Ölpreis steigt auf mehr als 100 Dollar. Was heißt das für die Welt?


Der Ölpreis hat am Mittwoch die Marke von 100 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) für die Nordseesorte Brent überschritten. Zeitweise notierte der Preis auf 100,95 Dollar. Die amerikanische Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) kostete knapp 95 Dollar je Barrel. Beide Ölsorten haben sich in diesem Jahr um rund 64 Prozent verteuert.

Auch Heizöl und Kraftstoff stiegen weiter im Preis. Nach Angaben der Internetplattform Heizoel24, an die 500 Ölhändler ihre Preise melden, kosteten 100 Liter Heizöl am Mittwoch 152 Euro. Das war deutlich mehr als in den vergangenen Wochen.

Spritpreise steigen auf Wochensicht deutlich

Für Super E10 zahlten Autofahrer im Durchschnitt den Rekordpreis von 2,259 Euro je Liter oder 7,6 Cent mehr als in der Vorwoche. Das berichtete der Automobilclub ADAC in seiner wöchentlichen Auswertung der Preise von mehr als 14.000 Tankstellen. Diesel verteuerte sich um fast neun Cent auf 2,321 Euro je Liter. Im April war Diesel zeitweise noch teurer gewesen, bevor im Mai und Juni der Tankrabatt die Spritpreise aus Steuermitteln künstlich gedrückt hatte.

Anlass für den Ölpreisanstieg waren weitere Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Das amerikanische Militär zerstörte nach eigenen Angaben als Vergeltung für Teherans Angriffe auf ein amerikanisches Kriegsschiff fünf iranische Rohöltanker und versenkte einen davon. Irans Revolutionsgarden reagierten nach eigenen Angaben umgehend mit „schweren Raketenangriffen“ auf das mit den Vereinigten Staaten verbündete Königreich Jordanien. Nach Angaben der staatlichen jordanischen Nachrichtenagentur Petra fing die Armee 20 ballistische Raketen ab. Erst am Samstag hatte das Militär der USA mitgeteilt, drei iranische Öltanker angegriffen zu haben.

Goldman Sachs hebt Ölpreisprognose an

Die Investmentbank Goldman Sachs hob ihre Ölpreisprognose an. Für Dezember 2026 rechnen die Rohstoffanalysten um Daan Struyven nun mit einem Preis von 85 Dollar ⁠je ⁠Barrel (159 Liter) für die Sorte Brent und von 80 Dollar für WTI. Dies entspricht einem Aufschlag ‌von jeweils fünf Dollar ‌gegenüber der bisherigen Prognose.

„Der derzeitige Preis von 100 Dollar am Ölmarkt ist meiner Meinung nach kein Zeichen dafür, dass die Preise dauerhaft so hoch bleiben werden“, sagte Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg. „Aber er ist ein Zeichen dafür, dass es doch noch länger dauern wird, bis die Preise wieder nach unten kommen werden.“

Der Preisanstieg sei eine kurzfristige Reaktion auf die Kampfhandlungen, sagte Schallenberger. Immerhin sei der Schiffsverkehr über die Straße von Hormus nun schon seit mehr als sechs Monaten gestört. Das habe zu einem Angebotsdefizit am Ölmarkt im zweiten Quartal von rund drei Millionen Barrel je Tag geführt. Doch gebe es eine Reihe von Entwicklungen, die dafür sorgen dürften, dass das Angebotsdefizit sich mit der Zeit wieder in einen Überschuss wandele, erwartet Schallenberger: beispielsweise die schwache globale Ölnachfrage, eine höhere Förderung in den Vereinigten Staaten und die Bemühungen der Golf-Anrainerstaaten mit freien Kapazitäten, die Straße von Hormus zu umgehen.

Auswirkungen auf Wachstum und Inflation

Sollte Öl über mehrere Monate mehr als 100 Dollar je Barrel kosten, werde man Folgen für die Weltwirtschaft spüren, sagte Cyrus de la Rubia, der Chefökonom der Hamburg Commercial Bank: „Mit einem Ölpreis von 100 Dollar je Barrel müsste man über den groben Daumen geschätzt 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte vom Wachstum abziehen; bei einem Preis von 120 Dollar müsste man eher einen ganzen Prozentpunkt abziehen.“

Auch für die Inflation hat ein höherer Ölpreis Folgen, wenn er so hoch bleibt. Im August war die Inflation im Euroraum von 2,9 auf 3,3 Prozent gestiegen, vorrangig wegen der Energiepreise. Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, rechnet vor: „Ein Anstieg des Ölpreises um zehn Prozent erhöht die Inflationsrate nach sechs Monaten um rund 0,3 Prozentpunkte.“ Bliebe der Ölpreis auf dem gegenwärtig hohen Niveau von rund 100 Dollar, würde die Inflation im Euroraum bis zum Jahresende durchschnittlich bei gut dreieinhalb Prozent liegen.

„Letztlich dürfte es im Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran im Verlauf des Winterhalbjahrs aber zu einer graduellen Deeskalation kommen“, prognostiziert Krämer. Reduziere Iran irgendwann seine Angriffe, könnten die Vereinigten Staaten die Blockade der iranischen Häfen lockern, wovon Iran wirtschaftlich profitieren würde: „Alles in allem erwarten wir am Jahresende einen niedrigeren Ölpreis und Inflationsraten zwischen drei und dreieinhalb Prozent.“

Allgemein erwartet wird, dass die Europäische Zentralbank am Donnerstag ihre mittelfristige Inflationsprognose anheben und die Zinsen erhöhen wird.