Lange vor Verdener Stichwahl: „Die Bürgermeisterin muss auch Motor sein"


Stand: 23.09.2026, 19:00 Uhr

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Eine Frau und ein Mann stehen an einem Stehtisch

Fürs Verkehrsproblem möchte sie realistische Lösungen: Claudia Lange (SPD, unterstützt von den Grünen) im Gespräch mit MK-Redakteur Heinrich Kracke. © Bartz

SPD-Kandidatin Claudia Lange spricht über Leerstände, Ärztemangel und Mehrheiten im neuen Stadtrat. Einen dritten Allerübergang hält sie für kaum finanzierbar.

Verden – Dass Verden ab November eine Frau auf dem Chefinnensessel haben wird, ist sicher. Wer dies sein wird, allerdings noch nicht, an diesem Sonntag steht die Stichwahl an – und zwar zwischen Christina Hartmann (parteilos) und Claudia Lange (SPD, unterstützt von den Grünen). Nur wenige Tage vor der Abstimmung hat die Redaktion beide Kandidatinnen zur Interviewrunde gebeten, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede noch einmal zu beleuchten. So zumindest der Plan: Hartmann sagte zwölf Stunden vorher ihre Teilnahme ab. Das Gespräch gab es dennoch – und zwar mit Claudia Lange.

Frau Lange, Sie haben im ersten Wahlgang 43,5 Prozent der Stimmen erhalten. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Ich sehe das als Erfolg und darin auch einen deutlichen Wählerwillen. Bei einem so bunten Bewerberfeld 43,5 Prozent zu erreichen, freut mich sehr. Ich habe fast jeden Wahlbezirk gewonnen. Das macht mich glücklich, zufrieden und dankbar gegenüber allen Wählerinnen und Wählern, die sich für mich entschieden haben. Für mich zeigt das auch, dass wir mit den Themen Wohnen, Gesundheit, Innenstadt, Verkehr und Mobilität sowie Klimaanpassung die richtigen Schwerpunkte gesetzt haben.

Nach der Wahl muss die künftige Bürgermeisterin Mehrheiten im neuen Stadtrat organisieren. Wie möchten Sie das angehen?

Die Gespräche werden wir nach dem 27. September führen. Ich möchte an die gute Tradition anknüpfen, mit den demokratischen Fraktionen darüber zu sprechen, wo es Schnittmengen gibt und was wir gemeinsam bewegen können. Das liegt schließlich nicht allein in der Hand der Bürgermeisterin, sondern auch in der Verantwortung der Fraktionen.

Schließen Sie dabei eine Zusammenarbeit mit der AfD aus?

Ja, die AfD ist in Niedersachsen in Teilen gesichert rechtsextrem beziehungsweise wird vom Verfassungsschutz beobachtet, weil bestimmte Tendenzen da sind. Und deshalb schließe ich eine Zusammenarbeit mit der AfD aus.

Rechnen Sie damit, dass sich das politische Klima im Rat verändert?

Es wird sicherlich ein anderes Abstimmungsverhalten geben. Entscheidend wird sein, wie sich die einzelnen Fraktionen positionieren. Ich setze auf die demokratischen Fraktionen und auf die Erfahrung aus früheren Wahlperioden, dass es bei kommunalen Themen in aller Regel um die Sache geht. Verden gemeinsam voranzubringen, ist mein Anspruch.

Die ärztliche Versorgung ist auch in Verden ein Thema: Was kann eine Bürgermeisterin da überhaupt tun?

Ich möchte dieses Thema aktiv begleiten. Wenn sich bei Arztpraxen ein Wechsel abzeichnet, sollten wir frühzeitig miteinander reden. Die Kommune kann Partnerin sein. Auf die Zahl der Kassensitze hat eine Bürgermeisterin keinen direkten Einfluss, das entscheidet die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen. Aber ich möchte dort immer wieder deutlich machen, dass zwischen statistisch festgestellter Versorgung und dem, was die Menschen vor Ort erleben, teilweise eine große Lücke besteht. Das ist ein dickes Brett, aber ich bin bereit, es zu bohren.

Die Innenstadt und ihre Leerstände beschäftigen viele Verdener. Was ist Ihr Ansatz?

Die Innenstadt hat Priorität. Gleichzeitig ist das ein komplexes Thema mit vielen Beteiligten: Stadt, Händler, Immobilienbesitzer. Ich glaube nicht, dass wir wieder zu einer Innenstadt kommen, in der es ausschließlich um Handel geht. Dafür ist die Konkurrenz durch das Internet zu groß.

Was braucht es stattdessen?

Einen Mix aus Handel, Aufenthalt, Begegnung, Kultur, Wohnen und möglicherweise auch Gesundheit. Warum nicht beispielsweise eine Arztpraxis oder Räume für Gesundheits- und Bewegungsangebote in die Innenstadt holen? Gerade für ältere Menschen könnten dort vormittags Angebote entstehen. Wenn ich gewählt werde, möchte ich mit Immobilienbesitzern und Händlern gemeinsam überlegen, wie wir die Innenstadt weiterentwickeln können.

Eine Leserfrage setzt genau dort an: Was wollen Sie konkret tun, um den Handel in der Innenstadt und im Mischgebiet zu stärken?

Zunächst möchte ich noch einmal mit dem bestehenden Handel sprechen: Wo drückt der Schuh, was können wir gemeinsam verbessern? Gleichzeitig sollten wir auch gezielt über Verden hinaus nach neuen Angeboten suchen und Unternehmen ansprechen. Wir müssen schauen: Was fehlt uns in der Stadt? Wo gibt es besondere Angebote, die Menschen zusätzlich nach Verden bringen können? Es darf nicht noch deutlich mehr Leerstand werden.

Ein Dauerbrenner ist das Parken, vor allem in der südlichen Innenstadt. Benötigt Verden zusätzliche Parkmöglichkeiten?

Wir müssen zunächst berücksichtigen, was bereits geplant ist. Das Parkhaus Brückstraße soll neu gebaut werden. Auch am Krankenhaus gibt es Überlegungen für ein Parkhaus. Dazu kommt die Ersatzparkfläche am Domherrenhaus. Ich würde diese Fläche auch über die Bauphase hinaus erhalten wollen, solange dort keine andere Nutzung konkret umgesetzt wird.

Reicht das?

Wir sollten nicht nur über Parkplätze reden. Gerade für die Ortschaften müssen wir auch den ÖPNV stärken und beispielsweise über Bürgerbusse nachdenken. Auch einen Shuttle-Service kann man einmal ausprobieren. Wir brauchen einen Mix verschiedener Maßnahmen, um den Autoverkehr zu entlasten.

Viele große Projekte sind längst beschlossen oder in Planung. Welchen Gestaltungsspielraum hat eine neue Bürgermeisterin überhaupt noch?

Einen großen. Diese Projekte müssen gut begleitet werden. Nur weil etwas beschlossen ist, läuft es nicht automatisch. Die Hausspitze muss immer wieder fragen: Wo stehen wir? Was ist der nächste Schritt? Mit wem müssen wir zusammenarbeiten? Die Bürgermeisterin muss auch Motor sein und politische Beschlüsse in die Verwaltung übersetzen.

Eine weitere Leserfrage kommt von einer Mutter eines Kindes mit Behinderung: Was wollen Sie konkret tun, damit Kinder und Jugendliche mit Behinderung in Verden tatsächlich dazugehören?

Das ist ein sehr wichtiges Thema. Wir sind auf dem Weg, müssen aber kontinuierlich weiterarbeiten. Dazu gehört, Fachkräfte in Kitas und Schulen zu sensibilisieren. Auch unsere Sportvereine machen bereits Angebote. Ein Beispiel ist die geplante inklusive Kletterwand des TV Verden, bei der Menschen mit und ohne Beeinträchtigung ganz selbstverständlich gemeinsam klettern können. Genau darum geht es: nicht getrennte Angebote zu schaffen, sondern Teilhabe selbstverständlich zu machen. Dazu gehört auch eine Haltung in den Köpfen: Jeder Mensch ist Teil unserer Gesellschaft und trägt etwas zu ihr bei.

Mehrere Leser beschäftigen sich mit zusätzlichen Allerquerungen. Wie bewerten Sie einen dritten oder sogar vierten Übergang?

Ein vierter Allerübergang ist aus meiner Sicht unrealistisch. Auch bei einem dritten Übergang sprechen wir über ein extrem großes Projekt. Nach den bisher vorliegenden Untersuchungen reicht der volkswirtschaftliche Nutzen nicht aus, um eine entsprechende Förderung zu ermöglichen. Dann blieben enorme Kosten bei der Stadt beziehungsweise weiteren kommunalen Partnern hängen.

Was wäre Ihre Alternative?

Wir sollten uns auf realistisch umsetzbare Maßnahmen konzentrieren: den Nordertorkreisel betrachten, Kreuzungen und Ampelschaltungen verbessern und die Verkehrsführung im Osten weiterentwickeln. Für solche Projekte sehe ich eher eine Chance, tatsächlich Entlastung zu erreichen. Wenn wir uns dagegen zusätzlich mit einem Projekt im hohen zweistelligen oder möglicherweise sogar dreistelligen Millionenbereich binden, fehlen uns die Möglichkeiten für viele andere Vorhaben.