Formel 1: Vor dem Großen Preis von Belgien wird heftig wie nie über die Zukunft von Max Verstappen diskutiert.


Das Narrativ, mit dem sich ein etwaiges aufkommendes Sommerloch in der Formel 1 prima füllen lässt, hatte in den vergangenen Jahren meist mit dem Terminkalender von Max Verstappen zu tun. Parkt sein Privatjet zufällig auf demselben Flugplatz wie jener von Mercedes-Teamchef Toto Wolff? Liegen die Yachten des Niederländers und des Österreichers in einer Bucht im Mittelmeer vor Anker? Immer dann, wenn für den viermaligen Weltmeister und seinen Red-Bull-Rennstall sportliche Dürre anbricht, schießen die Aktien in der Spekulationsweltmeisterschaft nach oben. Das ist in dieser Saison vor dem Großen Preis von Belgien am Wochenende, da Verstappen und Red Bull noch mehr als sonst nach Erfolgen dürsten, keinen Deut anders.

Nach dem enttäuschenden Grand-Prix-Wochenende in Silverstone, als Verstappen vier Runden vor Schluss auf Platz drei liegend nach einem Heckflügeldefekt von der Piste geflogen war, wurde der einstige Red-Bull-Berater Helmut Marko mit Verstappens Vater Jos und dessen Manager Raymond Vermeulen in Amsterdam gesichtet. Stichwort: Geheimtreffen. Doch der 83-jährige Marko, der den jungen Max für die Formel 1 entdeckt hatte, hüllt sich über den Inhalt des Gesprächs in Schweigen.

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Über die große gemeinsame Vergangenheit werden sie wohl nicht sinniert haben, eher über die Zukunft, die ungewisser denn je erscheint. Zunächst muss Verstappen aber klären, was er wirklich will: Sich mit dem langsamen, anfälligen Red-Bull-Rennwagen weiter quälen? Einen Neuanfang bei McLaren wagen? Als Entwicklungshelfer bei Aston Martin beginnen? In eine andere Rennserie wechseln? Oder reizt den Instinktfahrer stattdessen ein Sabbatical mit der Familie noch viel mehr?

Mercedes steht jedenfalls nicht mehr im direkten Fokus eines möglichen Sensationstransfers. Dort hat sich Teamchef Toto Wolff in Kimi Antonelli ein eigenes Wunderkind herangezogen, nachdem er es einst versäumt hatte, sich Verstappens Dienste zu sichern. Der inzwischen 28-Jährige hat aber immer noch die Wahl, er gilt allem eigenen Frust zum Trotz als der beste Fahrer der Königsklasse. Und die Anzeichen sprechen dafür, dass hinter der Personaldebatte diesmal mehr steckt als nackte Sensationslust.

Die Basis für alle Gedankenspiele ist eine kolportierte Ausstiegsklausel in Verstappens bis Ende 2028 laufenden Vertrags mit dem Brausekonzern. Angeblich kann er seinen Rennstall verlassen, wenn er bis zur Sommerpause nicht den zweiten Platz in der WM-Wertung belegt. Würde dies so stimmen, so kann Verstappen dies als aktueller Gesamtsiebter mit 103 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Antonelli und 78 Zählern auf den zweitplatzierten George Russell schon jetzt nicht mehr erreichen. Eine Entscheidungsfrist soll bis Oktober reichen.

Für Verstappen selbst ist es eine Qual der Wahl, die ihn mehr beschäftigt, als er zugeben kann oder will. Sky-Kommentator Ralf Schumacher, der gern das Orakel im Fahrerlager gibt, sieht den Niederländer „zwischen allen Stühlen“ sitzen und mutmaßt, dass die Diskussionen dem Fahrer einen zusätzlichen Energieverlust bescheren. Bei der offiziellen Fragerunde am Donnerstag zeigte sich Verstappen zumindest höchst konzentriert im Abwehrmodus.

Die aktuelle Situation verdeutlicht auch den Verfall bei Red Bull Racing

Der Fragesteller wollte zunächst vorsichtig wissen, ob es Neuigkeiten zu seiner Vertragssituation gibt. „Nein.“ Ob er eine Meinung zu den Spekulationen habe? „Keine.“ Auch kein bestimmtes Datum? „Ich habe dazu nichts zu sagen.“ Ob er sich denn Red Bull verpflichtet fühle? „Noch mal, dazu sage ich nichts.“ Das gesammelte Schweigen ließ keine Rückschlüsse darauf zu, worum es sich für ihn noch zu kämpfen lohnt. Verstappen will im Prinzip aber immer nur zweierlei: fahren und siegen.

Die aktuelle Situation verdeutlicht nicht nur, wie groß die Abhängigkeit des Motorsportlers vom Material ist, sondern auch den Verfall bei Red Bull Racing. Ein spektakulärer, sich drehender Heckflügel, der zweimal im entscheidenden Moment nicht funktioniert und für eine lebensgefährliche Situation sorgt, dazu ein permanenter Exodus des Führungspersonals: Das muss einem Fahrer, der seine ganze Karriere in den Konzernteams verbracht hat, reichlich zu denken geben. Verstappen behauptet, dass er nach schlechten Ergebnissen und Erlebnissen einfach nach Hause fahre und den Reset-Knopf drücke. Aber diese Krise jetzt scheint existenzieller zu sein als frühere Schwächeperioden.

Die Meldung, dass Max Verstappen den 15-jährigen Dries Van Langendonck unter Vertrag genommen hat und sich so neben Sportwagenrennstall und SimRacing-Team als Manager ein weiteres Standbein für eine Zukunft außerhalb des Cockpits aufbaut, bringt neue Hypothesen. Denn der talentierte Belgier fährt ausgerechnet für das Nachwuchsprogramm von McLaren, das allen Dementis zum Trotz als nächstbeste Adresse für einen Wechsel Verstappens gilt.

Britische Medien favorisieren daher einen Ringtausch mit dem beim Papaya-Team nicht mehr glücklichen Australier Oscar Piastri. Dafür könnte auch sprechen, dass Verstappens Renningenieur Gianpiero Lambiase Ende des kommenden Jahres zu McLaren wechseln wird. Ein veritables Gegenargument ist, dass die Briten in Lando Norris einen einheimischen Liebling haben und traditionell keinen Nummer-Eins-Status vergeben.

Einen Zweck erfüllen solch wechselseitige Vermutungen in jedem Fall: Sie schrauben den Marktwert von Max Verstappen weiter nach oben. Jüngsten Schätzungen zufolge könnte er sein Jahresgehalt auf 70 Millionen Euro aufstocken. Damit konfrontiert, blieb Verstappen in Belgien seiner Kommunikationsstrategie treu: „Ich möchte mich nicht ständig mit Ja oder Nein, mit diesem oder jenem zu meiner Zukunft äußern. Ich habe bereits oft genug gesagt, dass ich selbst verkünden werde, wenn es etwas Neues gäbe.“