Nach AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt: Geschichtslehrer warnt vor Unterricht nach russischem Vorbild


Stand: 07.09.2026, 19:47 Uhr

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In Sachsen-Anhalt ist die AfD die stärkste Kraft geworden. Der Geschichtslehrerverband warnt vor den Plänen, was die Bildung angeht.

Hamburg – Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag (6. September 2026) ist die AfD mit 43,8 Prozent der Stimmen als stärkste Kraft hervorgegangen. Damit haben sie die absolute Mehrheit im Landtag knapp verpasst. Ob Spitzenkandidat Ulrich Siegmund tatsächlich regieren wird, ist noch offen. Schon vor der Wahl war das Regierungsprogramm der Partei in der Diskussion, unter anderem wegen seiner Forderungen im Bildungsbereich. Denn die AfD hat klare Vorstellungen davon, was Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt künftig im Unterricht lernen sollen.

Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - AfD

Ulrich Siegmund, Tino Chrupalla und Alice Weidel geben nach der Wahl eine Pressekonferenz – die AfD will Lehrpläne in Sachsen-Anhalt umschreiben. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Niko Lamprecht, Vorsitzender des Verbands der Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer Deutschlands (VGD), warnt nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt vor einer Änderung der Lehrpläne, die im Regierungsprogramm der Partei beschrieben wird. „Mittlerweile gibt es Bestrebungen, Geschichte ‚im nationalen Sinn‘ umzudeuten“, sagt Lamprecht der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Im Programm der AfD wird unter anderem gefordert, den Fokus des Geschichtsunterrichts in allen Schulformen stärker auf die Person Otto von Bismarck und das Jahr 1871 zu legen. Das 19. Jahrhundert als „wichtigste Zeit für die deutsche Nationwerdung“ würde zu kurz kommen.

Geschichtslehrerverband: Geschichtsunterricht kann Narrative steuern

Das „von Bismarck gegründete Deutsche Reich“ solle auch heute noch „als Inspiration und Vorbild dienen“, heißt es im 258 Seiten langen Programm. Um Bismarck mehr Unterrichtszeit einzuräumen, müssten andere Themen dafür weniger stark gewichtet werden. Konkret würde das laut Lamprecht eine „zeitliche Ausdünnung anderer Themen beziehungsweise eine Umschichtung von Halbjahresschwerpunkten“ bedeuten – in den Lehrplänen seien Zeitangaben für einzelne Themen festgelegt, die entsprechend geändert werden könnten.

Lehrplanänderungen würden den jeweiligen Kultusministerien obliegen, erklärt Lamprecht. „Einen festen Zeitraum für die etwaige Änderung oder Umsetzung gibt es nicht, allerdings doch das Bestreben, Lehrpläne nicht alle zwei Jahre zu ändern.“ Allein wegen der Lehrmaterialien, die geändert werden müssten, sei dies schwer umsetzbar. Je nach Bundesland gebe es bei Änderungen unterschiedliche Beteiligungswege, aber keine demokratische Abstimmung. Üblich ist der Einbezug einer Fachexpertise, etwa von Universitäten, Verbänden und Didaktik-Fachleuten. „Die letzte Entscheidung hat das Ministerium, dessen Spitze natürlich auf demokratischem Weg zustandekam.“

Lamprecht warnt davor, dass bei einer solchen Schwerpunktverschiebung manche geschichtlichen Epochen beziehungsweise Entwicklungsstufen nicht ausreichend behandelt würden. „Man kann im autoritären Russland studieren, wie Bildung konsequent eingesetzt wird, um die Sichtweise der Regierung an junge Menschen zu vermitteln“, sagte er. Dort lernten Kinder „konsequent ausgewählte und teilweise auch ‚frisierte‘ Inhalte der Geschichte, um eine bestimmte Erzählung beziehungsweise Nationalgeschichte durchzusetzen“. Auch die Ausklammerung „dunkler“ Seiten der eigenen Nationalgeschichte gehöre zu dieser Steuerung von Narrativen.

Als Beispiel nennt er etwa den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 oder die Verbrechen des stalinistischen Terrors, die mittlerweile nicht mehr sachgerecht thematisiert werden dürften. Auch in Deutschland gebe es Bestrebungen, Geschichte „im nationalen Sinn“ umzudeuten – und Stimmen, die ganze Epochen wie Antike oder Mittelalter für verzichtbar hielten und damit „die Axt an den Baum der Geschichte“ legten.

Geschichte lehrt, wie autoritäre Herrschaft entsteht

Geschichte sei in der Schule ein „Faktencheckerfach“, in dem man durchaus kontroverse Darstellungen und Quellen vergleichen könne, „aber nicht ganze Epochen oder zentrale Ereignisse ausblenden darf“. Ohne umfassendes Geschichtswissen lasse sich sonst nicht verstehen, „wie aktuelle Demokratien oder autoritärere Formen politischer Herrschaft entstanden sind, wenn die Wurzeln derselben, wie die Attische Demokratie, die Römische Republik und deren Auflösung oder das kaiserliche Imperium Roms, völlig unbekannt sind“.

Der VGD spricht sich deswegen gegen die Streichung von Epochen aus. Über moderne Vermittlungsformen oder Straffungen lasse sich reden – wenn sie fachgerecht ansetzten. Lamprecht vergleicht einen Wegfall zentraler Geschichtsinhalte mit dem Gedächtnisverlust eines Menschen: ein Zustand, der die Orientierung in Raum und Zeit behindert und gezieltes Handeln erschwert. „Der Geschichtsunterricht bedarf einer sorgfältigen Auswahl und Gewichtung, um Desorientierung vorzubeugen“, sagt er – und keinen teilweisen „Gedächtnisverlust“ zu erzeugen. (Quellen: dpa, AfD-Parteiprogramm, eigene Recherche)