„Mit jeder solcher Aktion wird das Leben für Muslime in Deutschland ein bisschen schwerer“: Tagesspiegel-Community zum CSD-Attentat
Tagesspiegel-Nutzer Werauch_Immer ist fassungslos: „Ein einziger fanatischer Mann zerstört erneut alles Gute.“, schreibt er in unserer Community und trifft damit die Stimmung vieler.
Am Abend des 25. Juli fuhr Abdul Ballout, ein 21-jähriger Deutscher mit libanesischen Wurzeln, am Rande des Berliner Christopher Street Days mit einem gemieteten Kleinbus in eine Menschenmenge. Eine Person wurde dabei getötet, 29 weitere wurden teils schwer verletzt. Der CSD wurde noch in der Nacht abgebrochen.
Was viele Benutzer/innen besonders erschüttert: Ballout war den Behörden längst bekannt. Er hatte versucht, sich dem „Islamischen Staat“ in Syrien anzuschließen, war dabei gescheitert und im November 2025 bei seiner Rückkehr am Flughafen BER festgenommen worden. Im Mai 2026 verurteilte ihn ein Gericht zu 22 Monaten Jugendstrafe — ließ ihn aber auf freiem Fuß. Wenige Stunden nach dem Anschlag wurde Ballout bei einem Polizeieinsatz in Spandau erschossen.
Für die Tagesspiegel-Community ist der Anschlag mehr als ein Einzelfall — er trifft eine Community, die sich ohnehin unter Druck fühlt, und er stellt unbequeme Fragen an Politik und Sicherheitsbehörden. Die Stimmung in den Kommentaren schwankt zwischen tiefer Trauer, persönlicher Betroffenheit und dem Ruf nach Konsequenzen.
Wir dokumentieren hier eine redaktionelle Auswahl der Kommentare aus unserer Community:
Werauch_Immer Mein tiefstes Beileid mit den Opfern und Angehörigen. Hoffentlich werden die Verletzten wenigstens körperlich wieder gesund. Bei der zeitlichen Dichte der Anschläge und Morde entsteht der Eindruck eines tatsächlichen Angriffs, eines Krieges gegen unser aller Freiheit und Liebe zur Offenheit.
Es ist für mich als weder hetero noch monogam lebende Person tatsächlich ein Kipppunkt. Hunderttausende sind glücklich und frei. Ein einziger fanatischer Mann, reaktionär, erzkonservativ, fundamental religiös, nationalistisch für einen Gottesstaat denkend, zerstört erneut alles Gute mit einfachsten Mitteln.
Wir alle müssen endlich verstehen, dass diese Terroristen ebenfalls Rechtsradikale sind und keinerlei Schutz oder Verständnis von uns erhalten dürfen. Das Töten muss endlich aufhören. Klare Kante gegen jede Art von Extremismus!
GGodowski Mario Sixtus schrieb auf Bluesky eine richtige Darstellung, wenn er schreibt: „Islamfaschisten töten. Und es ist in keinster Weise pietätlos, jetzt darauf hinzuweisen, dass der Innenminister Taliban mit Diplomatenpässen ausgestattet hat — auch in Berlin — und mit ihnen an einem Tisch sitzt, um Menschen — auch Frauen — in die Hände dieser Mörderbande abzuschieben.“
Wenn es ein Verbot der Regenbogenfahne auf dem Bundestag gibt, dann wird Hass legitimiert
Tagesspiegel-Nutzer GGodowski
Was gestern als mörderischer Hass zum Ausbruch kam, ist ein Endpunkt der Einschränkung von queerer Sichtbarkeit und queeren Lebens. Wenn es ein Verbot der Regenbogenfahne auf dem Bundestag gibt, dann wird Hass legitimiert.
Die Aussagen „Wir alle wurden getroffen“ von Herrn Wegner zeigen das ganze Unverständnis. Nein, nicht ein Wir wurde getroffen, sondern eine Community in der Gesellschaft — ein gezielter Angriff. Durch Queerablehnung vorbereitet: von Angriffen der Nazis auf CSD-Veranstaltungen bis hin zum Mord an Menschen gestern. Unsere Solidarität, unsere Trauer und unser Stehen zu Demokratie und Freiheit sind nun gefragt. Den Opfern alles Gute, den Angehörigen Kraft.
Frabe
„Ein Angriff auf die Freiheit der westlichen Welt, unsere Offenheit, unsere Werte, unsere Lebensweise.“ Ja, genau das sind die Dinge die Islamisten hassen. Dazu gehören auch die Demokratie, Frauenrechte usw. Deshalb muss Schluss sein mit der Verunglimpfung von Personen die auf die Gefahren durch Islamisten hinweisen. Diese Verbrecher sind nicht gleichzusetzen mit dem Islam bzw. den Muslimen.
Berlin_Marc
„Die mutmaßlich islamistisch motivierte Tat richtet sich gezielt gegen die weltoffene Lebensweise und die Demokratie der Stadt.“ Wahre Worte von Raed Saleh. Die gesellschaftliche Atmosphäre auf der Straße entwickelt sich in den letzten Jahren keineswegs in Richtung mehr Toleranz. Hass und Hassverbrechen von politischen und religiösen Rändern und Extremisten nehmen zu.
...die Stadt nicht nur physisch, sondern auch gesellschaftlich lebenswerter machen
Tagesspiegel-Nutzer Berlin_Marc
Berlin kann weder Deutschland noch die Welt verändern. Aber es wäre schon schön, wenn die Landespolitik tatkräftig dazu beiträgt, diese Stadt nicht nur physisch, sondern auch gesellschaftlich lebenswerter zu machen und einander wieder näher zu bringen.
Und ich wehre mich vehement dagegen, das als unrealistisch zu betrachten. Es muss uns doch als zivilisierte, demokratische Stadtgesellschaft möglich sein, eine Spaltung spürbar zu verringern. Selbstverständlich verlangt das von uns allen Mitarbeit.
Assyriana
Ein weiteres, großes Problem ist, daß Islamismus immer wieder auch mit Glaubensfreiheit in Verbindung gebracht wird: Islamismus ist lediglich eine Ideologie, die von einer Religion einige extreme , falsch interpretierte Aussagen gestohlen hat: Mehr nicht! (Dieses Verfälschungsverfahren kann man im übrigen in fast jeder Religion anwendem, mit dem nötigen machtpolitischen Willen; man denke, zur Illustration, an die spanische Inquisition).
Islamismus ist als verfassungsfeinlich zu verfolgen. Punkt
Tagesspiegel-Nutzer Assyriana
Deshalb lehne ich auch schon den Begriff „politischer Islam“ ab (der hier zum Glück nicht benutzt wird). Islamismus ist als verfassungsfeinlich zu verfolgen. Punkt. Keine „religionsspezifische“ Ausnahme. D.h. islamistische Propaganda im Internet muß verboten werden. Natürlich müssen Fachleute beurteilen, was islamistisch ist. (Dafür gibt es unter anderem Islamwissenschaftler).
Bei Rechtsradikalität ist es doch genauso. Der Staat muß viel gezielter gegen Staatsfeinde - alle, die das Grundgesetz ablehnen - vorgehen! Genauso wie gegen Kinderpornographie, sexualisierte Gewalt, etc. Was ist denn dabei das Problem, außer, daß alles immer zerredet wird?
Murken@Halensee Ich habe vor Jahren aufgehört, auf Demos zu gehen — zum Beispiel zur Agrarwende —, weil die Polizei in Berlin nicht willig oder nicht fähig ist, Demozüge ausreichend gegen Fahrzeugangriffe abzusichern. Als der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg stattfand, stellte sich heraus, dass Jahre nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz noch immer Weihnachtsmärkte in Berlin nicht gegen Fahrzeuge abgesichert waren.
Glauben die Verantwortlichen wirklich, dass es nach einem Anschlag am gleichen Ort keine weiteren Attentate geben wird?
Tagesspiegel-Nutzer Murken@Halensee
Glauben die Verantwortlichen wirklich, dass es nach einem Anschlag am gleichen Ort keine weiteren Attentate geben wird?Gleiches gilt übrigens für jüdische Einrichtungen in dieser Stadt. Nach Anschlägen auf jüdische Orte in Deutschland wird die Sicherheit sichtbar verstärkt — nach 14, höchstens 21 Tagen aber wieder zurückgefahren. Das war nach dem Anschlag in Halle so, das war ähnlich nach dem 7. Oktober.
Wenn man über Jahre an gefährdeten Orten vorbeikommt, vielleicht noch mit den Sicherheitsleuten vor Ort spricht, dann sieht man, wie wenig Wahrheit in dem Satz steckt: „Wir haben seit dem 7. Oktober die Sicherheitsmaßnahmen noch einmal verstärkt.“ Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Aber wenn man der gewaltbereiten Szene Möglichkeiten lässt, wird sich immer ein Attentäter finden. Das gestern Abend war nur möglich, weil die Zufahrt dort möglich war.
4002 @Murken@Halensee
Die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus wird schon ziemlich ernst genommen. Es wurde und wird auch weiterhin eine Menge verhindert, insbesondere seit dem 11. September 2001. Es gilt dabei eine Art Präventionsparadox: Es funktioniert, was getan wird — zugleich gibt es leider nie absolute Sicherheit, und es könnte noch mehr getan werden.
Jetzt geht es, denke ich, um eine richtige Balance: Präventive Maßnahmen müssen gezielt und dringend weiter verbessert werden. Zugleich dürfen wir uns von solchen Tätern nicht dazu verleiten lassen, es in einer Art zu übertreiben, die deren Zielen — die Gesellschaft spalten — in die Karten spielt. Das wäre, was die wollen; dann hätten die gewonnen. Was wir als angegriffene Gesellschaft eigentlich wollen, ist mehr Zusammenhalt.
Fugazo
Gehirnwäsche geht natürlich immer als Grund. Socialmedia im Allgemeinen ist für viele Leute, vor allem Jüngere, aber nicht nur, eine Art von Gehirnwäsche. Plötzlich machen die abstrusesten Sachen Sinn, wenn man es nur oft genug in seiner Blase gelesen oder gehört hat. Ganz abseits davon, so ne eine ganz große Leuchte kann der Junge nicht gewesen sein, sonst wäre er drauf gekommen, dass er da keinen Dienst für Allah getan hat, sondern dass mit jeden solchen Aktionen das Leben für Moslems in Deutschland ein bisschen schwerer wird.
Gertrud
Was für ein furchtbares Ende einer friedlichen Demonstration Hunderttausender für das höchste Gut aller — die Menschenrechte — und vom fröhlichen Miteinander! Nun also wieder Trauer, schon wieder. Mein Beileid an die Hinterbliebenen, die Betroffenen und Angehörigen, aber auch an die queere Community, an ganz Berlin und ja, auch an Deutschland und die ganze Welt.
Angst macht mir: Jetzt stehen wir wieder für einen Moment alle zusammen in Trauer und Empörung, im Versprechen des weiteren gemeinsamen Kampfes für Akzeptanz von Vielfalt. Aber schon morgen wird der Vorfall politisch missbraucht werden — mit Rufen nach Härte, Vaterlandsstärke, nach Kriminalisierung ganzer Bevölkerungsgruppen, Ausländerhass und Ähnlichem. Und übermorgen rennen alle an die Wahlurnen und wählen die Partei, die gegen Migration propagiert.
Vergesst nicht, wie viele migrantische Menschen hier in höchst gefährlichen Situationen schon individuell zum Schutz anderer eingeschritten sind
Tagesspiegel-Nutzerin Gertrud
Aber vergesst nicht, dass diese Partei auch die Queerness verachtet, verunglimpft, bekämpft. Und vergesst nicht, wie viele migrantische Menschen hier in höchst gefährlichen Situationen schon individuell zum Schutz anderer eingeschritten sind, Leben beschützt und gerettet haben. Verachten wir die Tat, bestrafen wir den oder die Täter, wenden wir uns gegen vermeintlich religiösen Fanatismus — aber bleiben wir stark im demokratischen Denken und Handeln, in der Offenheit den Zuwanderern und Religionen gegenüber. Uns als ganzer Gesellschaft gegenüber.