„München Beats“-Star Jule Hermann: „Meine Generation hat die Schnauze voll von der Schnelligkeit“
Stand: 07.08.2026, 08:00 Uhr
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In der Serie „München Beats“, die zwei Primetime-Abende im ZDF füllt, spielt die 22-jährige Jule Hermann die Hauptrolle: eine Bauerntochter aus dem Münchener Umland im Jahr 1995. Sie will Techno-DJ werden und sucht das freie Leben in der Großstadt. Was hat die Zeit damals mit unserem Heute zu tun?
Die in München geborene und in Berlin aufgewachsene Schauspielerin Jule Hermann steht kurz vor ihrem großen Durchbruch. Schon seit ihrer Kindheit will die heute 22-Jährige („Wendy“) Schauspielerin werden. Den Kinderstar-Rollen folgen nun ein hochkarätiger Auftritt im jungen Erwachsenenalter. In der vierteiligen Miniserie „München Beats“ (Mittwoch, 26. August, und Donnerstag, 27. August, jeweils 20.15 Uhr, im ZDF oder seit Freitag, 7. August, komplett im Stream) spielt sie die junge Bauerntochter Linda. Aus ihrem engen Leben im Münchener Umland mit Lehrstelle beim Zahnarzt will Linda ausbrechen - und Techno-DJ in der Großstadt werden. Kann Jule Hermann, die noch bis Oktober die Schauspielschule besucht, mit jener Zeit, in der die Serie spielt, etwas anfangen?

teleschau: Die Serie spielt 1995. Sie sind erst 2004 geboren. Wie blicken Sie auf die 90-er?
Jule Hermann: Ich finde die 90-er total interessant. Zunächst ging es in „München Beats“ darum, wie die Techno-Szene damals war. Die hatte nämlich einen ziemlich dunklen Look. Man sah viel schwarzes Leder, wir wollten es jedoch ein bisschen farbiger erzählen. Meine Generation, die Gen Z, blickt hochinteressiert auf die 90-er. Die Styles sind wieder total en vogue - ob es nun Klamotten, Musik oder auch die Filme sind. Ich bin da voll mit im Boot (lacht). Man sehnt sich nach dem Analogen zurück. Da sind die 90-er für uns die Zeit, die noch am nächsten an uns dran ist, aber eben doch sehr anders war.
teleschau: Was ist so faszinierend am analogen Zeitalter?
Jule Hermann: Es sind die Ruhe und Langsamkeit. Eine Stimmung, die einem Zeit zum Fühlen und Nachdenken gelassen hat. Heute ist man permanent erreichbar, muss eigentlich immer aktiv bleiben. Trotzdem ist daraus eine gewisse Unverbindlichkeit im Miteinander entstanden. Ich habe öfter mit meinen Eltern darüber gesprochen. Sie erzählten mir, dass man sich früher verabredet hat - und dann stand diese Verabredung. Heute hält man alles im Vagen, weil man sich ja ständig neu abstimmen kann. Die Serie erzählt den Beginn der neuen Zeit. Es geht um Aufbruch, Schnelligkeit und Freiheit, die sich auch in den Techno-Partys spiegeln. Man sieht die ersten E-Mail-Korrespondenzen. Für unsere Generation ist diese neue Welt, die damals entstanden ist, die Normalität. Aber wir erleben natürlich auch die Nachteile.
„Die heutige Kommunikation erzeugt einen hohen Stresspegel“
teleschau: Was meinen Sie, wie kommt es, dass wir uns trotz viel mehr Kommunikationsmöglichkeiten eventuell weniger wohlfühlen als damals?
Jule Hermann: Die heutige Kommunikation erzeugt einen hohen Stresspegel. Meine Generation, das kann ich - glaube ich - sagen, fühlt sich ziemlich gestresst. Das hat viel mit unserer Kommunikation zu tun. Gerade wenn man in einem kreativen Beruf unterwegs ist, kann es ganz schön anstrengend sein. Denn wo bleiben einem noch Rückzugsräume? Man glaubt, ständig verfügbar sein zu müssen. Ich bin per Telefon erreichbar, per Mail und Messenger-Apps. Ich habe eine Social Media-Präsenz, die gefüttert werden will. Alles zusammengenommen ist es doch ein hohes Grundrauschen ständiger Kommunikation. All diese Dinge waren in den 90-ern ganz neu oder es gab sie noch gar nicht. In diesen Zustand sehne ich mich zurück.
teleschau: „München Beats“ erzählt auch von der Enge der frühen 90-er. Was die Geschlechterrollen betrifft oder auch die noch sehr präsente Homophobie alten Schlags ...
Jule Hermann: Ja, davon erzählt die Serie auch, und ich möchte auf keinen Fall zu diesen Zuständen zurück. Man sieht anhand der Geschichten und Figuren, wie viel Gutes sich seitdem entwickelt hat. Gerade was die Rollen und Rechte von Frauen betrifft oder auch die queerer Menschen. Die Nachteile der 90-er haben aber mit den Vorteilen wenig zu tun. Zum einen geht es um gesellschaftliche Entwicklungen und andererseits darum, wie Technik unser Leben verändert hat. Und da muss ich sagen: Meine Generation hat die Schnauze voll von der Schnelligkeit, Beliebigkeit und der ständigen Verfügbarkeit. Viele junge Menschen haben psychische Probleme. Ich glaube, wir sind an einem Punkt, wo man es nicht mehr ignorieren kann, dass unser Leben nicht allzu gesund ist.
„Wir blicken zumindest sehr kritisch auf KI“
teleschau: Glauben Sie, dass die Abkehr vom Digitalen ein Trend Ihrer Generation ist oder werden könnte?
Jule Hermann: Ob man diesen Trend jetzt oder demnächst in Zahlen messen kann, weiß ich nicht. Ich kann nur für mich und mein Umfeld sprechen. Da ist das Leiden unter dem aktuellen Lebensstil schon sehr präsent. Ich habe vor allem mit Künstlerinnen und Künstlern zu tun, ich besuche ja noch bis Herbst die Schauspielschule in Babelsberg. Dazu kenne ich einige Menschen, die im sozialen Bereich oder im Handwerk arbeiten. Wir merken vor allem die Abhängigkeit von digitalen und sozialen Medien. Und klar: Natürlich könnte man einfach sagen, ich lasse da jetzt mal die Finger davon oder reduziere deutlich. Aber das ist keineswegs einfach. Da gibt es zum einen Süchte, die man überwinden muss, und natürlich kennt auch jeder den Ärger, wenn jemand nicht antwortet, den man etwas - aus eigener Sicht - ganz Wichtiges gefragt hat. Da ist man dann ja auch wieder unzufrieden, wenn es nicht schnell geht. Was wiederum zeigt, wie gestresst wir alle sind.
teleschau: Mit KI erleben wir gerade die nächste große gesellschaftliche Umwälzung aufgrund neuer Technik. Kann sich Ihre Generation überhaupt gegen die Nachteile wehren?
Jule Hermann: Wir - und da spreche ich wieder für mich und meine Blase - blicken zumindest sehr kritisch auf KI. Mir macht so etwas große Angst. Denn man arbeitet als junger Kreativer durch die Kooperation mit und dem Füttern von KI auch an der Abschaffung der eigenen Kunst.
teleschau: Wie blicken denn andere Kreative, die Sie kennen, auf Projekte, bei denen man mit der KI zusammenarbeitet?
Jule Hermann: Es herrscht eine große Uneinigkeit. Die Skepsis gegenüber KI-Projekten kann sich schnell in Zustimmung verwandeln, sobald man glaubt, einen Vorteil davon zu haben. Schauspielende müssen wie andere Kreative oft von Job zu Job denken. Da man immer Lust hat, etwas zu machen, sind wir oft Feuer und Flamme für Dinge, die uns angeboten werden. Projekte, die jedoch mittel- und langfristig nicht gut für die Branche und die Kunst sind. Dieses Sprunghafte, dass sich Meinungen und Positionen schnell wandeln können, ist übrigens auch ein Symptom unserer schnelllebigen Ultra-Hype-Zeit, das mir weniger gut gefällt.
„Musik von Platten ist 'raw', es fühlt sich einfach super an“
teleschau: Sie haben ein Faible für Filme und Musik aus 90-ern, sagen Sie. Was hat Sie beeinflusst und warum?
Jule Hermann: „Pulp Fiction“ und alles von Tarantino ist für mich typisch 90-er. Oder auch ein Film wie „Léon - Der Profi“ von Luc Besson. Werke aus den 90-ern haben oft eine Wahrhaftigkeit in der Bildgestaltung, aber auch in ihrem Schauspiel, die man nicht mehr zurückbekommen wird. Auch die Dialoge jener Zeit haben einen ganz eigenen Charme, der mir gut gefällt. Ich liebe Filme, die analog aufgenommen wurden - was heute nur noch in Ausnahmefällen passiert, zum Beispiel bei „Oppenheimer“. Analog aufgenommene Filme haben einen anderen Wert, gerade für uns Schauspielende. Was die Musik betrifft - da konnte ich viel von meinen Eltern lernen. Unter anderem das Hören von Vinyl-Schallplatten, das ich sehr liebe. Musik von Platten ist „raw“, es fühlt sich einfach super an. Ich spüre die Musik so einfach mehr.
teleschau: Wie haben Sie sich auf die Rolle als DJ vorbereitet?
Jule Hermann: Zunächst mal musste ich mich aufs Akkordeonspielen vorbereiten, denn das ist ja mein „Herkunftsinstrument“ in der Serie - mit dem ich sogar auftrete. Ich spiele selbst ein paar Instrumente, aber eben nicht Akkordeon. Trotzdem hatte ich den Ehrgeiz, zumindest die Totalen der Szene meines Auftritts selbst spielen zu lernen. Nur bei den Close-ups kommt meine tolle Lehrerin als Handdouble zum Einsatz, die jene schnellen Passagen dann auch wirklich spielen kann. Als DJ hatte ich vorher keinerlei Erfahrung. Aber ich hatte den Vorteil, dass meine Figur es in der Serie eben auch erst lernen muss.
„Vielleicht wird aus der DJ-Sache ja ein Projekt von mir“
teleschau: Könnten Sie heute mit zwei Plattenspielern, einem Mischpult und Schallplatten eine tanzende Menge glücklich machen?
Jule Hermann: Vielleicht (lacht). Ich hatte natürlich gute Lehrer, denn ich lebe ja in Berlin, wo gefühlt jeder zweite junge Mensch DJ ist. Mit einem guten Freund, der viel Erfahrung als DJ hat, habe ich mich oft unterhalten. Auch über die Gefühle, die in einem aufkommen und die einen aus der Menge erreichen, wenn man auflegt. Das Pult und die Plattenspieler musste ich trotzdem noch bedienen lernen. Da hatte ich einen DJ als Lehrer und Berater, der auch in jener Zeit, in der die Serie spielt, groß war. Er hat mir viel beigebracht.
teleschau: Würden Sie sich als DJ-talentiert betrachten?
Jule Hermann: Dafür, dass ich krasse Anfängerin war, hat es ganz gut funktioniert. Dass ich grundsätzlich musikalisch bin, hat sehr geholfen. Wenn man ein Gefühl für Rhythmus, Musikalität und auch musikalische Stimmungen mitbringt, kann man sich in die Technik der Regler und rotierenden Platten einigermaßen schnell einfinden.
teleschau: Hatten Sie schon Ihre Premiere als echter DJ?
Jule Hermann: Ich habe ein paarmal zum Spaß für einige Leute aufgelegt, aber einen richtigen Auftritt hatte ich noch nicht. Angefixt bin ich auf jeden Fall. Ich will mir nun erst mal ein eigenes Pult kaufen und dann zu Hause ein bisschen üben. Bei Spotify ist übrigens schon die Playlist zur Serie „München Beats“ veröffentlicht. Das finde ich ganz cool. Techno der 90-er hat es mir durchaus angetan. Vielleicht wird aus der DJ-Sache ja ein Projekt von mir (lacht). (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)