Lebensmittel fehlen in Kiew: Was über die Logistikprobleme bekannt ist


Leere und teilweise gefüllte Supermarktregale mit einigen verpackten Waren.

Leere Regale in Kiew deuten auf mögliche Lieferengpässe hin, während die Regierung nur von logistischen Problemen spricht.

(Bild: Kyttan / Shutterstock.com)

Russische Raketen zerstören Lagerhäuser rund um Kiew. In Supermärkten fehlen Grundnahrungsmittel. Die Regierung spricht von einem logistischen Engpass.

Kein Buchweizen, kein Reis, kein Zucker – und nur ein einzelner, welker Bund Koriander. So beschreibt die New York Times die Lage in einer Filiale der Supermarktkette Silpo in Kiew.

"Es ist ein Albtraum", sagte demnach Nina Kirichuk, 67, eine Friseurin im Ruhestand, deren Einkaufswagen nur noch Brot und zwei Sorten Hering enthielt. Eine ganze Abteilung sei komplett leer gewesen.

Eine ähnliche Situation hatte das Land schon einmal erlebt – und das war im Jahr 2022, kurz nachdem die russische Armee in die Ukraine eingerückt war. Damals gab es einige chaotische Monate, und auch damals wurden Grundnahrungsmittel wie Gemüse, Milchprodukte, Mehl und Pasta knapp. Auch Babynahrung war damals kaum zu haben.

In einem Tante-Emma-Laden lagen nur noch sechs matschige Avocados und die papierartigen Schalen einiger Zwiebeln, schreibt die NYT weiter. Die Supermarktkette Novus brachte demnach an leeren Milchregalen ein Schild an: "Dieses Produkt wurde von Russland zerstört".

Gezielte Angriffe auf die Lebensmittellogistik

Auslöser der Engpässe ist eine Serie russischer Raketenangriffe gewesen, die sich gezielt gegen Logistikzentren gerichtet hatten. Am 5. August trafen ballistische Raketen mindestens vier Lagerhäuser eines Supermarkt-Lieferunternehmens und töteten mindestens sechs Arbeiter.

Getroffen wurden laut RBC-Ukraine unter anderem Lager der Ketten Fora in Martusivka, VARUS in Boryspil und EKO Market.

Das Eiscreme-Unternehmen Faini Liody verlor sein Distributionslager für 13 Städte komplett. Auch ein Vertriebszentrum der Online-Plattform Rozetka, das bis zu 100.000 Bestellungen am Tag abwickelte, wurde zerstört.

Russlands neuer Vorwand und die Gegenseite

Die Angriffe zeigen, dass sich die Ziele des russischen Luftkriegs verschoben haben. In den ersten Kriegsjahren behauptete der Kreml noch, ausschließlich militärische Ziele ins Visier zu nehmen.

Diese Behauptung wurde selbst dann vorgetragen, wenn Städte getroffen und das Stromnetz bombardiert wurde. Bei letzterem wurde dann betont, dass man damit die dezentralisierte Rüstungsproduktion lahmlegen wollte.

Inzwischen spricht das russische Verteidigungsministerium ganz offen davon, dass auch "Logistik-Hubs" als Ziele angesehen werden. Diese Angriffe sind wahrscheinlich als Reaktion auf ukrainische Angriffe auf russische Unternehmen zu verstehen.

Denn auch die Ukraine hatte in einer Kampagne mit Langstreckendrohnen neben russischen Ölraffinerien auch "Logistik-Hubs" ins Visier genommen.

Zuletzt trafen ukrainische Drohnen Lagerhäuser des russischen Onlinehändlers Wildberries nahe Moskau, wie Telepolis über den Rekordangriff mit 600 Drohnen berichtet hat. Die Schäden bei Wildberries summieren sich laut einer Analyse auf bis zu fünf Milliarden US-Dollar.

Zwischen staatlicher Beruhigung und sichtbarer Realität

Die ukrainische Regierung und das Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation (ZPD) bemühen sich, die Lage einzuordnen – und zu beruhigen.

ZPD-Leiter Andrij Kowalenko warnte laut einer Mitteilung der Behörde vor einer "systematischen Kampagne" Russlands, die Panik schüren solle, damit Menschen mehr kaufen als üblich und den Engpass verschärfen.

"Gibt es Gründe zur Panik? Nein, gibt es nicht. Sie greifen die Logistik an, aber die Logistik wird neu organisiert. Es wird keine Versorgungsengpässe geben. In einigen Supermärkten sind die Regale leer, in anderen nicht. Es handelt sich also um einen logistischen Engpass und nicht um einen Nahrungsmittelengpass."

Der Parlamentsabgeordnete Oleksij Leonow ergänzte gegenüber der Werchowna Rada, die Ukraine decke rund 80 Prozent ihres Lebensmittelbedarfs aus eigener Produktion. Probleme gebe es vor allem bei Importwaren wie Kaffee, bestimmten Obstsorten und Meeresfrüchten.

Allerdings bleibt diese 80-Prozent-Angabe eine politische Bewertung, kein logistisch belegter Kennwert. Wie groß der Anteil der zerstörten Lagerkapazitäten an der gesamten Lebensmittellogistik rund um Kiew tatsächlich ist, beziffert keine der verfügbaren Quellen.

Silpo, Novus, Fora, VARUS und Rozetka melden Verluste einzelner, teils zentraler Standorte – nennen aber keine Prozentsätze ihres Gesamtvolumens.

Notkredite, staatliche Lager und der Wettlauf gegen die Zeit

Am 5. August beriet Ministerpräsident Koretskyj mit Wirtschaftsminister Kravchenko über Gegenmaßnahmen. Diskutiert wurden vergünstigte Kredite für Handelsketten, Kriegsrisikoversicherungen, die Dezentralisierung der Logistik und die Nutzung staatlicher ARMA-Lager zur Streuung der Kapazitäten.

Alternative Importrouten über Rumänien, Moldau und Polen sollen den Ausfall der durch Angriffe auf die Häfen bei Odessa gestörten Wege kompensieren.

Supermarktketten gaben an, sie wollten ihre Bestände bis zum ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August wieder auffüllen. Ob das gelingt, hängt nicht nur von der Logistik ab, sondern auch von der Fähigkeit, weitere Angriffe abzuwehren.

Wie Telepolis in einer Analyse des Patriot-Notstands beschrieben hat, ist der Ukraine die Munition für ihre Patriot-Luftabwehr praktisch ausgegangen – die Abfangquote gegen ballistische Raketen ist auf ein Niveau nahe null gesunken.

Solange sich daran nichts ändert, bleibt die zivile Infrastruktur weitgehend ungeschützt. Dass dies kein abgeschlossenes Kapitel ist, zeigen Berichte über erneute russische Angriffe auf Kiewer Logistikstandorte vom 20. August.

Was sich aus den Quellen sicher sagen lässt: Es gibt aktuell reale, sichtbare Versorgungsengpässe in Kiew. Zentrale Lagerkapazitäten wurden mehrfach getroffen.

Einen landesweiten strukturellen Lebensmittelmangel über Wochen hinweg belegen die verfügbaren Informationen bisher nicht – die Regierung bestreitet ihn ausdrücklich. Wie tragfähig diese Beruhigung ist, werden die kommenden Wochen zeigen.