Krawalle eskalieren in Italien: Hunderte Soldaten entsandt – Meloni prüft harte Ausgangssperren
Stand: 20.10.2026, 08:41 Uhr
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Schwere Ausschreitungen und Plünderungen von Luxusgeschäften. Regierungschefin Meloni prüft Eildekrete. Salvini wirft der Opposition Zögern vor.
Rom/Mailand – Szenen wie in Paris: Rund um den Mailänder Dom plündern vermummte Jugendliche Geschäfte. In einer Krisensitzung hat die Regierung jetzt über Reaktionen beraten – bis hin zu Ausgangssperren. Rund um den Mailänder Dom und in Städten wie Turin und Bologna schlugen zumeist jugendliche Randalierer Schaufenster ein und verwüsteten Geschäfte.
Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni reagierte am Montag mit einer mehrstündigen Krisensitzung in Rom. Aus Regierungskreisen verlautete, dass Eildekrete gegen Straßenblockaden verabschiedet und technische Lösungen für mögliche Ausgangssperren geprüft werden. Der stellvertretende Premierminister Matteo Salvini gab auf X bekannt, dass 500 Soldaten nach Mailand geschickt werden sollten. Das berichtet t-online.
Ausmaß der Krawalle und wirtschaftlicher Schaden
- Festnahmen und Betroffene: Insgesamt wurden laut Mailänder Quästur über 270 Personen vorübergehend festgenommen; die große Mehrheit von rund 220 Personen ist minderjährig. Laut Berichten von Milano Today kam es zu 32 formellen Verhaftungen (davon 23 Minderjährige) und 28 Anzeigen. Für 174 Personen ordnete die Polizei Präventivgewahrsam an.
- Verletzte Einsatzkräfte: Mindestens 14 Polizeikräfte (10 Beamte der Staatspolizei, 4 der Lokalpolizei) sowie rund 30 Carabinieri wurden nach Angaben der Einsatzleitung verletzt; allein am Samstag mussten 25 Einsatzkräfte im Krankenhaus behandelt werden.
- Sachschäden: Die Schadenssumme übersteigt nach Schätzungen von Ansa und dpa die Marke von einer Million Euro. Betroffen waren unter anderem eingeschlagene Schaufenster, zerstörte Geschäftseinrichtungen und geplünderte Waren. Während der Ausschreitungen am Domplatz brannten zudem Barrikaden.
- Schließung von Luxusgeschäften: Aus Sorge vor weiteren Plünderungen ließen renommierte Marken und Luxusgeschäfte wie Hermès, Chanel und Pomellato ihre Läden am Montag im Mailänder Zentrum geschlossen.
Parallelen zu Frankreich: Gewalt nach Vorbild der Banlieues
Sowohl die Staatsanwaltschaft Mailand als auch internationale Medienberichte vergleichen die Szenen rund um den Mailänder Dom mit den Krawallen in den französischen Banlieues. Junge, teils vermummte Akteure agierten als Zerstörer und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.
Wie Il Manifesto und der Corriere della Sera herausarbeiten, unterscheidet sich die Dynamik jedoch in einem wesentlichen Punkt: Die Mailänder Jugendlichen handelten ohne feste politische Plattform oder Organisation, glichen im Vorgehen jedoch dem französischen Vorbild.
Stimmen und Reaktionen zu den Ausschreitungen
| Person / Quelle | Rolle / Kontext | Kernaussage / Zitat |
| Evelyn León Palacios (Corriere della Sera) | Erzieherin (43), stellte sich Randalierern entgegen | „Die hohen Lebenshaltungskosten haben damit nichts zu tun, sie wollten alles verwüsten.“ |
| 12-jähriger Beteiligter (Corriere della Sera) | Jugendlicher Demonstrant | „Wir protestieren, weil wir unsichtbar sind; wenn du arm bist, kannst du nichts haben.“ |
| Matteo Salvini (Ansa) | Vize-Ministerpräsident & Lega-Chef | „Jemand war auf einen Toten aus.“ |
| Mutter eines Festgenommenen (Milano Today) | Wartende Angehörige vor der Questura | „Mein Sohn ist mit Freunden ausgegangen, um 2 Uhr nachts riefen sie mich an und sagten, er sei auf dem Polizeirevier.“ |
Vorfall in der Via Torino: Erzieherin stellt sich Randalierern
Im Zentrum der Mailänder Eskalation ging die Videoaufnahme einer Passantin viral: Die 43-jährige Erzieherin Evelyn León Palacios stellte sich in der Via Torino allein einer Gruppe von rund 20 Jugendlichen entgegen, die Barrikaden bauten. „Die hohen Lebenshaltungskosten haben damit nichts zu tun, sie wollten alles verwüsten“, schilderte sie gegenüber dem Corriere della Sera ihr Eingreifen.
Tatsächlich hatte die Protestkundgebung unter dem Motto „Italia in piazza“ friedlich begonnen, um gegen steigende Lebenshaltungskosten zu demonstrieren. Der 21-jährige Student Luis, der die Demonstration angemeldet hatte, distanzierte sich scharf von den Gewaltausbrüchen und betonte, die Randalierer hätten das Anliegen missbraucht. Ermittler verweisen auf Chatgruppen wie „17 ottobre civile“ und Aufrufe auf Plattformen wie TikTok, über die sich gewaltbereite Gruppen verabredeten.
Vorgeschichte und innenpolitischer Hintergrund
- Regierungskonstellation und Wahldruck: Giorgia Meloni regiert seit vier Jahren in einer Rechtskoalition. Im kommenden Jahr stehen Parlamentswahlen an, bei denen Meloni sowohl von rechts durch die Partei Futuro Nazionale als auch von links durch die PD-Vorsitzende Elly Schlein unter Druck steht.
- Protestursachen und Eskalation: Den gewaltsamen Unruhen in Städten wie Mailand, Turin und Bologna gingen friedliche Demonstrationen gegen die hohen Lebenshaltungskosten voraus. In Mailand mischten sich Randalierer zudem unter eine genehmigte Demonstration, um von dort aus gezielt zu agieren.
- Gesetzgeberische Initiativen: Die Regierung plant Eildekrete gegen Gewalt und Straßenblockaden und berät über Ausgangssperren. Vize-Premier Matteo Salvini forderte eine Beschleunigung der Gesetze und pocht auf präventive Festnahmen von Minderjährigen sowie eine spätere Inhaftierung bei Plünderungen.
- Politischer Schlagabtausch: Die politische Debatte zeigt sich stark polarisiert: Salvini warf der Opposition vor, die Gewalt nicht bedingungslos zu verurteilen („Jemand war auf einen Toten aus“), während bei Gegendemonstrationen in Mailand Transparente der Rechten mit Aufschriften wie „Wir werden euch alle remigrieren“ für erhebliche Spannungen sorgten.
Motive der Randalierer: Die Wut der „Maranza“ und das Scheitern des Dialogs
Politische Beobachter zeichneten das Bild einer jugendlichen Welle ohne klares politisches Programm. In der Berichterstattung von Milano Today kommen verzweifelte Eltern zu Wort, deren minderjährige Kinder nachts auf der Quästur landeten, nachdem sie nach eigenen Angaben lediglich „mit Freunden ausgingen“.
Der Corriere della Sera hob zudem die Rolle der sozialen Medien hervor, über die sich Jugendliche verabredeten. Ergänzend zeigten Aussagen beteiligter Zwölfjähriger die tief sitzende Entfremdung auf: „Wir protestieren, weil wir unsichtbar sind; wenn du arm bist, kannst du nichts haben.“
Il Manifesto widmete sich intensiv den soziologischen Ursachen und beschrieb die Jugendlichen – oft als „Maranza“ betitelt – als marginalisiert und rassifiziert. Demnach seien die Ausschreitungen der Ausdruck einer existenzialistischen, „blinden, tauben und stummen“ Wut. Für die linksgerichtete Zeitung ist die Zeit des bloßen Zuhörens bereits abgelaufen; die Ausgeschlossenen seien nun in der reichen „Schaufensterstadt“ präsent, um einen Teil von dem zurückzugeben, was sie im Alltag an Ablehnung erfahren.
Zudem zitierte Il Manifesto die Analyse der Forscherin Carlotta Cossutta, wonach das Problem sowohl prä- als auch postpolitisch sei. An der Basis stehe eine extreme Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, die durch globale Krisen – von Corona bis zu aktuellen Kriegen – und durch bedrückende Zukunftsaussichten genährt werde. Da die Jugendlichen keinerlei politische Vermittlung suchen würden, sei es für Gesellschaft und Politik kaum möglich, Ansatzpunkte für einen Dialog zu finden, so ihre Analyse. (Quellen: Corriere della Sera, Milano Today, Il Manifesto, Ansa, dpa) (frs)