Leipziger Forschungszentrum will Lücken der DDR-Geschichte schließen
AUDIO: Bundesweit erster Lehrstuhl für DDR-Geschichte entsteht in Leipzig (4 Min)
Universität Leipzig
Stand: 20.10.2026 08:24 Uhr
An der Universität Leipzig entsteht ein bundesweit einmaliges Forschungszentrum zur DDR- und Transformationsgeschichte. Historiker Dirk van Laak erklärt, welche Aspekte der DDR noch zu wenig erforscht sind und wie die Forschung auch zur aktuellen Debatte über Ostdeutschland beitragen kann.
von MDR AKTUELL
MDR AKTUELL: Warum ist dieses Forschungszentrum in Ihren Augen nötig? Was soll das leisten?
Dirk van Laak: Das neue Forschungszentrum ist zunächst einmal einmalig in gewisser Hinsicht, weil wir eine Professur haben, die sich ausschließlich mit der DDR- und Transformationsgeschichte beschäftigen soll. Das gibt es bislang an keiner deutschen Universität. Dazu gibt es eine Nachwuchsforschergruppe und Doktorandinnen.
Das soll natürlich differenzieren, empirische Forschung beisteuern und sich, wenn es geht, auch in die Debatten einmischen, die sowieso über die DDR-Zeit und die Nachwendezeit laufen, und hier zu differenzierten Aussagen beitragen.
Es geht nicht nur um die Geschichte der DDR, sondern auch um ihre Auswirkungen bis heute. Wo sehen Sie noch die größten Forschungslücken?
Die DDR-Geschichte ist im Prinzip gut erforscht, was die politische Geschichte anbelangt, die Verfolgungsgeschichte, die Verwaltung, solche Dinge. Was weniger gut erforscht ist, sind die Detailgeschichten, also regionale Eigenheiten. Es muss ja nicht alles im Vogtland ähnlich wie in Norddeutschland gewesen sein, in Mecklenburg nicht alles wie in Brandenburg.
Auch auf betrieblicher Ebene gibt es noch viel zu tun. Das Leben auf dem Land: Die DDR-Geschichte ist sehr häufig auf Berlin oder die großen Städte fixiert. Und die Verflechtung mit anderen Ländern: Also die DDR-Geschichte mal rausholen aus ihrer Selbstbezüglichkeit.
Das sind nur ein paar der Felder, auf denen es noch etwas zu tun gibt. Dazu kommt, dass jede Geschichte natürlich von jüngeren Leuten neu befragt wird.
Bundesweit wird viel über den Osten diskutiert, vor allem über Wahlergebnisse und die Zustimmung zu Parteien an den politischen Rändern. Welchen Beitrag kann das Forschungszentrum zu dieser Debatte leisten?
Das treibt uns natürlich um, wie es die ganze Republik umtreibt. Die Beobachtung, dass da offenbar etwas aufzuarbeiten ist, dass es Demütigungen gibt, dass es vielleicht auch andere Politikverständnisse, Demokratieverständnisse gibt. Das kann alles historisch, muss alles historisch hergeleitet werden.
Dazu gibt es Ansätze. Da wollen wir uns beteiligen durch empirische Forschungen, aber auch dadurch, dass wir mit den Leuten sprechen. Dass wir nicht aus dem Elfenbeinturm heraus forschen oder sogar Weisheiten präsentieren, sondern uns erzählen lassen, wie die Erfahrungen in der Nachwendezeit und seither gewesen sind.
Und das möglichst auch in ost-westlicher Durchmischung. Da gibt es noch sehr viel zu tun, die Erfahrungen untereinander auszutauschen. Ich selbst komme ja aus dem Westen, bin jetzt seit 35 Jahren in Thüringen und Sachsen tätig. Mich treibt das ungeheuer um, natürlich auch meine Kinder. Ich denke, da kann unser Zentrum einen Beitrag leisten.
Wie wichtig wäre es, dass die neue Professur mit jemandem besetzt wird, der eine Ostbiografie hat?
Mir wäre das sehr lieb, wenn wir jemanden finden würden. Das ist natürlich kein zwingendes Erfordernis, denn Historikerinnen forschen nicht aus eigener Betroffenheit heraus. Manchmal ist das sogar eher von Schaden. Sondern wir eignen uns immer Dinge an, die vergangen sind, die fremd sind.
Es hätte aber mehr als nur einen gewissen symbolischen Wert, wenn es eine Person wäre, die selbst aus dem Osten kommt. Das wäre ganz klar erwünscht. Aber wir machen das nicht zur Bedingung und schauen mal, wie die Bewerberlage ist. Da suchen wir uns dann den oder die Beste heraus.
Das Interview führte Daniela Schmidt.
MDR (jst)