SPD-Mann verabschiedet sich nach 41 Jahren – Plädoyer für Demokratie


Stand: 19.09.2026, 06:00 Uhr

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Nach 41 aktiven Jahren in der Kommunalpolitik verabschiedet der Wetteraukreis Bardo Bayer (M.) mit einer Ehrung, hier mit Landrat Jan Weckler (l.) und Kreistagsvorsitzendem Armin Häuser. Als Bayer seine Dankesrede hält, kommt es zum Eklat.

Nach 41 aktiven Jahren in der Kommunalpolitik verabschiedet der Wetteraukreis Bardo Bayer (M.) mit einer Ehrung, hier mit Landrat Jan Weckler (l.) und Kreistagsvorsitzendem Armin Häuser. © Petra Ihm-Fahle

Bardo Bayer wurde im Wetteraukreis zum Ehrenmitglied des Kreisausschusses ernannt. Sein Schlussappell für die Demokratie brachte einen AfD-Mann zum Zwischenruf, den Kreistagsvorsitzender Armin Häuser dafür rügte.

Wetteraukreis – „Ich habe gedacht, ich könnte still und heimlich gehen“, sagt Bardo Bayer. Minuten zuvor hat Landrat Jan Weckler (CDU) den SPD-Mann zum Ehrenmitglied des Kreisausschusses ernannt – nun hält er seine Dankesrede. Der Rockenberger beginnt mit einem Schmunzeln, wird aber rasch ernst. Aufmerksam hören ihm die Abgeordneten zu, ohne von dem Zeichen zu ahnen, das Bayer setzen will. Und dass es zum Eklat mit der AfD kommen wird.

Jahrzehntelanger Einsatz

Landrat Jan Weckler (CDU) hat Bardo Bayer (SPD) im Namen des Kreistags und des Kreisausschusses als langjährigen Wegbegleiter gewürdigt. 1985 – vor 41 Jahren – wurde Bayer erstmals in den Kreistag gewählt, dem er zwölf Jahre angehörte. 1997 wechselte er in den Kreisausschuss. Dort war er bis 2026 Mitglied, neun Jahre davon hauptamtlich. 2024 ist er nochmals als ehrenamtlicher Dezernent eingesprungen. Den Wetteraukreis hat er in unzähligen Gremien vertreten. „Er hat als einer der ersten auf den neuen Möbeln gesessen und sitzt als einer der letzten darauf“, merkte Weckler an. Dies in Anspielung auf neue Möbel, die der Kreistag in Kürze erhält – die alten haben ebenso lange wie Bayer dem Kreistag gedient: 41 Jahre. Der Landrat dankte ihm für seinen jahrzehntelangen Einsatz: „Für uns alle und für die Gesellschaft bist du ein wichtiges Mitglied.“ Unter stehendem Applaus wurde Bayer mit der Übergabe von zwei Urkunden offiziell verabschiedet und geehrt. Ernannt wurde er zum Ehrenmitglied des Gremiums, dem er am längsten angehörte – dem Kreisausschuss.

41 Jahre als aktiver Politiker sind es, auf die Bayer zurückblicken kann. Er habe Politik aus Überzeugung gemacht – geehrt zu werden, sei nicht die Triebfeder gewesen. Zu diesem Anlass habe er nicht mal erscheinen wollen. „Der Landrat hat gesagt: ‚Das kannst du nicht machen.‘ Daraufhin habe ich gesagt: ‚Ich komme und nehme die Ehrung entgegen‘“, erzählt er. Bayer blickt zurück ins Jahr 1985. Damals hat die SPD über 41 Prozent der Stimmen bekommen, die CDU etwas weniger.

Erste Koalition mit Grünen

Nur durch eine Koalition mit den Grünen sei die Wahl des damaligen Landrates Herbert Rüfer möglich gewesen. Die Grünen seien zu dieser Zeit von vielen als chaotisch wahrgenommen worden. „Wir waren in der BRD der erste Landkreis, der eine feste Zusammenarbeit mit ihnen eingegangen ist“, erinnert er sich – die Grünen klatschen. Darüber habe sogar „Der Spiegel“ berichtet.

Besonders erinnert sich Bayer an die Arbeit des damals gegründeten Friedensausschusses im Kreistag. Dabei sei es vor allem um die atomwaffenfreien Zonen gegangen. Zudem sei ein Antrag Thema gewesen, Fahrten von Schulklassen nach Auschwitz zu fördern. Als die CDU im Gegenzug gefordert habe, auch Fahrten ins Sudetenland zu bezuschussen, und darüber debattiert wurde, fragte Christdemokrat Norbert Kartmann: „Wer kennt eigentlich Auschwitz?“ Die Antworten seien ernüchternd gewesen. Als Reaktion darauf kam es zum Beschluss, mit allen Kreistagsabgeordneten in das Konzentrationslager zu fahren.

Nachhaltig beeindruckt und erschüttert von diesen Erlebnissen, beschloss der Friedensausschuss die Förderung einstimmig. Gerade diese Einstimmigkeit sei aus seiner Sicht besonders gewesen, weil andere Themen im Kreisausschuss sehr kontrovers diskutiert worden seien. „Alle Fraktionen standen auf dem Boden der demokratischen Ordnung, niemand hat dagegen argumentiert. Und das ist etwas, das heute anders ist und mir Angst macht“, sagt Bayer. Christian Rohde (AfD) ruft „Pfui!“

„Wer hat ‚Pfui‘ gerufen?“, fragt Kreistagsvorsitzender Armin Häuser (CDU) und erteilt Rohde eine Rüge.

Bayer führt seine Rede unbeirrt fort. „Heute gibt es Alternativen, die an unselige Zeiten anknüpfen. Vielleicht kann man aus der Fahrt nach Auschwitz lernen, was Grauenhaftes im Dritten Reich passiert ist und was ethnische Säuberung bedeutet.“ Auch der Glorifizierung der DDR, die ein Unrechtsstaat gewesen sei, solle man entgegenwirken. Es gelte, demokratische Werte entgegenzuhalten.

Stehender Applaus

Abschließend betont er, dass er stolz darauf sei, dass der Kreistag immer zusammengestanden habe, wenn es darum gegangen sei, ein solches Gedankengut zu entlarven. Für die Zukunft wünsche er sich, dass die demokratischen Fraktionen zusammenhalten. Bayer schließt mit den Worten: „Glück auf, jetzt kann ich leise gehen.“ Stehend applaudiert das Auditorium.

Am Ende der Kreistagssitzung gibt AfD-Mann Rohde eine persönliche Erklärung ab. Bayer habe auf die AfD angespielt. Immer wieder werde seine Partei mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht, das sei bedenklich. Das Naziregime habe nur mit Gewalt abgesetzt werden können, und solche Vergleiche beförderten womöglich Gewalt gegen die AfD.

Kreistagsvorsitzender Häuser weist Rohde darauf hin, inhaltlich die Grenzen der persönlichen Erklärung überschritten zu haben. Rohde, der dennoch aussprechen durfte, erwähnt die „Kulanz“ Häusers, worauf jener erklärt: „Beim nächsten Mal nicht mehr.“