Marinedrohnen haben Russlands Kriegsschiffe vertrieben: Die Ukraine gewinnt den Krieg auf dem Wasser


Obwohl die Ukraine keine nennenswerte Marine hat, konnte sie dank technologischen Innovationen die Russen auf dem Schwarzen Meer zurückdrängen. Unbemannte Systeme werden auch auf dem Wasser immer wichtiger.

18.07.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Ein Flusslauf irgendwo in der Südukraine: Vertrocknete Schilfgräser schwanken im Frühlingswind, das Wasser plätschert leise ans Ufer. Dann durchbricht ein Motorengeräusch die morgendliche Ruhe. Ein Boot mit grau-schwarzem Tarnmuster flitzt vorbei, legt sich in die Kurve, das Wasser schäumt. Etwas springt ins Auge: Niemand ist an Bord. Gesteuert wird das Schiff wie von Geisterhand.

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Es ist eine Marinedrohne vom Typ Barracuda, benannt nach dem blitzschnellen Raubfisch mit den messerscharfen Zähnen. Entwickelt wurde sie von der gleichnamigen Spezialeinheit der 40. Marinebrigade, die mit der Verteidigung der Küste und der Flüsse der Ukraine beauftragt ist. Die Barracuda ist das neuste Modell im ukrainischen Arsenal von Marinedrohnen – einer Waffengattung, die bei Kriegsbeginn noch gar nicht existierte, der Ukraine in den vergangenen Jahren aber mehrere Grosserfolge beschert hat.

Die Barracuda-Marinedrohne wird hauptsächlich für Kamikaze-Angriffe genutzt – doch sie kann auch Minen legen oder Nachschub liefern.

Der Offizier «Cop» kommandiert die Barracuda-Einheit der 40. Marinebrigade der ukrainischen Streitkräfte.

Der Offizier «Cop» kommandiert die Barracuda-Einheit der 40. Marinebrigade der ukrainischen Streitkräfte.

«Am Anfang hat niemand gedacht, dass diese Drohnen funktionieren würden. Doch inzwischen sind sie für die Russen zu einem riesigen Problem geworden», sagt der Kommandant der Barracuda-Einheit, während er die Fahrt der Marinedrohne vom Flussufer aus beobachtet. Der rotbärtige Offizier mit den eisblauen Augen stellt sich aus Sicherheitsgründen nur mit seinem Kampfnamen «Cop» vor. «Dass wir die Russen auf dem Schwarzen Meer zurückdrängen konnten, hat zu 95 Prozent mit Marinedrohnen zu tun», sagt er – und die Fakten geben ihm recht.

Russland war unvorbereitet

Als der Krieg begann, hatte Russland eine drückende Übermacht auf See. Moskaus Kriegsschiffe drangen ungehindert bis nach Odessa vor und feuerten Raketen auf ukrainisches Territorium. Die Ukraine konnte dem wenig entgegensetzen: Schon mit der Annexion der Krim im Jahr 2014 hatte sie ihre wichtigsten Flottenstützpunkte mitsamt zahlreichen Kriegsschiffen an Russland verloren. Im Februar 2022 versenkten die Ukrainer dann ihre letzte Fregatte im Hafen von Mikolajiw, um das Schiff vor einer Übernahme durch die Russen zu bewahren.

Doch bald wendete sich das Blatt im Schwarzen Meer: Im Herbst 2023 sah sich Russland gezwungen, zahlreiche Schiffe aus dem Stützpunkt Sewastopol auf der besetzten Krim abzuziehen und nach Noworossisk an der russischen Küste zu verlegen. Der Grund dafür waren einerseits verheerende ukrainische Angriffe mit westlichen Marschflugkörpern und andererseits regelmässige Attacken mit Marinedrohnen.

Russland war auf dieses neue Waffensystem nicht vorbereitet. Immer wieder rammten mit Sprengstoff beladene Drohnen vom Typ Sea Baby oder Magura russische Kriegsschiffe und sorgten für schwere Schäden, manche Schiffe wurden gar versenkt. Entwickelt hatten diese Marinedrohnen die ukrainischen Geheimdienste HUR und SBU. Mit den unbemannten Kleinbooten gelang es ihnen, Russlands millionenteure Zerstörer und Fregatten in die äussersten Winkel des Schwarzen Meeres zu verdrängen.

Inzwischen hat die Zahl der erfolgreichen Angriffe zwar stark abgenommen, da Russland seine Marinestützpunkte nun mit Netzen und Barrieren schützt und die russischen Kriegsschiffe ihre Häfen kaum mehr verlassen. Gleichzeitig hat die Ukraine ihre Technologie weiterentwickelt: Vor einem Jahr gelang es einem Schwarm von mit Lenkwaffen ausgerüsteten Marinedrohnen, zwei russische Kampfjets über dem Schwarzen Meer abzuschiessen. Zudem zeigte sich im Dezember, dass selbst der Rückzugsort Noworossisk kein sicherer Hafen ist, als eine neuartige ukrainische Unterwasserdrohne ein russisches U-Boot wohl schwer beschädigte.

Soldaten in wasserdichten Anzügen bringen die Drohne zum Fluss. Ihre Gesichter dürfen sie nicht zeigen.

Soldaten in wasserdichten Anzügen bringen die Drohne zum Fluss. Ihre Gesichter dürfen sie nicht zeigen.

Mit solchen Fernsteuerungen werden die Barracuda-Drohnen an ihr Ziel gebracht – mitunter mehrere hundert Kilometer von der Ukraine entfernt.

Mit solchen Fernsteuerungen werden die Barracuda-Drohnen an ihr Ziel gebracht – mitunter mehrere hundert Kilometer von der Ukraine entfernt.

Braucht es überhaupt noch Kriegsschiffe?

Die 40. Marinebrigade ist nach den Geheimdiensten die erste Armee-Einheit, die Marinedrohnen einsetzt. Derzeit nutzt sie diese noch hauptsächlich für Kamikaze-Angriffe gegen russische Schiffe. «Aber wir modifizieren die Marinedrohnen ständig», sagt Cop, der Kommandant der Einheit. Der entscheidende Punkt sei, dass sich die Barracuda je nach Auftrag modular nutzen lasse. So könne sie beispielsweise Minen verlegen. Auch Raketenwerfer habe seine Einheit schon auf der Drohne montiert.

Besonders begeistert ist Cop vom Konzept, die Marinedrohne als Mutterschiff für Flugdrohnen einzusetzen: Dabei werden kleinere Propellerdrohnen von der Barracuda in ihr Einsatzgebiet transportiert. Dort heben sie ab, während die Marinedrohne als Relais funktioniert: Via Satelliteninternet stellt sie die Verbindung zu den Piloten der Flugdrohnen sicher. Diese können Hunderte von Kilometern entfernt am Schreibtisch sitzen – es ist ein Krieg per Fernsteuerung.

«Auf diese Weise haben wir kürzlich mit einer Bomberdrohne eine russische Radaranlage an der Schwarzmeerküste zerstört», erklärt Cop stolz. Der Offizier sagt gar: «Es hat keinen Sinn mehr, grosse Kriegsschiffe zu haben. Marinedrohnen sind viel flexibler einsetzbar. Sie verändern die Seekriegführung fundamental.»

Ein Schlauchboot gleitet über einen Flusslauf in der Ukraine. Auch die Flüsse des Landes sind zum Teil zur Kampfzone geworden.

Gleichzeitig haben diese unbemannten Systeme einige Nachteile: So ist der Tank der Barracuda nach weniger als einem Tag leer. Ausserdem sind diese Drohnen auf eine Internetverbindung angewiesen. Die Barracuda-Drohnen sind dazu mit Starlink-Empfängern von Elon Musks Firma SpaceX ausgestattet. Genau das hat sich in letzter Zeit als Problem entpuppt. Weil die Russen Starlink-Terminals auf ihre Kamikaze-Drohnen montiert hatten, führte Musk eine Geschwindigkeitsbegrenzung ein: Wenn sich ein Terminal schneller als 90 Kilometer pro Stunde bewegt, wird die Verbindung unterbrochen. Das betrifft auch die Ukrainer, die nun das Tempo ihrer Marinedrohnen drosseln müssen.

Das harte Leben auf den Dnipro-Inseln

Der Krieg auf dem Wasser spielt sich allerdings nicht nur auf dem Schwarzen Meer ab. Es gibt noch ein zweites Gewässer, auf dem gekämpft wird: Der Fluss Dnipro bildet auf einer Länge von fast 300 Kilometern die Frontlinie zwischen russisch und ukrainisch kontrolliertem Gebiet. Hier zeigt sich, dass ein Krieg im 21. Jahrhundert nicht nur mit unbemannten Systemen geführt werden kann.

Es sind Soldaten wie der 39-jährige Comrade, die dafür zuständig sind, Tausende von Inseln im Fluss Dnipro gegen russische Angriffe zu verteidigen. An einem Nachmittag im April steht er mit anderen Soldaten der 40. Marinebrigade an einem geheimen Ort am Flussufer und wartet. Sie alle tragen Ganzkörper-Tarnanzüge, die sie wie Büsche aussehen lassen. Dann gibt ihr Kommandant den Befehl zum Übungsbeginn: Die Soldaten stürmen zu einem Schlauchboot, besteigen es und brausen davon, das Gewehr im Anschlag.

Angekommen auf einer Insel, steigen die Soldaten ebenso hastig aus und suchen direkt Deckung. Alles muss schnell gehen, jede Bewegung muss stimmen. Denn auch am Himmel über dem Dnipro regieren die Drohnen – wer entdeckt wird, befindet sich in Lebensgefahr. «Unsere Aufgabe ist es, Inseln wie diese zu halten, die Russen aufzuspüren und ihre Offensiven über den Fluss abzuwehren», sagt Comrade.

Marinesoldaten üben die Verlegung durch eine Kampfzone. Später werden sie auf den Inseln im Fluss Dnipro im Einsatz sein.

Tarnung hat oberste Priorität: Die Soldaten der 40. Marinebrigade müssen beim Einsatz auf den Inseln ständig damit rechnen, von Drohnen entdeckt zu werden.

Tarnung hat oberste Priorität: Die Soldaten der 40. Marinebrigade müssen beim Einsatz auf den Inseln ständig damit rechnen, von Drohnen entdeckt zu werden.

Das Leben auf den Dnipro-Inseln ist hart. Weil der Boden sumpfig ist, können die Soldaten keine Schutzbunker graben. Stattdessen schlafen sie in flachen Zelten unter Tarnnetzen. «Das Wichtigste ist, sich zu verstecken», sagt Comrade. Und das für eine lange Zeit: «Mein längster Einsatz dauerte vierzig Tage. Einer von uns war sogar fünf Monate auf den Inseln.» Gerade im eiskalten Winter ist der Kampf um den Fluss auch einer ums Überleben. Besonders wichtig ist deshalb, dass die Truppen mit genügend Nachschub versorgt werden – und dabei kommen immer häufiger Marinedrohnen wie die Barracuda zum Einsatz.

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