Nachfahren der Familie Katzenstein haben Dransfeld besucht


Stand: 10.10.2026, 18:00 Uhr

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Ein Zeichen der Ehre: Michelle und Mike Katzenstein besuchten den ehemaligen Wohnort seiner jüdischen Vorfahren in Dransfeld. Dort legten sie nach jüdischer Tradition Steine auf den Stolpersteinen ab. © Hendrik Bammel

1937 floh die Familie Katzenstein aus Dransfeld in die USA. Nun hat Mike Katzenstein den Wohnort seiner jüdischen Vorfahren erstmals besucht.

Dransfeld – „Das ist sogar der Fußboden, von dem unsere Familie immer gesprochen hat“, sagt Mike Katzenstein begeistert, als er den Flur mit einem schwarz-weißen Kachelmuster in der Bahnhofstraße 7 erblickt. Im nächsten Moment zückt der US-Amerikaner auch schon sein Handy und macht Fotos. Seine Frau Michelle, die neben ihm steht, tut es ihm gleich. Das Fachwerkhaus im Dransfelder Ortskern, in dessen Flur sie gerade stehen, hat eine besondere Bedeutung für die Katzensteins: Von 1934 bis 1937 lebten dort Adolf und Alice Katzenstein mit ihren Kindern Eva und Fred. Als jüdische Familie mussten sie vor dem antisemitischen Terror im Deutschen Reich in die Niederlande und 1939 weiter in die USA flüchten – nun hat Mike Katzenstein erstmals den alten Wohnort seines Vaters Fred besucht.

Der Besuch in Dransfeld ist Teil einer knapp zwei Wochen langen Deutschlandreise, welche die Katzensteins zusammen mit ihren Freunden Mary und Sean machen. Zustande kam der Besuch, nachdem sich Mike an das Dransfelder Bürgerforum 9. November gewandt hatte. Bisher kannte er den alten Wohnort seiner Familie nur von Bildern und aus Erzählungen. Das Bürgerforum hatte daraufhin organisiert, dass die Katzensteins die Bahnhofstraße 7, die ehemalige Synagoge an der Gerlandstraße, und den jüdischen Friedhof besuchen können und es einen Empfang im Rathaus gibt. „So im Mittelpunkt zu stehen, ist für mich eine ganz neue Erfahrung“, zeigt sich Mike Katzenstein dankbar. Als pensionierter Polizist sei es dem 58-Jährigen immer darum gegangen, einen Dienst für die Allgemeinheit zu leisten. Dass nun eine Gruppe fremder Menschen, die er zuvor nie getroffen hat, so viel für seine Familie tut, rührt ihn zu Tränen.

„Die Erinnerung an Dransfelder Juden soll weiterleben“, erklärt Ernst Achilles vom Bürgerforum beim anschließenden Empfang im Rathaus, bei dem auch Bürgermeister Mathias Eilers die Möglichkeit nutzte, um die Gäste in der Samtgemeinde willkommen zu heißen. Für die Gedenk-Initiative sei es etwas Besonderes, die Nachfahren der Vertriebenen zu Gast zu haben und kennenzulernen. Die Sprachbarriere vom Deutschen ins Englische und umgekehrt konnte dabei durch eine Übersetzung überwunden werden, da die Katzensteins kein Deutsch sprechen. „Meine Eltern haben mir verboten, Deutsch zu lernen“, sagt Mike mit einem Augenzwinkern. Er musste in der Highschool also Französisch lernen. Interesse an Deutschland gibt es in der Familie allerdings immer noch, wie er weiter erklärt: „Meine beiden erwachsenen Söhne überlegen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.“

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Mike Katzenstein säubert die Stolpersteine seiner Vorfahren in der Gerlandstraße. © Hendrik Bammel

Kleine Steine als Symbole

Besondere Beachtung finden auch die in Dransfeld verlegten Stolpersteine. Vier der insgesamt 41 Stolpersteine sind vor der Bahnhofstraße 7 eingelassen, drei weitere eine Straße weiter vor der Gerlandstraße 4. Dort lebte die ebenfalls in die USA geflüchtete Familie Schwalm um Levi, Meta und die Töchter Greta und Alice. Alice Schwalm heiratete im Mai 1929 Adolf Katzenstein und nahm dessen Nachnamen an: Sie war Mike Katzensteins Großmutter. An den Stolpersteinen polieren die Katzensteins nicht nur die Oberflächen, sondern sie legen auch kleine Steine auf diese. „Das ist eine jüdische Tradition, kleine Steine an Gräbern abzulegen“, erklärt Michelle Katzenstein dazu. Zwar seien die Stolpersteine keine Gräber – die symbolische Ehrerbietung bleibe aber dieselbe.

Dass die Erinnerung an die Verbrechen und Vertreibungen durch die Nationalsozialisten in Dransfeld mit den Stolpersteinen auch präsent sein soll, steht in der Stadt außer Frage. „Never again“ – „Niemals wieder“, sei auch weiterhin das mahnende Motto, unter dem das Bürgerforum weiterarbeiten will. Das Erstarken extrem rechter Parteien auf der gesamten Welt sei dabei eine gefährliche Entwicklung, wie Ernst Achilles betont: „Dieser Entwicklung müssen wir uns vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte entgegenstellen.“

Neben dem warmen Empfang und zahlreichen Eindrücken nehmen die Katzensteins auch die Broschüre „Spuren jüdischen Lebens in Dransfeld“ sowie ein Fotoalbum mit zahlreichen weiteren Bildern mit. Bereits am Nachmittag haben sie ihre Reise fortgesetzt: Es sollte mit der Bahn über Erfurt weiter nach Berlin gehen. Und vielleicht besuchen eines Tages weitere Nachfahren der Familie ihr altes Zuhause in Südniedersachsen.

Moringen erinnert mit Stolpersteinen an die jüdischen Familien Rothschild und Meyerstein. Es dauerte zehn Jahre bis das Projekt realisiert wurde.