Russische Rakete schlägt in Polen ein
Bei einem russischen Luftangriff auf die Ukraine sind in der Nacht zum Donnerstag mindestens acht Menschen ums Leben gekommen sowie 50 verletzt worden. Das teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag mit. Der ukrainischen Luftwaffe zufolge hatte Russland rund 280 Drohnen und mehr als 70 Raketen abgefeuert, darunter auch mehrere auf die in der Westukraine gelegene Großstadt Lemberg (Lwiw), wo ein Wohnblock getroffen wurde. Aufnahmen von Rettungskräften zeigten, wie Helfer in den Trümmern nach Überlebenden suchten.
Einer dieser Marschflugkörper schlug offenbar auch im Osten Polens ein. Auf einem Feld in der Nähe des Dorfes Tarnawa-Kolonia südlich der Großstadt Lublin wurde am Morgen ein zehn Meter breiter und fünf Meter tiefer Krater entdeckt. In einem Umkreis von 200 Metern lagen Metallteile verstreut. „Wir hörten einen lauten Knall“, schilderte ein Anwohner, der etwa einen Kilometer vom Einschlagsort entfernt lebt, dem polnischen Nachrichtenportal Onet den Vorfall. „Es fühlte sich an, als würde etwas in der Luft auseinanderfallen.“ Das Portal veröffentlichte auch das Video einer Überwachungskamera eines nahen Bauernhofes, auf dem um 3:46 Uhr plötzlich viel Staub und Kleinteile durch die Luft wirbeln.
Hundert Kilometer in sechs Minuten
Das entspricht dem Zeitpunkt des Einschlags. Die polnische Luftwaffe, die wie stets bei russischen Angriffen auf die Westukraine eigene Kampfflugzeuge zur Sicherung aufsteigen lässt, hatte das Eindringen eines unbekannten Flugobjekts in den polnischen Luftraum um 3.40 Uhr registriert und Luftalarm ausgelöst. Wenige Minuten später war das Objekt wieder vom Radar verschwunden und offenbar auf dem Feld eingeschlagen. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha informierte Warschau am Morgen darüber, dass ein russischer Marschflugkörper des Typs Ch-101, der von Flugzeugen aus gestartet wird, über die Grenze nach Polen geflogen sei.
In den sechs Minuten bis zum Einschlag hatte das Objekt fast hundert Kilometer ins Landesinnere Polens zurückgelegt, sodass es mehr als 900 Kilometer je Stunde schnell gewesen sein muss. Der polnischen Luftwaffe zufolge spricht das für den von Sybiha erwähnten Marschflugkörper, welcher der Größe des Kraters nach zu urteilen mit etwa 200 Kilogramm Sprengstoff beladen war. Glücklicherweise habe es keine Opfer oder Schäden gegeben, sagte Polens Regierungschef Donald Tusk am Donnerstag am Einschlagsort. „Das ist das Ergebnis einer massiven russischen Aktion, von einem der größten Angriffe dieses Krieges.“
Zu schnell für die Identifizierung
Tusk sprach von einem „ernsten Vorfall“, betonte aber, dass es keinen Grund gebe anzunehmen, dass der Angriff Polen gegolten habe. Die Soldaten hätten den Befehl gehabt, das Objekt nach Identifizierung abzuschießen, wenn es Kurs auf bewohntes Gebiet genommen hätte, doch sei es zuvor niedergegangen. Er stehe mit Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Kontakt, um den Fall gemeinsam zu untersuchen. Es ist bereits das vierte Mal seit dem russischen Überfall auf die Ukraine, dass Russland den polnischen Luftraum verletzt. Allerdings ist es das erste Mal, dass ein Marschflugkörper in Polen explodierte. Tusk kündigte an, die Ukraine mit Flugabwehr zu unterstützen, darunter auch die für die Abwehr von Raketen wichtigen Patriots.
Selenskyj bezeichnete den Angriff abermals als „Terror gegen die Zivilbevölkerung“ und verwies auf die Lücken der eigenen Flugabwehr. Die Armee habe zwar „eine erhebliche Anzahl“ abschießen können, doch herrsche „ein kritischer Mangel an Abfangraketen“. Alle Partner wüssten, womit sie seinem Land helfen könnten. Verzögerungen bei der Lieferung führten zu Zerstörung und Opfern, wie sie die Ukraine nun abermals erfahren musste. Am Mittwochabend hatte Selenskyj wie häufig vor einem Großangriff Russlands gewarnt. In Kiew hatten daraufhin wieder Zehntausende Menschen Schutz in U-Bahn-Stationen gesucht.