Krawalle eskalieren in Italien: Hunderte Soldaten entsandt – Meloni prüft harte Ausgangssperren


Stand: 20.10.2026, 08:41 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Demonstranten versammeln sich in Mailand, um gegen die hohen Lebenshaltungskosten zu protestieren.

Demonstranten versammeln sich in Mailand, um gegen die hohen Lebenshaltungskosten zu protestieren. © Stefano Porta/dpa

Schwere Ausschreitungen und Plünderungen von Luxusgeschäften. Regierungschefin Meloni prüft Eildekrete. Salvini wirft der Opposition Zögern vor.

Rom/Mailand – Szenen wie in Paris: Rund um den Mailänder Dom plündern vermummte Jugendliche Geschäfte. In einer Krisensitzung hat die Regierung jetzt über Reaktionen beraten – bis hin zu Ausgangssperren. Rund um den Mailänder Dom und in Städten wie Turin und Bologna schlugen zumeist jugendliche Randalierer Schaufenster ein und verwüsteten Geschäfte.

Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni reagierte am Montag mit einer mehrstündigen Krisensitzung in Rom. Aus Regierungskreisen verlautete, dass Eildekrete gegen Straßenblockaden verabschiedet und technische Lösungen für mögliche Ausgangssperren geprüft werden. Der stellvertretende Premierminister Matteo Salvini gab auf X bekannt, dass 500 Soldaten nach Mailand geschickt werden sollten. Das berichtet t-online.

Ausmaß der Krawalle und wirtschaftlicher Schaden

Parallelen zu Frankreich: Gewalt nach Vorbild der Banlieues

Sowohl die Staatsanwaltschaft Mailand als auch internationale Medienberichte vergleichen die Szenen rund um den Mailänder Dom mit den Krawallen in den französischen Banlieues. Junge, teils vermummte Akteure agierten als Zerstörer und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Wie Il Manifesto und der Corriere della Sera herausarbeiten, unterscheidet sich die Dynamik jedoch in einem wesentlichen Punkt: Die Mailänder Jugendlichen handelten ohne feste politische Plattform oder Organisation, glichen im Vorgehen jedoch dem französischen Vorbild.

Stimmen und Reaktionen zu den Ausschreitungen

Person / QuelleRolle / KontextKernaussage / Zitat
Evelyn León Palacios (Corriere della Sera)Erzieherin (43), stellte sich Randalierern entgegen„Die hohen Lebenshaltungskosten haben damit nichts zu tun, sie wollten alles verwüsten.“
12-jähriger Beteiligter (Corriere della Sera)Jugendlicher Demonstrant„Wir protestieren, weil wir unsichtbar sind; wenn du arm bist, kannst du nichts haben.“
Matteo Salvini (Ansa)Vize-Ministerpräsident & Lega-Chef„Jemand war auf einen Toten aus.“
Mutter eines Festgenommenen (Milano Today)Wartende Angehörige vor der Questura„Mein Sohn ist mit Freunden ausgegangen, um 2 Uhr nachts riefen sie mich an und sagten, er sei auf dem Polizeirevier.“

Vorfall in der Via Torino: Erzieherin stellt sich Randalierern

Im Zentrum der Mailänder Eskalation ging die Videoaufnahme einer Passantin viral: Die 43-jährige Erzieherin Evelyn León Palacios stellte sich in der Via Torino allein einer Gruppe von rund 20 Jugendlichen entgegen, die Barrikaden bauten. „Die hohen Lebenshaltungskosten haben damit nichts zu tun, sie wollten alles verwüsten“, schilderte sie gegenüber dem Corriere della Sera ihr Eingreifen.

Tatsächlich hatte die Protestkundgebung unter dem Motto „Italia in piazza“ friedlich begonnen, um gegen steigende Lebenshaltungskosten zu demonstrieren. Der 21-jährige Student Luis, der die Demonstration angemeldet hatte, distanzierte sich scharf von den Gewaltausbrüchen und betonte, die Randalierer hätten das Anliegen missbraucht. Ermittler verweisen auf Chatgruppen wie „17 ottobre civile“ und Aufrufe auf Plattformen wie TikTok, über die sich gewaltbereite Gruppen verabredeten.

Vorgeschichte und innenpolitischer Hintergrund

Motive der Randalierer: Die Wut der „Maranza“ und das Scheitern des Dialogs

Politische Beobachter zeichneten das Bild einer jugendlichen Welle ohne klares politisches Programm. In der Berichterstattung von Milano Today kommen verzweifelte Eltern zu Wort, deren minderjährige Kinder nachts auf der Quästur landeten, nachdem sie nach eigenen Angaben lediglich „mit Freunden ausgingen“.

Der Corriere della Sera hob zudem die Rolle der sozialen Medien hervor, über die sich Jugendliche verabredeten. Ergänzend zeigten Aussagen beteiligter Zwölfjähriger die tief sitzende Entfremdung auf: „Wir protestieren, weil wir unsichtbar sind; wenn du arm bist, kannst du nichts haben.“

Il Manifesto widmete sich intensiv den soziologischen Ursachen und beschrieb die Jugendlichen – oft als „Maranza“ betitelt – als marginalisiert und rassifiziert. Demnach seien die Ausschreitungen der Ausdruck einer existenzialistischen, „blinden, tauben und stummen“ Wut. Für die linksgerichtete Zeitung ist die Zeit des bloßen Zuhörens bereits abgelaufen; die Ausgeschlossenen seien nun in der reichen „Schaufensterstadt“ präsent, um einen Teil von dem zurückzugeben, was sie im Alltag an Ablehnung erfahren.

Zudem zitierte Il Manifesto die Analyse der Forscherin Carlotta Cossutta, wonach das Problem sowohl prä- als auch postpolitisch sei. An der Basis stehe eine extreme Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, die durch globale Krisen – von Corona bis zu aktuellen Kriegen – und durch bedrückende Zukunftsaussichten genährt werde. Da die Jugendlichen keinerlei politische Vermittlung suchen würden, sei es für Gesellschaft und Politik kaum möglich, Ansatzpunkte für einen Dialog zu finden, so ihre Analyse. (Quellen: Corriere della Sera, Milano Today, Il Manifesto, Ansa, dpa) (frs)