Leag-Chef Roesch im Interview: Sein Braunkohle-Konzern soll "komplett grün" werden


Brandenburg, Welzow: Ein Schaufelradbagger trägt Braunkohle im Braunkohletagebau Welzow-Süd der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) ab.

AUDIO: Wie der Braunkohleriese LEAG "komplett grün" werden will (14 Min)

Interview

Wie der Kohle-Konzern Leag "komplett grün" werden soll

Stand: 10.10.2026 12:26 Uhr

Adi Roesch leitet die Leag, das größte Kohle-Unternehmen im Osten, Tagebaue, Kraftwerke und 6.500 Mitarbeiter. Doch er muss raus aus der Braunkohle, bis 2038 das letzte Kraftwerk in der Lausitz abschalten. Einen grünen Energiekonzern will Roesch deshalb aus der Leag machen, mit Milliardensummen. Wie soll das gehen?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

MDR AKTUELL: Der Iran-Krieg hat erneut eine Energiekrise ausgelöst. Öl und Gas sind knapp. Aber Braunkohle haben die Ostdeutschen reichlich vor der Tür. War der Kohle-Ausstieg doch keine so gute Idee?

Adi Roesch: Wir haben eine geopolitische Krise, es ist nicht die erste und womöglich auch nicht die letzte. Trotzdem halten wir als Leag an unserem Plan fest, bis 2038 aus der Kohle ausgestiegen zu sein.

Selbst wenn die Politik Sie bitten würde, den Ausstieg auf 2045 zu verschieben, hätten sie keine Lust drauf?

Wir stecken als Unternehmen mitten in der Transformation. Und die hat richtig Dynamik aufgenommen. Wir investieren bis 2030 fast sechs Milliarden Euro in unsere neuen Geschäftsfelder, in erneuerbare Energien, in Großspeicher, wir wollen Gaskraftwerke bauen. Darauf würde ich mich gern fokussieren wollen.

Video: Großbatteriespeicher entsteht am Kraftwerk Boxberg (2 Min)

Verdienen Sie mit Kohle noch Geld? Die EU macht Kohlestrom über den CO2-Preis teuer, um das Klima zu schützen. Auch wegen des Ausbaus der Erneuerbaren dürfte die Kohlenachfrage stark gesunken sein.

Der reine Preis der Stromerzeugung aus Braunkohle hat sich in den letzten Jahren nicht sehr verändert. Da liegen wir bei 30 bis 40 Euro je Megawattstunde. Viele Industriekunden wären froh, wenn sie zu diesem Preis Strom bekämen. Der CO2-Aufpreis hat sich tatsächlich stark erhöht und das drückt unsere Gewinne. Die aktuelle geopolitische Lage hat aber zu gestiegenen Gaspreisen geführt, sodass wieder mehr Strom aus Braunkohle nachgefragt wird. Und deswegen verdienen wir mit der Kohle derzeit auch Geld.

Adi Roesch, Vorstandsvorsitzender der Lausitz Energie Kraftwerke AG

Adi Roesch ist seit 2024 Vorstandsvorsitzender der Leag. Zuvor war er beim Bauunternehmen Köster, bei General Electric und bei Alstom.

Trotzdem haben Sie in den vergangenen Jahren Braunkohlekraftwerke mehrfach drosseln müssen.

Das ist richtig, im Sommer und vor allem in den Mittagsstunden fahren wir die Kraftwerke runter. Je nach Wetter und der Verfügbarkeit von Ökostrom. Wir können inzwischen alle unsere Lausitzer Kraftwerke auf null fahren. Wenn es die Preise erfordern, machen wir das auch.

Wir können als Leag komplett grün werden. Leag-Chef Adi Roesch

Sie investieren in Batterien, in Windräder und Solarparks. Wie grün kann ein Kohle-Unternehmen werden?

Komplett. Auch die Gaskraftwerke, die wir bauen wollen, sollen ja ab 2045 wasserstofffähig sein. Insofern können wir als Leag komplett grün werden, wenn Sie diesen Begriff nehmen wollen. Ich würde eher davon sprechen, dass wir CO2-frei werden.

Zum Gelingen der Energiewende soll auch ihr riesiger Batteriespeicher in Jänschwalde beitragen. 1.000 Megawatt direkt neben dem Kohlekraftwerk. Wie viel Strom kann der künftig speichern?

Die Batterie soll ab 2028 in Betrieb gehen und kann dann über vier Stunden vollständig entladen werden. So kommen wir auf 4.000 Megawattstunden. Damit könnten allein wir ein Drittel von Berlin vier Stunden lang versorgen.

LEAG Visualisierung GigaBattery Jänschwalde 1000

Visualisierung der GigaBattery Jänschwalde

Der Bau von Großspeichern wird aktuell vom Staat unterstützt. Speicher, die bis August 2029 errichtet werden, bleiben von den Netzentgelten befreit. Lohnt sich das Speichergeschäft für Sie auch dann noch, wenn diese Subvention wegfällt?

Wir sind mit unseren Batterieprojekten ganz vorne und werden mit allen aktuellen Projekten vor August 2029 fertig sein. Insofern profitieren sie auch alle noch zwanzig Jahre lang von einer Befreiung von den Netzentgelten.

Und lohnt sich der Bau von Großspeichern auch danach noch?

Das müssen wir abwarten. Vor zwei Jahren haben wir erlebt, wie die Preise für Solarmodule nach unten gegangen sind. Deswegen haben wir entschieden, weitere Solarparks zu entwickeln. Man muss als Unternehmen kurzfristig auf die Marktsituation reagieren. Was 2029 sein wird, ist jetzt schwierig zu sagen.

Der Solarpark auf der Deponie des ehemaligen Braunkohletagebaus Jänschwalde der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) (Luftaufnahme mit einer Drohne).

Solarpark auf der Deponie des ehemaligen Braunkohletagebaus Jänschwalde.

Sie wollen auch Gaskraftwerke bauen. Als Reserve, wenn Strom aus erneuerbaren Quellen nicht zur Verfügung steht. In der Politik wurde heftig darum gerungen, wo diese Kraftwerke stehen könnten. Sie waren gegen eine bevorzugte Ansiedlung in Süddeutschland. Wie zufrieden sind Sie heute mit der Ausschreibung der Bundesnetzagentur?

Mir war wichtig, dass wir die gleichen Chancen erhalten wie jede andere Region auch. Deswegen bin ich mit der jetzigen Ausschreibung zufrieden. Nach Darstellung der Bundesnetzagentur sollen ein Drittel der neuen Gaskraftwerke im Norden und Osten stehen, zwei Drittel im netztechnischen Süden. Damit können wir leben.

Wo überall wollen Sie denn Reservekraftwerke bauen?

Tatsächlich haben wir uns mit allen unseren bisherigen Kraftwerksstandorten beworben. Leipheim in Bayern. Und in Ostdeutschland: Lippendorf bei Leipzig, Schwarze Pumpe, Jänschwalde und Boxberg in der Lausitz.

Aber wird denn tatsächlich an all diesen Standorten ein neues Reserve-Kraftwerk benötigt?

Definitiv. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass wir in Deutschland mehr als zwanzig Gigawatt an Reservekapazitäten brauchen. Ob wir bei der Ausschreibung gewinnen, wissen wir natürlich nicht. Das werden wir sehen, wenn die Bundesnetzagentur spätestens am 3. November die Zuschläge verkündet.

Und was passiert, wenn Sie den Zuschlag nicht erhalten?

Dann werden wir das Ergebnis analysieren und versuchen, bei der nächsten Ausschreibung erfolgreich zu sein – die soll im Dezember erfolgen. Wie viele Kraftwerke es für uns am Ende werden, da müsste ich wetten. Und ich bin kein Mensch, der gern wettet. Aber ich bin optimistisch.

In Zukunft verdient die Leag mit Batterien, Solar, Windkraft und womöglich mit Reserve-Kraftwerken. Wie viele Beschäftigte werden sie in die neue Energiewelt mitnehmen können?

Wir haben heute noch 6.500 Mitarbeiter. Und es ist kein Geheimnis, dass erneuerbare Energien oder auch Gaskraftwerke eine erheblich geringere Anzahl an Mitarbeitern benötigen als ein Braunkohlekraftwerk. Dort hängt ja der Tagebau noch dran, wo wir den Rohstoff selbst fördern – im Dreischichtbetrieb und mit viel Stolz der Mitarbeiter. Seit Jahrzehnten holen sie die Kohle raus, die unsere Stromversorgung rund um die Uhr absichert. Aber wir werden 2038 definitiv nicht bei 6.500 Mitarbeitern landen. Wie viele es noch sein werden, dazu gibt es unterschiedliche Szenarien. Die hängen auch sehr stark davon ab, ob wir an den bestehenden Kraftwerkstandorten neue Industrie ansiedeln können.

Windräder auf der Windenergieanlage Briesnig II auf der Fläche des ehemaligen Tagebaus Jänschwalde (Luftaufnahme mit einer Drohne).

Windenergieanlage im ehemaligen Tagebau Jänschwalde.

Die Leag gehört zur EP-Holding des tschechischen Milliardärs Daniel Křetínský. Wie viele ihrer Gewinne müssen Sie denn nach Prag abgeben?

Die EP-Holding hat die Leag vor zehn Jahren übernommen. Und es ist noch nie ein Gewinn nach Tschechien ausgeschüttet worden. Was wir an Gewinnen erwirtschaften, investieren wir hier wieder – in Großbatterien, in Erneuerbare und in Reservekraftwerke. Die sechs Milliarden Euro bis 2030 kommen aus unseren Mitteln. Zusätzlich haben wir auch finanzielle Verpflichtungen aus der Vergangenheit. Wir erhalten – von der EU bewilligt – von der Bundesregierung eine Kompensation für den Kohleausstieg.

... bis zu 1,75 Milliarden Euro.

Ein fixer Anteil daraus fließt direkt in die Vorsorgevereinbarungen mit den Ländern Brandenburg und Sachsen. Also die Gelder sind zweckgebunden. Die kann ich nicht direkt für mein operatives Geschäft einsetzen. Sie sind dafür gedacht, dass wir unsere Verpflichtungen erfüllen, wenn die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden.

Sie müssen von dem Geld unter anderem die Tagebaulöcher rekultivieren. Reichen Ihre Rücklagen dafür aus? Daran gibt es immer wieder Zweifel.

Rekultivierung ist für uns als Bergbauunternehmen normales Geschäft. Das machen wir schon immer. In Welzow-Süd haben wir einen schönen Weinhang gebaut, Wolkenberg, wo Lausitzer Wein produziert wird. Und der schmeckt auch gut, kann ich sagen, besonders im Sommer zum Feierabend. So heißt der Wein auch: Feierabend.

In Welzow-Süd haben wir einen schönen Weinhang gebaut, Wolkenberg, wo Lausitzer Wein produziert wird. Leag-Chef Adi Roesch

Ob das Geld für die Rekultivierung ausreicht, ist mehrmals geprüft worden. Wir geben diese Gelder auch schon jetzt aus – zum Beispiel in Schlabendorf, dem ersten Tagebau, den wir stillgelegt haben. Wir wollen dort 2030 fertig sein und dann gibt es dort drei Seen. Anschließend kommen die anderen Tagebaue, zum Schluss auch Nochten und Reichwalde in Sachsen, wo wir nach 2038 mit der Rekultivierung beginnen. Und darauf bereiten wir uns natürlich auch finanziell vor.

Video: Vom Kohlerevier zum Segelparadies – Das Lausitzer Seenland (45 Min)

Die Sorge, dass die tschechischen Eigentümer das Geld abziehen und am Ende der Steuerzahler für die Renaturierung bezahlen muss, die können Sie zerstreuen.

Die kann ich zerstreuen, weil wir auch ein Monitoring haben mit zwei Bundesländern. Das heißt, wir haben eine feste Planung, was wir an Rücklagen einbezahlen und was dann der Kapitalstock sein wird für diese Rekultivierung. Das wird jährlich mit den Bergämtern in Sachsen und Brandenburg geprüft – auch anhand unserer Bilanzzahlen.

Das Interview führte Ralf Geißler.

MDR (tli)

Tschüss Kohle, Hallo Zukunft ein Baustart GigaBattry Boxberg Für ein Foto wird bei einem Festakt das Modell eines Energiespeichercontainers gezeigt. Braunkohlebagger im Tagebau Welzow-Süd

Beihilfe

EU-Kommission erlaubt Milliarden für Leag-Kohleausstieg

Die EU-Kommission hat die geplante Entschädigung für den Kohleausstieg bis 2038 genehmigt. Die Bundesregierung darf das im Lausitzer Braunkohlerevier aktive Unternehmen Leag mit 1,75 Milliarden Euro unterstützen.