auch klimaresilient machen – mit mehr Schatten, Trinkbrunnen, entsiegelten Flächen und besserem Hitzeschutz für Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Klimaschutz ist natürlich Voraussetzung, es geht um den Schutz unseres Planeten, unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
DILLSCHNEIDER Es ist aber auch eine Frage der Sicherheit. Wir sind im Bereich der Energie abhängig von Autokraten überall auf der Welt. Von daher ist für mich Klimaschutz auch eine Frage der wirtschaftlichen Souveränität. Die Transformation zum Grünen Stahl ist das größte Dekarbonisierungsprojekt Europas. Da geht es um den Fortbestand der Stahlindustrie in ganz Deutschland. Und es geht auch darum, zu zeigen, in nachhaltigen Jobs steckt Zukunft, nicht nur bei der Stahlindustrie. Nehmen wir Wärmepumpen. Da reden wir von einem Umsatz von 2,8 Milliarden Euro. Von dieser Transformation können gerade der Mittelstand und das Handwerk unheimlich profitieren. Da kann Wertschöpfung hier im Land entstehen, wenn wir vorangehen und Mut beweisen. Das machen wir aber viel zu wenig.
Im Moment stehen die Grünen im Bund ganz gut da in den Umfragen. Im letzten Saarlandtrend lagen Sie bei sieben Prozent. Was sind die Ziele für die Landtagswahl?
MORBE Sieben Prozent sind kein Ruhekissen, aber der Trend geht nach oben. Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir weiterarbeiten, dass wir rausgehen und dass wir den Menschen zwei Dinge mitgeben. Thema Nummer eins ist: Wir sind hier neue Grüne. Wir haben neue Köpfe, neue Ideen. Ich glaube, diese Botschaft ist sehr wichtig angesichts unserer Vergangenheit. Natürlich spielt auch der Bundestrend eine Rolle, aber vor allem müssen wir klar machen, dass wir ein Konzept für das Land haben, eigene Ideen und eine Geschichte erzählen. Dann können wir auch auf ein gutes Ergebnis kommen. Wir wollen wieder gestaltende Kraft im Landtag werden und Verantwortung übernehmen.
Und eine Regierungsbeteiligung? Ist die nach den Jahren der Neuordnung schon vorstellbar?
MORBE Die Grünen in einer Landesregierung wären ein Gewinn für das Saarland. Die SPD wird ihre absolute Mehrheit nicht halten. Wenn CDU und SPD weiter verlieren, könnten die Grünen der Garant für eine stabile Regierung sein.
Lieber mit Schwarz oder Rot?
MORBE Das entscheiden vor allem die Wähler.
Am Ende kommt es im Wahlkampf auch auf Köpfe an. Sie müssen Ihre noch etwas bekannter machen. Wie viel Programm- und wie viel Personenwahlkampf wird es?
DILLSCHNEIDER Wir müssen die Köpfe mit den Inhalten verbinden. Es geht darum, wofür die Person steht. Wir haben ja noch Zeit bis zur Wahl. Die wollen wir nutzen, um unterwegs zu sein und uns noch bekannter zu machen. Natürlich haben wir eine andere Ausgangslage als eine Fraktion im Landtag oder ein Minister. Aber viele Menschen wollen einfach über Politik ins Gespräch kommen. Und viele sagen uns auch, dass dem Landtag eine grüne Stimme fehlt, die neue Perspektiven einbringt und den Blick auf die Zukunft richtet. Und das können Volker und Anne. Volker als Schulleiter weiß, wo der Schuh drückt, und Anne als Wirtschaftsprüferin bringt die wirtschaftliche Kompetenz mit.
Den größten grünen Erfolg der jüngeren Vergangenheit hatte Cem Özdemir. Mit einem Wahlkampf, der nicht unbedingt urgrün war.
DILLSCHNEIDER Das ist doch immer die Frage, was ist urgrün? Das wird ja auch immer gerne von außen herangetragen, dass Cem keinen grünen Wahlkampf gemacht habe. Diese Wahrnehmung müssen wir aufbrechen. Was Cem sehr gut gemacht hat, ist, schon sehr früh zu sagen, er will Ministerpräsident werden. Er ist sehr früh in den Wahlkampf gestartet und hat nicht nur die klassischen Formate gemacht. Der ist zum Beispiel einfach mit Menschen zum Laufen gegangen und hat sich sehr viel Zeit genommen, er war viel unterwegs. Das sehen wir auf jeden Fall als Vorbild. Ich glaube auch, dass dieser Pragmatismus bei den Menschen extrem gut ankommt, an die Lebensrealitäten vor Ort anzuknüpfen. Ich finde es falsch zu sagen, er habe keinen grünen Wahlkampf gemacht, weil Cem ist für mich der klassische Ur-Grüne. (sas)