Lebenslange Traumata: Zwischen zwei Identitäten mitten im Krieg


Stand: 07.10.2026, 08:00 Uhr

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Gerta und die Welt am Abgrund - Gerta (Barbora Váchová) muss sich und ihr Baby in den Wirren der Nachkriegszeit durchbringen.

Gerta und die Welt am Abgrund - Gerta (Barbora Váchová) muss sich und ihr Baby in den Wirren der Nachkriegszeit durchbringen. © ARTE/Ceska televize/Zuzana Panska

Inmitten des Zweiten Weltkriegs steht eine junge Frau in Brünn zwischen zwei Identitäten: Die Hauptfigur im Historienzweiteiler „Gerta und die Welt am Abgrund“ macht als Tochter eines Deutschen und einer Tschechin traumatische Erfahrungen, die ihr gesamtes Leben prägen werden.

Wer zwischen zwei Kulturen und Identitäten aufwächst, hat es gemeinhin nicht leicht. Das gilt umso mehr, wenn die damit einhergehenden Konflikte mitten in Kriegszeiten ausgefochten werden. So wie bei der titelgebenden Protagonistin des historischen Dramas „Gerta und die Welt am Abgrund“, die im besetzten Brünn des Jahres 1944 als Tochter eines Deutschen und einer Tschechin aufwächst. Fortan ist sie innerlich zerrissen zwischen ihren Herkünften, nach Kriegsende wird sie als binationale Frau zur Zielscheibe schwerer Anfeindungen. ARTE zeigt den Zweiteiler, der auf dem Bestseller-Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ von Kateřina Tučková basiert, nun als Free-TV-Premiere zur besten Sendezeit. Und das aus einem besonderen Anlass: Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse (7. bis 11. Oktober) widmet der Sender zahlreiche Programmpunkte dem Gastland Tschechien.

Gerta und die Welt am Abgrund - Gerta (Barbora Váchová) und ihre große Liebe Karel (Oskar Hes) wollen sich gegen die deutschen Nazi-Besatzer zur Wehr setzen.

Gerta und die Welt am Abgrund - Gerta (Barbora Váchová) und ihre große Liebe Karel (Oskar Hes) wollen sich gegen die deutschen Nazi-Besatzer zur Wehr setzen. © ARTE/Ceska televize/Zuzana Panska

Regisseur Tomáš Mašín erzählt sein Drama auf unterschiedlichen Zeitebenen: Aus Sicht der jungen Gerta während und nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits sowie andererseits aus Perspektive der alten Gerta (Milena Steinmasslová), die in der sozialistischen Tschechoslowakei des Jahres 1989 schwach im Krankenbett liegt und sich an ihre harten Lebensjahre erinnert.

Schon früh wird sie von Ereignissen geprägt, die ihr gesamtes Leben bestimmen werden: Die 19-Jährige, herausragend gespielt von Barbora Váchová, muss mit ansehen, wie ihr Vater (fantastisch: Johann von Bülow) und der Bruder Fritz (Carl Grübel) zu glühenden Anhängern der Nazis werden. Derweil fühlt sich die junge Frau, vom Vater gezwungen zum Klavierspielen und Deutschsprechen, mehr und mehr als Tschechin. Mehr noch: Gemeinsam mit ihrem Freund Karel (Oskar Hes) kämpft sie im studentischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Schrecken auch nach dem Krieg

Mehr und mehr zerfällt die Familie, ein schreckliches Ereignis folgt dem nächsten: Karel wird von der Gestapo festgenommen, die Mutter (Kristýna Badinková Nováková) erleidet eine schwere Krankheit und der Bruder muss an die Front, während der empathielose Vater seinen Grausamkeiten weiter freien Lauf lässt. Als wäre das nicht genug, merkt Gerta obendrein, dass sie schwanger ist. Zwischen Verrat, Schuld und Todesangst beginnt eine biografische Tour-de-Force, die von unzähligen Traumata begleitet wird.

Denn nach dem Ende des Krieges ist der Schrecken keineswegs vorbei, wie der zweite Teil des Historiendramas ab 21.40 Uhr eindrücklich aufzeigt. Gerta wird aus Brünn vertrieben, trotz ihrer Unschuld gilt sie wegen ihrer Herkunft als Mit-Täterin und sieht sich dem Hass der auf Rache sinnenden Tschechen ausgesetzt. Ihre Tochter Barbora, die wohl kaum zufällig denselben Namen wie die Hauptdarstellerin trägt, bringt sie in einer Notunterkunft zur Welt und kämpft fortan ums Überleben. Der Abgrund scheint unendlich: Weil sie keine Milch produziert und Unterernährung droht, ist Gerta gezwungen, ihren Körper zu verkaufen. Als schließlich die Rote Armee einmarschiert, gerät sie mit Baby auf den Brünner Todesmarsch, ins Konzentrationslager und schließlich auf den Hof einer alten Tschechin, die von ihr härteste Arbeit verlangt.

Verdrängte Vergangenheit

Kompromisslos zeigt die Koproduktion von tschechischem Fernsehen, ARTE und dem US-Sender HBO, welches Leid insbesondere Frauen erleiden mussten, die aufgrund ihrer Herkunft von allen Seiten angefeindet wurden. Mithilfe seiner vielschichtigen Perspektiven beleuchtet der Zweiteiler auch die „geerbte Schuld“ und zeigt, wie Traumata an die folgenden Generationen weitergegeben werden. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wird Gerta mit den Fragen ihrer erwachsenen Tochter Barbora (Lucie Štěpánková) und damit auch mit ihrer verdrängten Vergangenheit konfrontiert.

Ein mitreißendes Drama über die Hilflosigkeit des Individuums im historischen Aufruhr, über die Suche nach der eigenen Identität inmitten des kriegerischen Chaos und über das Nachwirken traumatisierender geschichtlicher Erfahrungen, die eine Gesellschaft und eine junge Mutter gleichermaßen auf Jahrzehnte in ihren Grundfesten erschüttern. „Die Vergangenheit ist nicht tot“, wusste William Faulkner einst, „sie ist nicht einmal vergangen“.

Beide Teile sind bereits in der ARTE-Mediathek als Stream verfügbar. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)