Whatnot – Live-Shopping-App erobert Deutschland: Hier verraten Top-Seller ihre besten Tipps
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Mittwochabend. Vor der Kamera hält der Verkäufer eine Louis-Vuitton-Tasche in die Webcam. Zuschauer fragen nach Kratzern, Nähten, der Seriennummer. Wenige Minuten später ist die Tasche verkauft. So geht das drei Stunden lang.
Die Szene spielt auf der Plattform Whatnot, einer App für Live-Auktionen. Es ist ein bisschen wie bei Tiktok: Wer kein Interesse hat, wischt einfach weiter. Handtaschen, Sammelkarten, aber auch Münzen oder Schmuck werden angeboten. Wer zuschaut, verspürt Teleshopping-Gefühle. Doch Whatnot ist nicht wie QVC & Co., sondern eine neue Art des Verkaufens.
Whatnot wächst rasant: Plattform verdreifacht Handelsvolumen in Deutschland
Unten rechts auf dem Bildschirm sehen Nutzer das Startgebot. Über den Chat können sie Fragen stellen, Verkäufer antworten direkt. Gleichzeitig zählt Schnelligkeit. Jede Auktion beginnt bei einem Euro, häufig geht es schnell nach oben. Der Countdown läuft – oft fällt der Zuschlag schon nach wenigen Sekunden.
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Besonders in Deutschland wächst Whatnot rasant. Seit gut zwei Jahren ist die Plattform hier aktiv. Nach Angaben des US-Unternehmens hat sich der Bruttowarenwert, also der Gesamtwert aller über die App verkauften Waren, im vergangenen Jahr hierzulande verdreifacht. Genaue Umsatzzahlen nennt Whatnot zwar nicht. Deutschland zählt inzwischen aber zu den wichtigsten Wachstumsmärkten.
Wie groß die Wette der Investoren auf das Geschäftsmodell inzwischen ist, zeigt eine neue Finanzierungsrunde. Whatnot sammelte dabei 545 Millionen Dollar ein und wird nun mit rund 20 Milliarden Dollar bewertet. Damit hat sich der Unternehmenswert seit der vorherigen Finanzierungsrunde fast verdoppelt.
Luxushandtaschen: Zahnarzt verdient mit Live-Auktionen ein Vermögen
Max Muche, der über Whatnot unter dem Usernamen „themoootchsupply“ Luxushandtaschen verkauft, ist seit Mai vergangenen Jahres auf Whatnot dabei. Der 26-Jährige ist eigentlich angestellter Assistenzzahnarzt. Trotzdem verdient er einen Teil seines Geldes mit Live-Auktionen. Angefangen hat alles als Hobby. Doch bereits 2025 lag sein Umsatz über die Plattform im mittleren sechsstelligen Bereich. Für dieses Jahr rechnet er damit, „drei- bis viermal darüber“ zu liegen. Zumal Muche genau weiß, was er handelt.
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Mehr als 10.000 solcher Taschen habe er bereits in den Händen gehalten. „Ich kenne mich da richtig gut aus“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Er verkauft gebrauchte Modelle von Louis Vuitton bis Chanel. „Neu kosten die gleich mal Zehntausende Euro. Bei uns gibt’s die für einen Bruchteil.“ Die Ware bezieht er über ein internationales Händlernetzwerk, das er sich über Jahre aufgebaut hat.
Whatnot erleichtert Verkäufern den Paketversand bei Live-Auktionen
Geht er auf Sendung, verfolgen durchschnittlich bis zu 300 Zuschauer seine Auktionen. Längst schafft er das Geschäft nicht mehr allein. Zwei- bis dreimal pro Woche kommen bis zu 50 Artikel unter den Hammer. Nach jedem Stream müssen die Waren verpackt und verschickt werden. Ein Glück, mache es Whatnot Leuten wie ihm da einfach, sagt Muche. Der Anbieter stellt Verkäufern automatisiert Versandetiketten zur Verfügung. Rund 400 Pakete gehen inzwischen jeden Monat raus.
Tom Lindemann (25) ist ein weiterer Top-Seller auf Whatnot. Er verkauft Pokémon-Sammelkarten. Seltene Exemplare erzielen je nach Zustand Preise von Tausenden oder sogar Hunderttausenden Euro. Ihr Wert richtet sich nach Seltenheit und Zustand. Sogenannte Grading-Firmen bewerten die Karten auf einer Skala von 1 bis 10. Käufern ermögliche dies zusätzliche Transparenz, sagt Lindemann, der ausgebildeter 3D-Entwickler ist. Seinen Eltern sei es wichtig gewesen, dass er einen ordentlichen Abschluss mache.
Lindemann ist seit dem Start von Whatnot in Deutschland auf der Plattform aktiv. Dass das Geschäft funktioniert, wusste er schon damals. Seine ersten Sammelkarten hatte er Jahre zuvor über andere Plattformen verkauft. Mittlerweile hat er ein Imperium aufgebaut, das weit über die Live-Auktionen hinausgeht. Er lebt im Ursprungsland von Pokémon, Japan, betreibt dort und in China stationäre Shops und exportiert die Sammelobjekte nach Deutschland. Kunden sind andere Händler, die über ihn begehrte japanische Original-Exemplare beziehen. Der Umsatz der Firmengruppe liege im unteren Millionenbereich. Das Streamen über Whatnot trage einen signifikanten und wachsenden Anteil dazu bei.
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Auf der Plattform verkaufen inzwischen auch andere Streamer für ihn. Lindemann selbst sitzt aber noch fünf- bis sechsmal pro Woche vor der Kamera. Pro Stream wechseln einige Hundert Karten den Besitzer. Die Auktionen werden sorgfältig vorbereitet. Zu jeder Karte gibt es vorab Informationen zum Zustand und Fotos. Nutzer können sich vormerken, für welche Exemplare sie bieten wollen. Auch bei „Lindestream“, so der Username von Tom Lindemann auf Whatnot, beginnen die Auktionen bei einem Euro. Verkauft werden Karten für 10 Euro ebenso wie für mehrere Hundert Euro. Die teuerste Pokémon-Karte, die er über Whatnot verkauft hat, brachte gut 2000 Euro. Eine Karte aus seiner Privatsammlung sei 110.000 Euro wert. Unter den Hammer komme sie aber nicht.

Max Muche präsentiert mehrere Luxushandtaschen. Diese verkauft der 26-Jährige im Livestream.© Theo Klein | Theo Klein
Transparenz und Käuferschutz stärken das Vertrauen bei Whatnot-Auktionen
Doch warum funktioniert das Verkaufen über Whatnot so gut? Für Lindemann liegt die Antwort in der Transparenz. „Der Kunde weiß genau, was er kauft. Im Livestream kann ich jede Karte zeigen und jede Frage beantworten.“

Auch das Management des Anbieters sieht im Vertrauen der Kundschaft den Kern des jüngsten Wachstums. Verkäufer werden verifiziert. Wer etwa teure Taschen anbieten will, werde vorher genau geprüft, sagt die für das Deutschlandgeschäft zuständige Managerin Isabell Weiser dieser Redaktion. Fälschungen könne man zwar nicht ausschließen, sie seien aber unwahrscheinlich. „Wer betrügen will, findet andere Wege als Live-Auktionen, bei denen sogar das eigene Gesicht zu sehen ist.“ Hinzu komme ein umfassender Käuferschutz.
Verbraucherschützer warnen vor Impulskäufen beim Live-Shopping
Die Deutschen seien im Vergleich zu Nutzern aus anderen Ländern aber auch ein anspruchsvolles Publikum, sagt Weiser. Drei von vier Nutzern stellten vorab über den Chat Fragen an den Verkäufer. Expertise sei deshalb gefragt. Das führe dazu, dass auch stationäre Händler ihr Geschäft erweiterten und ihre Waren über Whatnot verkauften. Johannes Berentzen, Handelsexperte, wiegelt jedoch ab. „Whatnot wird den deutschen Einzelhandel nicht retten. Die Plattform ist ein zusätzlicher Vertriebskanal, kein Ersatz für ein tragfähiges Sortiment, effiziente Prozesse und den richtigen Standort.“ Aber ein weiteres Standbein könne das Live-Streaming für einzelne Händler durchaus sein, sagt er dieser Redaktion.
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Verbraucherschützer weisen auf Risiken hin. „Die Kombination aus zeitlichem Druck, sozialen Interaktionen und spielerischen Elementen wie Live-Auktionen kann impulsive Kaufentscheidungen fördern“, sagt Christian Ayri, Digitalexperte bei der Verbraucherzentrale Bayern, dieser Redaktion. Er empfiehlt, das eigene Kaufverhalten bewusst im Blick zu behalten und vorab ein persönliches Budgetlimit festzulegen. Whatnot entgegnet, Nutzer könnten über die App sowohl ein zeitliches Limit als auch eine Begrenzung ihrer Ausgaben einstellen.
Lebensmittel per Livestream: Whatnot plant Fischauktionen in Deutschland
In Deutschland hat das US-Unternehmen noch große Pläne. Längst nicht alle Kategorien aus dem amerikanischen Heimatmarkt sind hierzulande verfügbar. In den USA versteigert der Anbieter mittlerweile sogar Lebensmittel wie fangfrischen Fisch. Whatnot-Managerin Weiser hält das auch in Deutschland für denkbar. Und so ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass bald vielleicht schon Lachs vom Hamburger Fischmarkt per Stream ins Ruhrgebiet verkauft wird.