Mehr Lohn, mehr Steuerlast: Warum Singles 2027 real Einkommen verlieren könnten


Stand: 15.08.2026, 11:53 Uhr

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Eine Steuerpraxis der vergangenen Jahre wird aufgegeben. Für viele Arbeitnehmer heißt das: Mehr Lohn schützt nicht automatisch vor höherer Belastung.

München – Die schwarz-rote Bundesregierung hat einen Kurswechsel in der Steuerpolitik vollzogen. Erstmals seit 2016 gleicht sie die sogenannte kalte Progression nicht mehr vollständig aus. Das trifft vor allem Singles mit mittleren Einkommen. Sie werden im kommenden Jahr real höher besteuert als bisher.

Lars Klingbeil: Der Finanzminister gleicht die kalte Progression nicht vollständig aus. Besonders Singles mit mittleren Einkommen könnten dadurch real stärker belastet werden.

Lars Klingbeil: Der Finanzminister gleicht die kalte Progression nicht vollständig aus. Besonders Singles mit mittleren Einkommen könnten dadurch real stärker belastet werden. © Lars Penning/dpa

Was kalte Progression bedeutet

Steigen die Löhne, steigt auch die Steuerlast. Das klingt zunächst logisch. Doch wenn die Lohnerhöhung nur die Inflation ausgleicht, kaufen Arbeitnehmer real nicht mehr. Sie zahlen aber trotzdem mehr Steuern.

Diesen Effekt nennt man kalte Progression. Laut Schätzungen der Bundesbank zahlen die Deutschen allein in diesem Jahr 8,2 Milliarden Euro zu viel Einkommensteuer.

Seit 2016 wurde der Effekt ausgeglichen

Um das zu verhindern, passt die Politik seit 2016 den Einkommensteuertarif jährlich an. Sie verschiebt den Grundfreibetrag und die Eckwerte für den Spitzensteuersatz nach oben.

So greift der höhere Steuersatz erst bei tatsächlich höheren Einkommen. Die Praxis geht auf den damaligen Finanzminister Wolfgang Schäuble zurück. Seine Nachfolger Olaf Scholz und Christian Lindner führten sie fort.

Die Bundesbank bewertete das Ergebnis positiv: „Die kalte Progression wurde damit zwar nicht immer in jedem Jahr genau kompensiert, aber insgesamt betrachtet etwa ausgeglichen“, stellten die Experten im Sommer 2022 fest.

Mehr Steuern wurden erst fällig, wenn Arbeitnehmer tatsächlich mehr Geld zur Verfügung hatten. Eine schleichende Steuererhöhung blieb damit weitgehend aus.

Klingbeil bricht mit der Tradition

Damit ist jetzt Schluss. Finanzminister Lars Klingbeil hat einen anderen Kurs eingeschlagen.

Sein Ministerium begründet das offen: „Die Koalition hat sich angesichts begrenzter haushaltspolitischer Spielräume für einen anderen Ansatz entschieden als einen pauschalen Inflationsausgleich.“

Das Entlastungsvolumen von insgesamt rund zehn Milliarden Euro bis 2028 solle stattdessen gezielt fließen – „nämlich zu den unteren und mittleren Einkommen und zu den Familien“.

Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Der Referentenentwurf aus dem Finanzministerium mit dem Arbeitstitel „Einkommensteuerreformgesetz 2027“ sieht für 2027 Entlastungen von lediglich 2,635 Milliarden Euro vor.

Selbst mit dem geplanten höheren Kinderfreibetrag steigt die Summe nur auf 3,175 Milliarden Euro. Das ist weniger als die Hälfte der von der Bundesbank errechneten notwendigen 8,2 Milliarden Euro.

Singles mit mittleren Einkommen verlieren

Besonders hart trifft es Singles. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft wird ein Single mit einem Bruttoeinkommen von 50.000 Euro im kommenden Jahr um 114 Euro weniger entlastet, als die kalte Progression erfordern würde.

Bei einem Bruttoeinkommen von 80.000 Euro beträgt das Minus sogar 265 Euro. Wer also zur Gruppe der mittleren Einkommen gehört und keine Kinder hat, zahlt real drauf.

Auch 2028 droht kein voller Ausgleich

Auch der Blick auf 2028 stimmt nicht optimistischer. Die Bundesbank erwartet wegen der prognostizierten höheren Inflation 2027 einen notwendigen Ausgleich von 8,5 Milliarden Euro im Jahr darauf.

Geplant sind laut Referentenentwurf jedoch nur 2,7 Milliarden Euro – mit Kinderfreibetrag 3,025 Milliarden Euro.

Schwarz-Rot geht weiter als die Ampel

Zum Vergleich: Auch die Ampel-Regierung verweigerte den vollständigen Ausgleich bei Höchstverdienern. Der Grenzwert für den Reichensteuersatz von 45 Prozent blieb seit 2022 unverändert bei einem zu versteuernden Einkommen von 277.826 Euro.

Die schwarz-rote Koalition geht nun aber deutlich weiter. Sie verzichtet nicht nur bei sehr hohen Einkommen auf einen vollständigen Ausgleich, sondern lässt auch mittlere Einkommen stärker in die kalte Progression laufen.

Neuer Reichensteuersatz soll Entlastung finanzieren

Die Gegenfinanzierung der bescheidenen Steuerentlastung kommt von oben. Die Koalition plant, den Eckwert für den Reichensteuersatz ab dem 1. Januar 2027 von 277.826 Euro auf 250.000 Euro zu senken.

Zusätzlich soll ein zweiter Reichensteuersatz von 47 Prozent ab einem zu versteuernden Einkommen von 280.000 Euro eingeführt werden. Die erwarteten Mehreinnahmen allein im nächsten Jahr: 2,61 Milliarden Euro.

Das reicht rechnerisch, um den Mini-Ausgleich der kalten Progression zu finanzieren.

Spitzensteuersatz-Grenze steigt nur leicht

Beim Spitzensteuersatz bewegt sich wenig. Die Grenze, ab der 42 Prozent fällig werden, soll 2027 auf 70.600 Euro steigen. Aktuell liegt sie bei 69.879 Euro.

Notwendig wäre ein Wert von knapp 72.000 Euro, um den Inflationseffekt vollständig auszugleichen.

Rechtlich ist das Vorgehen der Regierung nicht zu beanstanden. Das Finanzministerium verweist auf die verfassungsrechtliche Pflicht zur Freistellung des Existenzminimums: „Verfassungsrechtlich geboten ist die steuerliche Freistellung des Existenzminimums. Genau darauf zielt der Entwurf über die Anhebung des Grundfreibetrags in zwei Stufen.“

Ein vollständiger Ausgleich der kalten Progression ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Er war in den vergangenen Jahren üblich – aber freiwillig.

Familien profitieren teilweise vom Kindergeld

Familien profitieren zumindest teilweise von der geplanten Kindergelderhöhung. Der Satz soll schrittweise von derzeit 259 Euro auf 272 Euro pro Kind und Monat steigen .Für Singles bleibt diese Entlastung ohne Wirkung.

Der Referentenentwurf wird derzeit zwischen den Koalitionspartnern abgestimmt. Anschließend soll das Bundeskabinett ihn beschließen. Änderungen sind noch möglich.

Klingbeil betonte jedoch, der Entwurf setze die Beschlüsse des Koalitionsausschusses von Anfang Juli eins zu eins um.

Schleichende Steuererhöhung kehrt zurück

Politisch ist der Kurswechsel heikel. Die Bundesregierung spricht von gezielter Entlastung für untere und mittlere Einkommen sowie Familien. Tatsächlich aber fällt der Ausgleich der kalten Progression deutlich kleiner aus als in den Vorjahren.

Für viele Arbeitnehmer bedeutet das: Sie bekommen zwar nominell mehr Lohn, zahlen aber real mehr Steuern. Besonders Singles mit mittleren Einkommen spüren, dass die schleichende Steuererhöhung zurückkehrt. (Quellen: Bundesfinanzministerium, Bundesbank, Institut der deutschen Wirtschaft, Welt) (mare)