Lehrerin entlarvt mit Montagsritual traurige Wahrheit über Grundschüler


Stand: 09.09.2026, 19:15 Uhr

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Die Lehrerin einer Grundschulklasse stellte beim Schulbeginn nach dem Wochenende immer eine Frage. Nach einer bitteren Erkenntnis änderte sie ihr Vorgehen.

Frankfurt – „Damals, als Lehrperson in der Unterstufe, ließ ich die Kinder am Montag nach dem Wochenende erzählen, was sie erlebt hatten. Viele sprudelten vor Begeisterung über Kino, Ausflüge oder den Besuch bei Verwandten. Ein Kind blieb fast immer still“, schreibt Aléxia da Costa Jaggi. Heute ist sie seit drei Jahren Schulleiterin in der Gemeinde Opfikon nahe Zürich. Mehr als 80 Prozent der Kinder dort haben einen Migrationshintergrund, sprechen zu Hause kein Deutsch und stammen häufig aus sozioökonomisch benachteiligten Familien.

Kind macht Hausaufgaben

Hausaufgaben? Gibt es an der Schule von Schulleiterin Aléxia da Costa Jaggi nicht. (Symbolbild) © Cavan Images/IMAGO

Erst ein Elterngespräch öffnete ihr die Augen: Die Familie des stillen Kindes lebte an der Armutsgrenze. Die Wochenenden verbrachte das Kind überwiegend zu Hause. „Mich hat das beschäftigt“, schreibt da Costa Jaggi auf LinkedIn. Pausenbrote, Kleidung, Wochenenderlebnisse – all das mache die Chancenungleichheit sichtbar. „Ich habe danach angefangen, im Morgenkreis andere Fragen zu stellen, die jedes Kind beantworten kann“, erzählt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Etwa, was es am Wochenende Leckeres zu essen gab.

Chancenungleichheit in Schulen: Was der Nationale Bildungsbericht 2024 zeigt

Das Problem beschränkt sich nicht auf die Schweiz. Auch in Deutschland belegt der Nationale Bildungsbericht die Benachteiligung von Kindern aus einkommensschwachen Familien. Sie lesen schlechter, erhalten seltener eine Gymnasialempfehlung und landen selbst mit Empfehlung häufiger nicht dort. Hobbys wie Schwimmen oder das Erlernen eines Instruments bleiben vielen verwehrt.

„Ungleichheiten entstehen nicht dort, wo sie das erste Mal sichtbar werden“, sagt Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, gegenüber der Frankfurter Rundschau. Auch der OECD-Bericht 2025 unterstreicht das: Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien gehen seltener in die Kita und erwerben seltener einen Hochschulabschluss – 26 Prozent im Vergleich zu 70 Prozent bei Kindern aus bildungsnahen Haushalten. Chronische Fehlzeiten treffen sie überproportional häufig.

Schule in Opfikon setzt auf Tauschbörsen und keine Hausaufgaben

An ihrer Schule in Opfikon, wo das Churer-Modell angewendet wird, versucht da Costa Jaggi, diese Unterschiede aktiv zu verringern. Eine Tauschbörse für Kleidung und Spielzeug gehört dazu, ebenso eine Obstkiste in der Pause, die allen Kindern offensteht – unabhängig vom familiären Hintergrund. „An meiner Schule versuchen wir, diese Unterschiede kleiner zu machen“, sagt die Schulleiterin. Hausaufgaben gibt es in der gesamten Gemeinde keine. Stattdessen arbeiten die Kinder während der Schulzeit selbstorganisiert an eigenen Themen. „So reduzieren wir die Unterschiede, die durch das Elternhaus entstehen.“

Der LinkedIn-Beitrag von da Costa Jaggi verbreitete sich rasant. Besonders aus Deutschland kamen zahlreiche Reaktionen, viele davon überraschten die Schweizerin. „Viele haben kein Verständnis dafür gehabt, dass Eltern am Wochenende nichts mit ihren Kindern tun. Es war verrückt: Manche Menschen verneinten, dass es Armut überhaupt gibt“, erzählt sie. Natürlich gebe es in Europa weniger Armut als in anderen Teilen der Welt, etwa in Brasilien, wo sie selbst aufgewachsen sei. „Aber sie existiert – das lässt sich nicht leugnen.“ Es gehe nicht allein ums Geld, sondern auch um Kraft und Zeit. Beides fehle Eltern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien für Freizeitaktivitäten mit ihren Kindern.

Schulleiterin fordert Auseinandersetzung mit unbewussten Vorurteilen

Wer echte Chancengleichheit anstrebe, müsse anerkennen, dass Kinder nach wie vor aufgrund ihres sozioökonomischen Status, ihres Migrationshintergrunds oder ihres Geschlechts unbewusst benachteiligt würden – auch durch Lehrkräfte. „Ich kann anderen Schulleitungen nur empfehlen, ihre Lehrpersonen Aufsätze von Kindern bewerten zu lassen – einmal mit einem deutschen Namen, einmal mit einem ausländischen. Wie unterschiedlich die Ergebnisse sind, zeigt, wie tief solche Vorurteile in uns sitzen“, sagt da Costa Jaggi gegenüber der Frankfurter Rundschau. Sie setzt sich dafür ein, diese Vorurteile durch Weiterbildungen aufzulösen. (Quellen: Nationaler Bildungsbericht, OECD-Bericht, LinkedIn, eigene Recherche)