Leichtathletik: Rekorde in der Stadt von Ozzy Osbourne


In Birmingham sind sie schon ein wenig stolz auf John Michael Osbourne, genannt Ozzy. Der Sänger von Black Sabbath starb vor etwas mehr als einem Jahr, doch in der zweitgrößten Stadt Englands lebt er an vielen Ecken weiter.

Am Hauptbahnhof New Street trägt ein drei Meter hoher und zwölf Tonnen schwerer Stier aus Metall eine getönte Brille mit runden Gläsern, wie Osbourne sie trug. Ozzy the Bull heißt der mechanische Stier, der auch noch zu jeder vollen Stunde seinen Kopf bewegt, mit dem Schwanz wedelt und leuchtende Augen bekommt. Im Pub „The Crown“ daneben, der als Wiege des Metal gilt und als erste Konzertstätte der Band, schaut Osbournes Konterfei von den Fenstern herab. Weiter westlich an der Black Sabbath Bridge haben Fans einen Gedenkort errichtet. Und die Birmingham Museum & Art Gallery widmet dem Sohn der Stadt eine kostenlose Ausstellung – samt dem berühmten Fledermaus-Thron.

Ein großer Leichtathlet war Osbourne zwar nie, dafür war er seinem heimatlichen Fußballklub Aston Villa zu sehr verbunden. Dafür machte er früher meilenlange Ausdauerläufe und – für sein Abschiedskonzert im Aston-Villa-Park – trotz angeschlagener Gesundheit Spaziergänge und Krafttraining. Und womöglich hätte er seine stille Freude an dieser Festwoche gehabt, die am Montag in seiner Heimatstadt beginnt. Denn zum ersten Mal seit Einführung von Leichtathletik-Europameisterschaften 1934 in Turin findet eine Freiluft-EM in England statt. Birmingham, das die Hallen-EM 2007 und die Hallen-WM 2003 und 2018 beherbergt hat, ist mit dem mit temporären Tribünen auf 40 000 Zuschauerplätze ausgebauten Alexander Stadium ganz im Norden der Stadt prädestiniert. Es ist der Höhepunkt eines Jahres, in dem weder Olympische Spiele noch Freiluft-Weltmeisterschaften stattfinden.

1600 Athleten sind gemeldet, ein Rekord, 36 übertragende TV-Sender, ein weiterer Rekord, 9000 Helfer sind mit der Organisation betraut. Und kümmern sich auch um die zehn Weltmeister und sieben Olympiasieger, die in Birmingham anreisen. Dobromir Karamarinov, der bulgarische Präsident von European Athletics, versprach am Sonntag bei der Auftakt-Pressekonferenz in der Vip-Lounge des Stadions wie üblich vor solchen Veranstaltungen schon mal „die beste EM aller Zeiten“.

Malaika Mihambo im Interview

:„Wir müssen die Demokratie beschützen“

Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo spricht über ihre vom Winde verwehte EM-Generalprobe in Wattenscheid, die Komplexität des Anlaufs – und sie hält vor den Landtagswahlen im Herbst ein Plädoyer fürs Miteinander.

Eine EM, bei der wegen des Angriffs auf die Ukraine russische und belarussische Athleten weiterhin ausgeschlossen sind. Im Gegensatz zur parallel stattfindenden Schwimm-EM in Paris sind auch keine „neutralen Athleten“ aus diesen Nationen zugelassen. Neu ist die 100-Meter-Mixed-Staffel, im Gehen ersetzen nun der Halbmarathon (21,0975 km) und Marathon (42,195) die bisherigen 20- und 50-Kilometer-Distanzen.

Spektakel hat auch schon Armand Duplantis angekündigt, der Schwede hat seinen Stabhochsprung-Weltrekord erst im März 2026 auf 6,31 Meter nach oben geschraubt, allerdings war er zuletzt etwas angeschlagen. Der Norweger Jakob Ingebrigtsen kehrt gar mit einer Wildcard auf die 5000-Meter-Strecke zurück, wegen einer Achillessehnenoperation hat der Olympiasieger in dieser Saison noch kein einziges Rennen bestritten. Auch auf den italienischen 100-Meter-Olympiasieger Marcell Jacobs, auf die Niederländerin Femke Broeders-Bol, die diesmal über 800 Meter startet, auf den 400-Meter-Hürden-Olympiasieger Karsten Warholm und auf die ukrainische Hochsprung-Olympiasiegerin Jaroslawa Mahutschich sind viele Augen gerichtet.

Und aus deutscher Sicht?

Vor vier Jahren in München waren die Athleten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) mit siebenmal Gold und 16 Medaillen erfolgreichste Nation. 2024 in Rom gewann nur Weitspringerin Malaika Mihambo Gold, elf Medaillen gab es dort. Und diesmal schickt der DLV nicht nur ein mehr als 100-köpfiges Team nach Birmingham, sondern auch einige Titelanwärter: Tokio-Olympiasiegerin Mihambo, Tokio-Weltmeister Leo Neugebauer (Zehnkampf) oder Speerwurf-Europameister Julian Weber gehören dazu. Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Mabry (früher Ogunleye), die in diesem Frühjahr geheiratet hat, ist gleich am Montagabend Medaillenkandidatin für den DLV.

Hochspringer Tobias Potye muss wegen einer Verletzung beim Krafttraining passen

Hindernisläuferin Gesa Krause, Hürdenläufer Emil Agyekum, Hammerwerfer Merlin Hummel, die 3000-Meter-Läufer Frederik Ruppert und Karl Bebendorf sowie die Marathonläufer Amanal Petros und Richard Ringer rechnen sich auch Podestplätze aus. Ruppert unterbot in diesem Jahr bei seinem Rekordlauf in Rabat als erster Europäer die Acht-Minuten-Schallmauer. Robert Farken hat auf den 1500 Metern ebenfalls Chancen, überhaupt erlebt die Mittel- und Langstrecke gerade einen großen Boom im DLV.

Eine bittere Nachricht für den Verband ist allerdings, dass Mohamed Abdilaahi seine Starts über 5000 und 10 000 Meter wegen einer Fußverletzung kurzfristig absagen musste. Auch der Münchner Hochspringer Tobias Potye muss passen. Er habe sich „im Krafttraining leider schwer am Rücken verletzt und muss die EM aus dem Krankenhaus verfolgen“, teilte Potye mit.

Und Owen Ansah? Der Sprinter, der als erster Deutscher über die 100 Meter unter der 10-Sekunden-Marke blieb, reiste mit der DLV-Delegation nach Birmingham, obwohl Vorwürfe eines verweigerten Dopingtests ihn weiterhin begleiten. Die Nationale Anti-Doping-Agentur fordert deswegen vier Jahre Sperre, Ansah fühlt sich unschuldig und will sich weiterhin wehren. Der Hamburger ist nicht suspendiert, er darf bei der EM starten, die Staffeln lässt er aber aus, weil im Falle einer Dopingsperre auch ihre Ergebnisse annulliert würden. Im Einzel über die 100 und 200 Meter zählt Ansah aber zu den großen deutschen Hoffnungen. Wenn auch mit einem Schatten, der mitläuft.