„Mehr russische Soldaten töten“: Reporterfrage sorgt auch in Sachsen für Ärger
Eine Reporterfrage sorgt seit Tagen für Streit über die Grenzen des Journalismus – und die Kritik kommt nun auch aus Sachsen. Bei einer Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Belgrad wollte der FAZ-Journalist Michael Martens wissen, was „wir Europäer“ tun könnten, um der Ukraine zu helfen, „mehr russische Soldaten zu töten“.
Die BSW-Fraktion im Sächsischen Landtag sieht darin eine überschrittene Grenze. Auch ein Kommentator unserer Zeitung meldete sich mit einer weitreichenden Deutung zu Wort.
Die FAZ selbst reagierte auf die anschließende Kritik. Die Frage sei missverständlich formuliert gewesen, teilte die Pressestelle auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Man bedauere dies. Es sei nicht die redaktionelle Linie des Blattes, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten.
Nach Darstellung des Medienhaues zielte die Frage auf eine Fachdebatte: Unter Verteidigungsexperten werde diskutiert, wie die russische Armee personell so unter Druck gebracht werden könne, dass Moskau zu Friedensverhandlungen bereit sei.
BSW-Fraktion sieht Grenze überschritten
Die BSW-Fraktion im Sächsischen Landtag kritisiert das Auftreten des Journalisten deutlich. In einer Pressemitteilung vom Mittwoch warnt Fraktionschef Ronny Kupke vor einer Gewöhnung an die „Sprache des Krieges“.
Der BSW-Fraktionschef im Sächsischen Landtag, Ronny Kupke, möchte sich nicht an die "Sprache des Krieges" gewöhnen.
© dts Nachrichtenagentur/Imago
„Aber auch in einem Krieg darf das Töten von Menschen nicht zu einer sprachlichen Selbstverständlichkeit werden“, erklärt Kupke. Wenn ein deutscher Journalist einen Präsidenten frage, was „wir Europäer“ tun könnten, damit mehr gegnerische Soldaten getötet würden, sei „eine Grenze überschritten“.
Kupke betont zugleich, Russlands Angriff auf die Ukraine sei „durch nichts zu rechtfertigen“. Seine Kritik zielt auf die Rolle von Medien: Journalisten seien keine Akteure des Krieges und sollten sich auch sprachlich nicht dazu machen. Aufgabe sei es, zu informieren und einzuordnen – nicht, sich eine militärische Zielsetzung zu eigen zu machen.
Meinung
„Was können wir konkret tun, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten?“
Aus Sicht der Fraktion macht die nachträgliche Erklärung der FAZ die Debatte nicht überflüssig. Denn die Zeitung habe zwar ihre redaktionelle Linie klargestellt, zugleich aber bestätigt, dass hinter der Frage die Überlegung stand, Russland durch hohe Verluste an den Verhandlungstisch zu zwingen.
Scharfe Kritik aus Moskau
Der Journalist selbst reagierte auf X auf die Vorwürfe. Dort schrieb Martens, seine Frage sei eine Anspielung auf ein Zitat gewesen, das dem britischen Premier Winston Churchill zugeschrieben wird. Churchill soll die Unterstützung jugoslawischer Widerstandsgruppen im Zweiten Weltkrieg auf die Frage zugespitzt haben, wer die meisten Deutschen töte und wie man ihm helfen könne, noch mehr zu töten.
Auch aus Moskau kam eine Reaktion. Das russische Außenministerium äußerte laut „Welt“ am Sonntagabend scharfe Kritik. Es bezeichnete den Journalisten unter anderem als „braunen Propagandisten“, warf ihm vor, Russen zu entmenschlichen, und nannte die Äußerung „revanchistisch“. Kritisiert wurde zudem, dass die Frage im Westen nicht verurteilt worden sei.
Weiter geht die Deutung von Thomas Fasbender, dessen Kommentar in dieser Zeitung erschien. Er verortet den Vorfall in einem Feld deutscher Schuld- und Erinnerungsgeschichte.
Fasbender verweist auf die Familiengeschichte des 1973 geborenen Martens: Dessen Großvater Hans-Hermann Martens, geboren 1904, war Jurist, SA- und NSDAP-Mitglied und wurde 1936 mit Hitlers Unterschrift zum Staatsanwalt ernannt. Dem Großvater hatte der Enkel 2024 einen Text in der FAZ gewidmet.
Ukraine
Der Preis für „mehr tote Russen“: Wie viele Ukrainer müssen noch sterben?
Fasbender deutet die Reporterfrage psychologisch: Der Ruf nach Strafe für Russland befriedige ein „ungestilltes Bedürfnis nach Sühne“ für kollektive und familiäre Schuld. Bemerkenswert findet er, dass Martens „wir Europäer" und nicht „wir Deutsche" gesagt habe – hier wirke noch das Tabu. Dies ist ausdrücklich eine Meinungsposition, kein belegter Sachverhalt.
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