Neue Hinweise auf versteckte Kammern hinter Tutanchamuns Grab


Nofretetes Grab?

Neue Hinweise auf versteckte Kammern hinter Tutanchamuns Grab

Eine aktuelle Publikation lässt Hoffnung auf weitere altägyptische Grabkammern im Tal der Könige aufflammen. Könnte hier Nofretete bestattet worden sein?

Julia Sica

Die goldene Totenmaske von König Tutanchamun wird im Großen Ägyptischen Museum in Gizeh, Ägypten, ausgestellt. Das glänzende Artefakt, ein ikonisches Symbol des antiken Ägyptens, ist von einer dunklen und eleganten Museumsumgebung umgeben.
Schätze aus Tutanchamuns Grab werden im Großen Ägyptischen Museum ausgestellt, hier die goldene Totenmaske des Pharaos. In der Nähe seiner Grabkammer könnten weitere Geheimnisse schlummern.

Die Ägyptomanie nahm vor gut 100 Jahren neu an Fahrt auf, als 1922 das Grab des Pharaos Tutanchamun entdeckt wurde. "Ich sehe wunderbare Dinge", soll Howard Carter gesagt haben, als sich seine Augen an die Finsternis der Kammer gewöhnt hatten, in die er durch einen kleinen Durchbruch sah. Sein Blick fiel auf glänzendes Gold – eine Seltenheit im Tal der Könige bei Luxor, wo verborgene Kammern meist schon von Grabräubern oder Raubgräbern geleert worden waren. Nun könnte abermals ein Boost folgen: Hinter Tutanchamuns postmortaler Schatzkammer könnten sich weitere Grabstätten befinden, für die ein Forschungsteam Indizien gefunden haben will.

Die Diskussion ist nicht neu. Schon vor zehn Jahren äußerte der britische Archäologe Nicholas Reeves eine entsprechende Vermutung. Seiner Einschätzung nach wurde das Grab eigentlich für Nofretete angelegt, die Gemahlin des Pharaos Echnaton und Stiefmutter des Tutanchamun. Sie alle lebten im 14. Jahrhundert vor Christus, Nofretete regierte womöglich selbst einige Jahre als Pharaonin. Vor allem Tutanchamun und Nofretete wurden weltbekannt durch die goldene Totenmaske einerseits und die gut erhaltene Büste andererseits; letztere wurde ab 1924 vor allem in Berlin ausgestellt, da das Kunstobjekt bei einer Grabung der Deutschen Orient-Gesellschaft gefunden wurde.

Profilansicht der berühmten Büste der Nofretete, ausgestellt im Nordkuppelsaal des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel. Die Büste zeigt fein ausgearbeitete Details wie das königliche Kopftuch und den eleganten Hals. Im Hintergrund ist ein dunkler, unscharfer Bereich erkennbar.
Das Antlitz der Nofretete: Die Büste ist im Neuen Museum in Berlin ausgestellt. Womöglich befindet sich ihre Grabkammer hinter jener ihres Stiefsohns.

Archäologe Reeves glaubt, dass die Kammern um Nofretetes Grab nach deren Bestattung verändert wurden. Man habe wohl zusätzliche Wände eingezogen und die hinteren Bereiche versiegelt, Wandbilder verändert und ihren Stiefsohn nach dessen frühem Tod in einer der Kammern bestattet, die heute die Kennziffer KV62 trägt. Das würde erklären, weshalb Tutanchamuns Grabkammer relativ klein für königliche Verhältnisse ist. Und es könnte bedeuten, dass Nofretetes Mumie noch immer dort liegt, in einem verborgenen Grab.

Vielversprechende Analysen

Seit Reeves' Hypothese sind weder er noch seine Kolleginnen und Kollegen untätig geblieben, auch wenn eindeutige Antworten auf sich warten lassen. Das liegt unter anderem an den Einschränkungen der Forschungsmethoden. Geophysikalische Untersuchungen liefern vereinfacht gesagt keine eindeutigen 3D-Bilder, sondern geben etwa Hinweise auf Veränderungen der Dichte in Böden. Die Interpretation der Daten kann verschiedene Schlüsse zulassen. Forschungsteams kamen seitdem auch zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Der Ägyptologe Mamdouh Eldamaty von der Ain-Shams-Universität Kairo, einst ägyptischer Altertumsminister, hat sich ebenfalls der Grabsuche gewidmet. Sein Team, zu dem auch Reeves zählt, berichtet nun in den Occasional Papers of the Amarna Royal Tombs Project von den aufsehenerregenden Ergebnissen. Rund um die Stätte wurden erstmals gravimetrische Messungen zur Ermittlung der Bodendichte durchgeführt, im Grab selbst Bodenradarmessungen (GPR). Wie Eldamaty gegenüber der Nachrichtenredaktion des Fachjournals Nature erzählte, liefern die Daten starke Indizien in Kombination mit den früheren Analysen der Grabstruktur und der Wandmalereien:

Hier könnte es einen verborgenen Komplex aus Gängen und Räumen und geben, der vor Tutanchamuns Bestattung gebaut wurde. Falls sich die Annahmen bestätigen lassen, könne dies "zu den bahnbrechendsten archäologischen Entdeckungen der Neuzeit zählen", meint Eldamaty.

Warten auf Roboter

Den Forschenden zufolge könnte ein etwa zwei Meter breiter Gang, , der mit Schutt gefüllt ist, von der bekannten Grabkammer wegführen. Der beteiligte Ingenieur George Ballard von der geophysikalischen Beratungsfirma der GBG Group vermutet, dass Forschungsteams den Gang bisher übersahen, weil sie nach einem leeren Raum direkt hinter der Wand gesucht hatten.

3D-Darstellung eines möglichen Kammersystems rund um die Grabkammer (Burial Chamber) KV62 im Tal der Könige. Geplante Erweiterungen und angrenzende Räume werden farbig hervorgehoben: die Grabkammer in Pink, weitere Bereiche wie „Treasury“ und nummerierte Kammern in Gelb und Lila. Beschriftungen und Markierungen zeigen geophysikalische und archäologische Hinweise auf mögliche Strukturen.
Die grauen Strukturen sind ausgegrabene Räume, zentral sieht man die Grabkammer des Tutanchamun, in der sich sein Sarkophag (pink) befand. Gelb markiert sind Bereiche, in denen die Forschenden mit höherer Wahrscheinlichkeit weitere Räume vermuten. Bei etwaigen dahinterliegenden Räumen steigen die Unsicherheiten.

Entlang des Korridors könnten Räume verborgen sein, darauf lassen Strukturen mit rechten Winkeln und geringerer Dichte als in der umgebenden Erde schließen. Ballard hält vor allem die "Anomalie 7" für eine mögliche weitere Grabkammer, da sich in diesem Raum mit geringerer Dichte vermutlich Objekte mit höherer Dichte befinden. Die Bestimmung sei jedoch schwierig und "an den Grenzen der Erkennbarkeit".

Bis zur Bestätigung – oder Verwerfung – der Ergebnisse könnte es noch dauern. Das Forschungsteam möchte mehrere Löcher mit etwa acht Zentimetern Durchmesser bohren, um in die potenziellen Kammern zu blicken. Das Ganze könnte ähnlich funktionieren wie bei der neuen Kammer, die vor drei Jahren in der Cheopspyramide ausgemacht wurde: Der erste Blick hinein erfolgte per Endoskop. Eldamaty, Reeves und Co wollen winzige Roboter, die wie Minitraktoren aussehen, nach den Geheimnissen hinter Tutanchamuns Grab suchen lassen. Ob sie dafür eine Erlaubnis bekommen, hängt von der Entscheidung des Obersten Rats für Altertümer in Ägypten ab.

Skepsis und Begeisterung

Ob es zu einem neuen Howard-Carter-Moment wie vor gut 100 Jahren kommen wird? Viele Fachleute sind skeptisch – oder zumindest vorsichtig. Laut dem britischen GPR-Experten Christopher Gaffney von der Universität Bradford ist der Bericht "faszinierend", der Forscher habe jedoch "ambivalente Gefühle", weil es weiterhin an Informationen fehlt, um eindeutige Schlüsse zu ziehen. Den Studienautoren zufolge haben die ägyptischen Behörden noch keine Erlaubnis erteilt, alle Ergebnisse zu veröffentlichen.

Die Ägyptologin Kara Cooney von der University of California in Los Angeles gibt zu bedenken: Selbst, wenn die Mumie von Nofretete gefunden werden würde, könnte ihr Erhaltungszustand schlecht sein. Altägyptische Grabkammern wurden im Laufe der Jahrtausende mitunter durch starke Regenfälle geflutet, manche sind teilweise eingestürzt oder verfüllt mit Geröll oder anderen Materialien. Außerdem wurden etwaige Schätze aus den hinteren Kammern dieser Anlage vermutlich zur Ausschmückung vom später verstorbenen Tutanchamun benutzt – dass dort große Goldschätze zu finden sind, ist also fraglich.

Dennoch ist Cooney überzeugt davon, dass allein die archäologischen Indizien auf weitere Kammern hindeuten. Der US-amerikanische Ägyptologe Ray Johnson nimmt an, dass solche Kammern womöglich als Lagerräume genutzt wurden. Doch auch diese wären wissenschaftlich großartige Funde, die über 3300 Jahre lang wohl niemand zu Gesicht bekam. Die geophysikalischen Daten seien bereits "sehr spannend", findet Johnson. "Wer könnte da nicht begeistert sein?" (Julia Sica, 19.9.2026)

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