Von wegen Rente: Ärztin nennt wahres Boomer-Problem der kommenden zehn Jahre


Nicht die Rente: Ärztin nennt Problem der Boomer-Generation in den kommenden Jahren

Stand: 17.08.2026, 20:17 Uhr

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Eine Bevölkerungsmedizinerin sagt, dass durch unsere alternde Gesellschaft nicht nur das Rentensystem in Gefahr sei. „Es ist höchste Zeit, dass wir handeln.“

Frankfurt – Wer heute einen neuen Hausarzt oder eine neue Fachärztin sucht, muss sich auf lange Wartezeiten einstellen und erlebt teils überfüllte Praxen, die keine neuen Patienten annehmen. In manchen – oft ländlicheren – Regionen Deutschlands finden Eltern teilweise keinen Kinderarzt mehr. Schwangere Frauen finden keine Hebamme. Hausärzte gehen ohne Nachfolger in den Ruhestand, was dazu führt, dass sich „ältere Patienten bei uns melden und ganz konkret sagen: ‚Ich finde keinen Hausarzt‘“, erzählt Karlin Stark der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Rentner und Rentnerin.

Nicht nur das Rentensystem muss stabilisiert werden – auch das Gesundheitssystem leidet unter unserer alternden Gesellschaft. (Symbolbild) © Depositphotos/Imago

Die Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen ist kommissarische Amtsleiterin des Gesundheitsamts im Landratsamt Heilbronn. Sie hat vor einigen Wochen auf Linkedin auf diese „realen Probleme“ aufmerksam gemacht. „Noch vor zehn Jahren war diese medizinische Unterversorgung bei kaum einem Gesundheitsamt Thema. Obwohl man die Altersstruktur schon damals kannte. Aber das war alles zu weit weg“, sagt sie. „Aber jetzt ist die Priorität hochgerutscht, denn die Probleme kommen bei uns an.“ Stark spricht von rund 5.000 offenen Hausarztsitzen in Deutschland. Bis 2030 könnten weitere 3.200 dazu kommen, so die Prognose.

Das Hauptproblem: Babyboomer werden älter – und Ärzte auch

„Aktuell ist circa ein Drittel der Hausärzte in Deutschland 60 Jahre oder älter. In anderen Facharztbereichen ist das Durchschnittsalter regional noch höher. Diese Ärztinnen und Ärzte gehen vorhersehbar in den nächsten Jahren in Rente“, sagt Stark der Frankfurter Rundschau. Die nachkommenden Mediziner und Medizinerinnen seien deutlich zu wenig, um die Lücke zu füllen. Aber gleichzeitig steige der Bedarf, weil die Babyboomer älter werden und dadurch öfter zum Arzt müssten. „Wir brauchen mehr medizinische Versorgung, verfügen aber über immer weniger Ressourcen. Ein echtes Debakel.“

Der erste Ansatz, um hier entgegenzusteuern, sei die Primärprävention. „Menschen sollten weniger medizinische Versorgung brauchen“, sagt sie. „Das ist nach meiner Ansicht die Königsdisziplin.“ Lebensstilassoziierte Erkrankungen seien in Deutschland ein Problem. Bei Diabetes Typ 2 etwa gehe man davon aus, dass rund 80 Prozent der Fälle vermeidbar wären. Um gesund alt zu werden, seien die richtige Ernährung, Bewegung und soziales Miteinander wichtig. Letzteres werde ihrer Meinung nach in Deutschland unterschätzt.

„Ein Mensch benötigt ein positives soziales Umfeld. Er muss sich positiv angenommen, wertgeschätzt und anerkannt fühlen. Das macht extrem viel.“ Auch die sogenannte Verhältnisprävention sei wichtig, also dass die Umgebung von Menschen gesundheitsförderliches Verhalten fördert. Zum Beispiel durch eine höhere Zuckersteuer oder eine DGE-zertifizierte, günstige Schulspeisung.

Uraltes Gesetz von 1939 bremst das deutsche Gesundheitssystem

Der zweite Ansatz: Ärzte und Ärztinnen entlasten. „Hier behindert uns das Heilpraktikergesetz“, sagt Stark. Es stamme von 1939 und besage, dass nur Ärzte und Heilpraktiker selbstständig Heilkunde ausüben dürfen. „Das ist heute nicht mehr zeitgemäß.“ Physiotherapeutinnen, Logopäden, medizinische Fachangestellte, Ergotherapeutinnen und andere Pflegeberufe seien teilweise hoch qualifiziert – dürften aber rechtlich keine selbstständigen heilkundlichen Entscheidungen treffen. Für eine Behandlung bräuchten sie immer ein ärztliches Rezept oder müssten beim Gesundheitsamt eine Heilpraktikerprüfung ablegen, was viele auch tun.

Das Problem sei aber, dass diese Prüfung beim zuständigen Gesundheitsamt nur „eine sogenannte ‚Gefahrenabwehrprüfung‘ und keine Wissensprüfung wie bei anderen geregelten Ausbildungsberufen“ sei. „Da es keine geregelte Ausbildung gibt, haben wir zwar hohe Durchfallquoten – viele schaffen die Heilpraktikerprüfung aber auch ohne fundiertes schulmedizinisches Wissen“, sagt die Bevölkerungsmedizinerin. Das Ergebnis: eine intransparente Mischung an kaum und gut ausgebildeten Heilpraktikern und -praktikerinnen auf der einen Seite und eine „dramatische Schnellabfertigung“ in Arztpraxen.

„Es gibt kaum ein Land, das so viele Arztkontakte pro Patient pro Jahr hat wie Deutschland.“ Die Kontakte dauerten im Schnitt fünf bis zehn Minuten. „In Schweden sind es über 20 Minuten“, sagt Stark. „Wenn Menschen mit Rückenschmerzen sofort zum Physiotherapeuten gehen könnten und nicht den Umweg über den Arzt nehmen müssten, würden wir uns Arztkontakte sparen und Ärzte hätten mehr Zeit für diejenigen, die nicht von anderen Heilberufen versorgt werden können.“ Ein Physiotherapeut kenne die Symptome, könne abschätzen, wann er jemanden doch lieber zurück zum Arzt schicken sollte.

Zwischen 30 und 50 Prozent der Zeit wenden Ärztinnen für Bürokratie auf

Der dritte Hebel, den Stark sieht, ist die Bürokratie. Ein Arzt oder eine Ärztin wende an einem normalen Arbeitstag zwischen 30 und 50 Prozent der Zeit für Dokumentation und Organisation auf. „Wenn wir diesen Dokumentationsaufwand reduzieren könnten, würde das das System enorm entlasten. Junge Ärzte wollen nicht mehr so viel Bürokratie. Sie wollen lieber ihre eigentliche Arbeit machen.“ Durch Digitalisierung und Praxisgemeinschaften gebe es bereits gute Ansätze. „Damit wir in zehn Jahren keine desolate medizinische Versorgung haben, ist es höchste Zeit, dass wir handeln.“ (Quelle: eigene Recherche)