„Lieber einfache Lösungen“: Fehler in der Kindheit macht Kinder zu oberflächlichen Erwachsenen
Stand: 17.09.2026, 23:17 Uhr
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Manchen Menschen fällt es leicht, unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen. Eine Expertin erklärt, warum.
Hamburg – Ob in Talkshows oder bei Gesprächen im Freundeskreis: Bei einigen Themen stehen die Meinungen der Diskutierenden von Anfang an fest, und sie lassen sich auch durch neue Erkenntnisse oder Perspektiven nicht bewegen. Am Ende solcher Diskussionen bleibt oft das Gefühl, nicht wirklich weitergekommen zu sein. Es gibt aber auch Menschen, die zuhören, sich auf andere Sichtweisen einlassen und erkennen, dass es bei den meisten Themen nicht nur Richtig und Falsch gibt. Die Fähigkeit dazu nennt sich Ambiguitätstoleranz.

Auch auf Social Media wird darüber gesprochen. „Eine ziemlich unterschätzte Eigenschaft interessanter Menschen ist: Sie halten es aus, wenn zwei widersprüchliche Dinge gleichzeitig wahr sind“, erklärt eine Person in einem TikTok‑Beitrag. Der Nutzer beschreibt sie als Fähigkeit, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten. Als Beispiel nennt er Sätze wie: „Ich liebe meine Arbeit, aber manchmal erschöpft sie mich.“ Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz müssten die Welt nicht in richtig und falsch einteilen und würden nicht gleich ein eindeutiges Urteil fällen. In den Kommentaren zum Video wünschen sich Menschen unter anderem „bitte mehr Ambiguitätstoleranz in der Politik“.
Psychologin: Menschen ohne Ambiguitätstoleranz suchen einfache Lösungen
„Ambiguitätstoleranz ist ein Konzept, das beschreibt, ob Menschen Mehrdeutigkeit, Komplexität und Ambiguität aushalten können – und das nicht nur als große Herausforderung, die man wegschieben muss, sondern als Anlass zum Lernen und zum Ergründen“, sagt Lisa Hartke, psychologische Psychotherapeutin und Doktorandin in der Sozialpsychologie der Philipps-Universität Marburg, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Können Menschen Mehrdeutigkeit schlecht aushalten, vermeiden sie tendenziell widersprüchliche Situationen, weil diese Stress, Unbehagen oder Abwehr auslösen – „und suchen stattdessen lieber einfache Lösungen“.
Begünstigt wird Ambiguitätstoleranz vor allem durch ein niedriges Stresslevel: Wer unter hohem Druck steht, Existenzangst hat oder Statusverlust fürchtet, tendiert eher zu einem Tunnelblick und einer engeren Sichtweise. Ein verwandtes Konzept in der Psychologie ist die intellektuelle Demut. Sie beschreibt die Fähigkeit, das eigene Nichtwissen anzuerkennen und Unsicherheit nicht als Bedrohung wahrzunehmen, sondern als normalen Bestandteil von Erkenntnis. Dazu gehört auch, „nicht defensiv zu reagieren, wenn man darauf hingewiesen wird, dass das eigene Wissen Grenzen hat“.
Erziehung spielt eine wichtige Rolle bei der Ambiguitätstoleranz
Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Fähigkeit spielt die Erziehung. Kinder kämen mit sehr wenig Stresstoleranz auf die Welt, da sie ihre Emotionen noch nicht regulieren können. Über Co-Regulation – also über eine Person, die das Kind wahrnimmt, beruhigt und dabei selbst ruhig bleibt – lernten sie, Stress auszuhalten. „Wer solche Erfahrungen früh macht, dem fällt es später oft leichter, Ungewissheit und Widersprüche zu ertragen.“ Ausschlaggebend sei aber nicht allein die Sozialisation oder Erziehung, sondern auch die aktuellen Lebensbedingungen einer Person.
Eine hohe Ambiguitätstoleranz sei nach Einschätzung der Psychologin kein eindeutiger Hinweis auf eine höhere Intelligenz. Belege für einen Zusammenhang gebe es nicht: „Ambiguitätstoleranz scheint nur begrenzt mit klassischer Intelligenz zusammenzuhängen. Manche hochintelligente Menschen können Mehrdeutigkeit trotzdem sehr schlecht aushalten.“ Eine mindestens so entscheidende Rolle spielten emotionale und soziale Fähigkeiten – darunter Emotionsregulation, der Umgang mit Stress sowie zwischenmenschliche Kompetenzen. Zentral sei dabei, welche Fähigkeit jemand hat, eine Infragestellung des eigenen Wissens auszuhalten, ohne sie als Angriff auf den eigenen Selbstwert zu erleben.
Ambiguitätstoleranz hinge allerdings nicht nur an solchen inneren Zuständen. Sie habe auch eine gesellschaftliche Seite: Wie viel Mehrdeutigkeit, Widerspruch und konkurrierende Deutung eine Gesellschaft überhaupt zulässt, ohne sie sofort auflösen zu müssen, unterscheide sich stark – zwischen Kulturen ebenso wie zwischen Zeiten. Für den Einzelnen blieben zwei Faktoren besonders wichtig: Stresstoleranz, um das unangenehme Gefühl von Widersprüchen überhaupt aushalten zu können – und ein stabiler Selbstwert, der auf der Sicherheit beruht, kein schlechter Mensch zu sein, nur weil man fehlbar ist. (Quellen: Tiktok, eigene Recherche)