Was Putin schon 1994 verriet – und wie man mit Russland verhandelt: Ein Buch liefert Lehren für den Ukraine-Krieg


Lehren gegen den „Doomsday“: Wie man mit Russland verhandelt – und drei Szenarien für die Zukunft

Stand: 27.09.2026, 07:31 Uhr

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Von Putin bis Trump: Die Weltpolitik bereitet Sorgen. Eine Schneise durch Ängste will der Ex-Diplomat Rolf Nikel mit einem neuen Buch schlagen. Eine Rezension.

Wann er zu Verhandlungen nach Moskau reisen werde, fragte ein Journalist des russischen Staats-TV Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch in New York immer wieder. „Auf einer Rakete”, entgegnete der Präsident der von Russlands Angriff geplagten Ukraine schließlich. Und murmelte auf Russisch ein „verdammt“ hinterher. Sofortige Friedensverhandlungen und ein Ende des Blutvergießens und Kämpfens im Ukraine-Krieg sind ein auch in Deutschland verbreiteter Wunsch. Warum dafür weiterhin kein günstiger Zeitpunkt sein dürfte: Unter anderem das erklärt ein neues Buch, auf Basis von Erfahrungen des Autors. Damit ist es ein Steinbruch für Antworten auf schwierige Fragen der Gegenwart.

Rolf Nikel und das Cover seines neuen Buches „Der schmale Grat“.

Rolf Nikel und das Cover seines neuen Buches. © Olivia Nikel/Langen Müller/fkn

Geschrieben hat es der langjährige Diplomat Rolf Nikel. Der Titel ist Programm: „Der schmale Grat“, heißt es (Langen Müller, 28 Euro). Mindestens drei „Gratwanderungen“ für Deutschlands und Europas Außenpolitik beschreibt Nikel darin. Und ebenso viele (teils düstere) Szenarien für die Zukunft der internationalen Politik. Als ersten der Balanceakte nennt er den „zwischen einem deutlichen Stoppschild gegenüber dem russischen Aggressor in der Ukraine und der Verhinderung einer direkten militärischen Auseinandersetzung der NATO mit Russland“. Die positive Botschaft des Buches: Man könne aus diplomatischen Erfolgen der Vergangenheit lernen und wieder Erfolg haben. Jedenfalls langfristig. Und wenn die Basis dafür stimmt.

„Geopolitisches Erdbeben, wie Deutschland es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat“

Nikel hat schon als junger Diplomat in den 1980er-Jahren in der außenpolitischen Abteilung des Kanzleramtes gearbeitet – und erklärt auf dieser Basis detailliert, warum die NATO Russland bei ihrer Osterweiterung keinesfalls über den Tisch gezogen habe. Später war Nikel in Moskau tätig; er schildert unter anderem, welche Späße sich die Sowjetunion mit deutschen Diplomaten erlaubte. Vor allem aber meint er aber, westliche Verhandler müssten „verstehen, dass sich die russische Verhandlungstaktik von der unsrigen grundsätzlich unterscheidet“, schreibt Nikel: Russland strebe „in der Regel den Sieg auf ganzer Linie an“.

Russland arbeite es mit Tricks zur Einschüchterung, auch mit Lüge, sagte der Autor unserer Redaktion im Interview. Das müsse man einkalkulieren – ob das Trumps Gesandte Witkoff und Kushner täten, da sei er sich „ehrlich gesagt nicht ganz sicher“. Vor allem gelte aber, so Nikel: „Solange wir nicht wirtschaftlich und militärisch stark genug sind, werden wir in Moskau nicht ernst genommen. Das ist ein harter Fakt.“ Gefahren für diese gerade im Aufbau befindliche wirtschaftliche und militärische Stärke sieht er aktuell im Erstarken von Populisten.

Zur Person: Rolf Nikel

Nikel (72) mehr als 40 Jahre lang für das Auswärtige Amt tätig – unter anderem in Moskau, Nairobi, Paris und Washington. Auch im Bundeskanzleramt hat er gearbeitet, schon unter Helmut Kohl, später bei den Regierungschefs Gerhard Schröder und Angela Merkel, von 2011 bis 2014 als Beauftragter der Bundesregierung für Abrüstung und Rüstungskontrolle. Von 2014 bis 2020 vertrat er Deutschland als Botschafter in Polen. Heute engagiert er sich als Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und des Deutschen Polen-Instituts.

Der Kern des Buches: Nikel leitet grundlegende Lehren aus der Vergangenheit, aus Kaltem Krieg, Balkan-Kriegen aus Afghanistan oder Irak ab. Eine lautet: Diplomatie reflektiere Macht. Dazu gehöre Soft-Power wie Kultur und Wissenschaft. Aber auch Wirtschaft und militärische Kapazitäten und der Wille, sie gegebenenfalls einzusetzen. Die andere: Es braucht zugleich den Willen zum Dialog. Mit einem strategischen Konzept. Und klaren Zielen. Die Probleme gingen dabei über Putins Angriffe auf die Ukraine und die europäische Sicherheitsordnung hinaus.

„Wir sind Zeugen eines geopolitischen Erdbebens, wie Deutschland es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat“, warnt Nikel in seinem Buch. Die zweite Gratwanderung verlaufe zwischen Europas Selbstbehauptung gegen die Großmächte und notwendiger Kooperation. Die dritte bestehe darin, gemeinsame Regeln zu verteidigen und zugleich nach neuen Partnern zu suchen – selbst, wenn sie die Regeln anders interpretieren. Wer aus der Vergangenheit lerne, könne aber Ängste abbauen. Und „das Spielfeld mitgestalten“. Was bitter nötig sei. Die Alternative sei, auf der viel zitierten „Speisekarte“ zu landen.

„Gratwanderungen“ für die Diplomatie zwischen Putin, Trump und Xi: Von „Doomsday“ bis „Anarchie“

Drei Großszenarien beschreibt Nikel für die Zukunft: Eine Aufteilung der Welt in Interessens- oder Einflusssphären zwischen USA, Russland und China, eine weitgehende „Anarchie“ im Internationalen – oder gar ein großer heißer Krieg, ein „Doomsday-Szenario“: „Nicht, dass diese Möglichkeit die wahrscheinlichste wäre, aber ausschließen kann man sie sicher nicht.“ Und die Erwartungen an Deutschland seien hoch: „Von Berlin werden heute mehr Einflussnahme und Unterstützung erwartet, als viele bei uns wahrhaben wollen“, schreibt Nikel. Dabei gebe es durchaus Misstrauen. Weil Deutschland „irrtümlich glaubte, vieles besser zu wissen, und damit scheiterte“. Fehlgeschlagen sei unter anderem die lange verfolgte Russland-Politik, Warnungen zum Trotz.

Nikel rückt aber auch die Kehrseite notwendiger militärischer Macht in den Blick. Er war in den 10er-Jahren Beauftragter der Bundesregierung für Rüstungskontrolle. Die Abrüstung sieht er heute in einer schwierigen Lage. Auch, aber nicht nur bei Atomwaffen. „Hochrüstung allein wird nicht reichen, um Sicherheit zu schaffen“, appelliert der Ex-Diplomat im Gespräch mit unserer Redaktion. Es brauche nicht immer Rüstungskontrollverträge. Aber fast alle erfolgreichen Konfliktlösungen hätten ein Element der Rüstungskontrolle beinhaltet. Auch nach einem Ende des Ukraine-Kriegs werde es ein solches wohl brauchen.

Vor allem sei es wichtig, Kriegsgefahren zu reduzieren und Transparenz zu schaffen. Nikel verweist auf das NATO-Manöver „Able Archer“ im Jahr 1983 – das zwar nie als Angriffsvorbereitung gemeint gewesen, aber in Moskau anders aufgefasst worden sei. Man müsse gut kommunizieren, um Irrtümern und Fehlkalkulationen auf der anderen Seite entgegenzuwirken, folgert er. Womöglich sei ein neues System von Transparenz mit Putin nicht möglich. Aber bisweilen sei Geduld nötig. Auch das habe der Kalte Krieg gezeigt.

In Bezug auf Russlands Pläne sei Europa indes gut beraten, „die schlechteste Variante in Betracht zu ziehen“ und sich auf sie vorzubereiten, schreibt Nikel. Gehe es um Maßnahmen gegen die gefühlte „Einkreisung durch die NATO“ oder um die Wiederherstellung eines Imperiums? Putin habe als stellvertretender Bürgermeister St. Petersburgs schon 1994 dem deutschen Generalkonsul erklärt, die Krim, die Ostukraine und das nördliche Kasachstan könnten niemals „Ausland“ sein, erinnert sich Nikel in „Der schmale Grat“. „Niemand maß diesen Äußerungen eines unbekannten Lokalpolitikers damals Bedeutung bei.“ (Quellen: „Der schmale Grat“, Gespräch mit Rolf Nikel, eigene Recherchen)