Mit welchen Ideen Europa die Wohnungskrise überwinden will


In der größten Stadt der Europäischen Union ist der Druck auf dem Wohnungsmarkt so groß, dass ihre Einwohner ein historisches Experiment wagen wollen: Vor mittlerweile fünf Jahren beauftragten die Berlinerinnen und Berliner den Senat der deutschen Hauptstadt per Volksentscheid, ein Gesetz zu erarbeiten, das die Marktmacht großer Wohnungskonzerne beenden sollte. Profitorientierte Unternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen sollten gezwungen werden, diese dem Land Berlin günstig zu verkaufen. Doch passiert ist das nicht - und seitdem sind die durchschnittlichen Preise bei Neuvermietungen noch einmal um rund die Hälfte gestiegen.

Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September wurde Die Linke stärkste Kraft, die im Wahlkampf versprach, den Volksentscheid energisch umzusetzen und die Wohnungen der Großkonzerne zu vergesellschaften (im Wahlkampf war oft die Rede von "enteignen"). Ob Berlin dieses rechtliche Neuland betritt, hängt momentan noch von den Koalitionsverhandlungen ab. Schon das Wahlergebnis hat aber in ganz Europa wieder die Aufmerksamkeit darauf erhöht, wie drastisch die Wohnungskrise in vielen Ballungszentren ist.

Bundestagswahl 2025 | Kritik an Wohnungskrise: Satirisches Wahlplakat der Partei Die PARTEI in Stuttgart - Aufschrift: "Niemand hat die Absicht, Wohnraum zu bauen"
Polit-Satire statt einem Plan: Die Satire-Partei Die Partei prangerte im Bundestagswahlkampf 2025 die Situation auf dem Wohnungsmarkt anBild: Michael Bihlmayer/CHROMORANGE/picture alliance

Wir stellen ausgewählte Konzepte vor, die andere Metropolen bereits anwenden.

Wien: die Stadt als Vermieterin

Das Wiener Modell ist eine der europäischen Vorzeigelösungen gegen Mietpreisexplosionen. Denn die österreichische Hauptstadt erlebte schon nach dem Ersten Weltkrieg eine extreme Wohnungskrise - Betten waren so knapp, dass Arbeiter in Schichten schliefen und sich auf beengtem Raum Krankheiten wie Tuberkulose ausbreiteten.

Durch Förderung bleibt Mieten in Wien günstig

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Die damals ergriffene Lösung stabilisiert den Wohnungsmarkt bis heute: Die Stadt selbst vermietet nach eigenen Angaben rund 220.000 Wohnungen und unterhält weitere 200.000 als geförderten Wohnraum, sodass rund 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener darin untergebracht sind. Das wirkt sich auch preisstabilisierend auf den freien Mietmarkt aus.

Basel: öffentliches Land, private Gebäude

Dass Wohnen in vielen Städten immer teurer wird, liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Attraktivität des Ortes sich auch in den Grundstückspreisen niederschlägt. Deshalb gibt es vielerorts Überlegungen, wie man Mietpreise davon abspalten kann. Eine Möglichkeit: Kommunale Grundstücke werden nicht verkauft, sondern etwa an Genossenschaften oder gemeinwohlorientierte Investoren verpachtet. Die Kommune profitiert, weil sie nicht die Baukosten tragen muss - und die Bauträger profitieren, weil sie keine horrenden Grundstückspreise einkalkulieren und letztlich auf die Mieter umlegen müssen.

Demonstration gegen Wohnungsnot: Auf einem Schild steht auf Englisch "Euer Luxus, unser Elend" (Straßenszene in Palma de Mallorca)
Nicht allein Palmas Problem: In vielen Städten verschärft der Tourismus, insbesondere die Umwidmung von Wohnraum zu Kurzzeit-Unterkünften, die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt - im Bild ein Protest dagegen in Palma de MallorcaBild: Clara Margais/dpa/picture alliance

Einer der europaweiten Vorreiter ist Basel: In der Schweizer Stadt stehen rund 40 Prozent aller Genossenschaftswohnungen auf öffentlichem Grund. Auch Städte wie Barcelona oder Lissabon unternehmen seit Jahren verstärkte Anstrengungen, um dieses Modell zu etablieren.

Paris: Rückkauf und Umwandlung

Schwieriger wird es, wenn Boden und Bebauung erst einmal dauerhaft in privatem Besitz sind. In Paris besitzt die Kommune deshalb seit 2014 ein Vorkaufsrecht, mit dem sie vor allem in Vierteln mit hohem Verdrängungsdruck den Anteil der Sozialwohnungen erhöhen will. Das Ziel sind 30 Prozent bis 2035 - die bisherigen Zuwächse sind jedoch vor allem auf städtische Neubauprojekte zurückzuführen.

Frankreich Paris 2026 | Junger Mann mit Laptop auf Bett sitzend neben einem Ventilator, davor eine Arbeitsfläche: Leben in einer 9-Quadratmeter-Wohnung während der Hitzewelle
Eine architektonische Besonderheit in Paris sind die Chambres de Bonne - ursprünglich für Hausangestellte konzipierte Mini-Wohnungen direkt unter den Zinkdächern der prächtigen Innenstadtbauten - die heute für Studierende oft die einzige Option sind und die sich in Hitzewellen besonders stark aufheizenBild: Nicolas Coupe/REUTERS

Inzwischen kaufen die französische Hauptstadt und die im Ballungsraum angrenzenden Kommunen auch verstärkt Geschäftsgebäude, um diese in Wohnungen umzuwandeln. In der umliegenden Region Ile de France wurden 61 Projekte identifiziert, die insgesamt bis zu 8200 neue Wohnungen schaffen könnten.

Prag: Wohnungen für Systemrelevante

Tschechiens Hauptstadt Prag hat einen anderen Weg gefunden, diejenigen in der Stadt zu halten, ohne die vieles nicht laufen würde: Pflegekräfte, Polizisten, Lehrkräfte oder Müllwerker, die häufig weniger Geld für Miete zur Verfügung haben als Banker oder Anwältinnen. In Prag sind gerade rund 660 Wohnungen entstanden, die speziell den Bediensteten im öffentlichen Sektor vorbehalten sind.

Die Trägergesellschaft ist eine Tochter einer tschechischen Bank, die dank europäischer Förderungen und auf 40 Jahre angelegten Kalkulationen die Mieten 20 Prozent unter dem üblichen Marktniveau halten will. Wer in die energieeffizienten Wohnungen einzieht, entscheidet nicht die Bank, sondern zum Beispiel Kliniken und Ämter: Sie schließen Rahmenvereinbarungen ab - und können so neue Mitarbeiter mit günstigen Mietoptionen locken. Die nächsten derartigen Wohnungen sind bereits in Planung.

Dublin: rentabel ohne Rendite

Auch die irische Hauptstadt Dublin hat Mühen, Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen zu halten. Denn nach der Finanzkrise Ende der 2000er haben ausländische Investoren viele Immobilien gekauft - und als der parallele Aufstieg der großen Tech-Konzerne, die wegen der günstigen Steuersätze Dublin als ihren Europa-Sitz wählten, die Nachfrage explodieren ließ, explodierten die Mieten förmlich mit. In Dublin gibt es lange Wartelisten, weil das Angebot an Sozialwohnungen viel zu gering ist.

Blick auf Glasfassade mir erkennbar eher kleinen Wohneinheiten (vier Fronten breit, drei Fronten hoch): Temporäre Modulhäuser für Jugendliche in IJsselmonde
Modulare Notunterkünfte: die Niederlande experimentieren mit kleinen Behelfs-Appartments, die je nach Bedarf schnell auf- und abgebaut werden könnenBild: Jeffrey Groeneweg/ANP/IMAGO

Das 2021 eingeführte Cost Rental Housing nimmt eine oft vernachlässigte Zielgruppe in den Blick: Dort können sich Interessenten mit einem Einkommen unter 66.000 Euro bewerben - die also zu viel verdienen für Sozialwohnungen, aber zu wenig für den freien Wohnungsmarkt. Im Rahmen des Programms bieten gemeinnützige und öffentliche Träger Wohnungen ohne Renditeabsicht an. Im Ergebnis liegen die Einstiegsmieten deutlich unter dem Marktniveau, einer aktuellen Studie des Sozialforschungsinstituts ESRI zufolge im Durchschnitt um fast 30 Prozent.

Die irische Regierung hofft, bis zum Ende des Jahrzehnts 18.000 solcher Wohnungen bereitstellen zu können. Wie groß der Bedarf ist, zeigte sich im vergangenen Jahr in Coolevally in Dublins Südosten: Auf 104 Wohnungen kamen mehr als 4200 Bewerber.

Es braucht also noch viele neue Wohnungen, bis sich Angebot und Nachfrage in den begehrtesten Städten Europas wieder die Waage halten.

So groß ist die Wohnungsnot in Berlin

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