Mazeppa an der Oper Frankfurt: Tschaikowskis Meisterwerk


Es sei durchaus pikant, dieses Stück jetzt herauszubringen, findet Karsten Januschke. Denn Mazeppa, den Peter Tschaikowski zur Titelfigur seiner siebten Oper machte, war ein ukrainischer Feldherr. 1709, in der Schlacht bei Poltawa, kämpfte er an der Seite der Schweden, hatte sich also gegen den russischen Zaren gestellt. Die Entscheidung, „Mazeppa“ im Rahmen der Tiroler Festspiele Erl herauszubringen, sei vier Monate vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gefallen, erläutert Januschke. Als die Oper dann im Sommer 2024 in Erl Premiere hatte – damals war der Frankfurter Intendant Bernd Loebe noch Leiter der Festspiele –, verzichtete der südafrikanische Regisseur Matthew Wild darauf, einen konkreten Bezug zum gegenwärtigen Krieg herzustellen. Er zeigt Mazeppa als skrupellosen Politiker, als Karrieristen, der sich um jeden Preis durchsetzt, mit Folter und Gewalt.

„Es geht um Machmissbrauch“, sagt Karsten Januschke, der, wie in Erl, die musikalische Leitung übernimmt, wenn die Produktion nun als erste Saisonpremiere an die Oper Frankfurt übernommen wird. Ein äußerliches und innerliches Trümmerfeld der Figuren sei da zu sehen. Ein Beispiel? Kaum habe Mazeppa der viel jüngeren Maria seine Liebe erklärt, lasse er ihren Vater töten. „Mazeppa“, zwischen Tschaikowskis meistgespielten Opern „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“ entstanden und 1884 in Moskau uraufgeführt, biete „eine düstere Klangsprache, die dem Bild eines romantischen Komponisten so gar nicht entspricht“.

Vielleicht der einzige, der das Museumsorchester duzt: Dirigent Karsten Januschke.
Vielleicht der einzige, der das Museumsorchester duzt: Dirigent Karsten Januschke.Michael Braunschädel

Die Oper, die auf Puschkins Versgedicht „Poltawa“ basiert, ist nicht nur länger, sondern im Orchester auch stärker besetzt als Tschaikowskis bekanntere Bühnenwerke. „Es gibt mehr Blechbläser, ein größeres Schlagwerk“, sagt der Dirigent, der auf den „kantigeren Klang“ dieser Partitur und sogar auf ein Zitat aus Modest Mussorgskys Historienoper „Boris Godunow“ hinweist. Und auf die Meisterschaft, die er Tschaikowski zuschreibt: Vom „Archaischen der Massenszenen“ spricht er, von einer „massiven Maschinerie“, wenn er beispielsweise die Vertonung der Schlacht von Poltawa beschreibt, die den letzten der drei Akte eröffnet. Ein kompositorischer Coup: Nachdem die Musik in den Hintergrund getreten sei, nehme man die Szene auch akustisch als zurückgelassenes Schlachtfeld wahr.

Seit Karsten Januschke, der 1980 in Bad Segeberg zur Welt kam, Korrepetitor an der Oper Frankfurt wurde, ist er dem Haus eng verbunden. 2008 war das, später wurde er zum Kapellmeister berufen. Auch als mittlerweile frei arbeitender Dirigent kehrt er häufig zurück und leitet in dieser Spielzeit neben „Mazeppa“ die Premierenserie der Händel-Oper „Flavio“ im Bockenheimer Depot. In Frankfurt zu dirigieren sei „ein sehr anderes Gefühl“ als andernorts, „es ist ein bisschen wie nach Hause kommen“. Und: „Ich bin, glaube ich, der Einzige, der das Museumsorchester duzt.“ Zum Studium war Januschke aus dem Norden, wo eine „Salome“ von Richard Strauss am Theater Lübeck das erste tief prägende Opernerlebnis gewesen sei, nach Wien gegangen. Er arbeitete unter anderem an der Wiener Staatsoper, später auch bei den Bayreuther Festspielen. Erst vor Kurzem ist er nach Österreich zurückgekehrt, wo er auf Burg Gars im Waldviertel Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ dirigierte – zum ersten Mal und unter freiem Himmel. Seinen Lebensmittelpunkt aber hat er weiterhin in Frankfurt. Bernd Loebe ist er dankbar dafür, „dass er mich immer wieder in neue Sachen hineingeworfen hat“.

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Dazu gehören beinahe alle Epochen, vom Barock bis in die Gegenwart: 2018 brachte er im Bockenheimer Depot Olga Neuwirths Oper „Lost Highway“ zur deutschen Erstaufführung. „Es gibt heute viel Schubladendenken“, so Januschke, man werde schnell zum Fachmann für bestimmtes Repertoire erklärt. Das droht ihm nicht, hat er in Frankfurt doch Jacques Offenbach und Aribert Reimann dirigiert, Mozart in Berlin und Prag, Bernd Alois Zimmermann am Staatstheater Darmstadt. Richard Strauss würde er gerne einmal aufführen, vielleicht auch etwas mehr Konzerte leiten. Als Operndirigent mit klassischer Kapellmeisterlaufbahn ist es für ihn selbstverständlich, Werke von der Partitur aus zu erarbeiten. „Bei modernen Stücken sitze ich dabei selbst etwas mehr am Klavier.“

In Tschaikowskis „Mazeppa“ bedeute es eine besondere Herausforderung, „darüber einen langen Bogen zu spannen“. Die Brutalität des Werks, den existenziellen Schmerz, die sich auch in der Musik ausdrückten, müsse man herausarbeiten, manchmal aber auch reduzieren. Vieles spiele in Matthew Wilds Inszenierung im hinteren Bereich der Bühne. Fast vier Stunden dauern die drei Akte einschließlich zweier Pausen, schwierig sei die Quellenlage der Oper, die nur in einer älteren, nicht fehlerfreien Edition vorliege. Als besonders wirkungsvoll beschreibt Januschke ihr Ende: Mazeppa, von Bariton Petr Sokolov gesungen, „entflieht im Pianissimo“, und Maria, verkörpert von Nombulelo Yende, singt ein Wiegenlied. „Ein Erlöschen“ sei das und in dieser Gestalt einzigartig in der Opernliteratur.

Mazeppa, Premiere an der Oper Frankfurt am 13. September, 18 Uhr, nächste Vorstellungen am 18. und 20. September.