„Nie dagewesene Situation“: Offenbacher Krematorium wehrt sich gegen den Vorwurf pietätloser Zustände


Stand: 29.07.2026, 06:00 Uhr

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Als Notlösung zur Lagerung der Verstorbenen dient dieses Zelt, die Kapazitäten im Offenbacher Krematorium sind erschöpft.

Als Notlösung zur Lagerung der Verstorbenen dient dieses Zelt, denn die Kapazitäten im Krematorium sind erschöpft. © Veronika Schade

Dem Offenbacher Krematorium dient als Notlösung zur Zwischenlagerung der Verstorbenen derzeit ein Zelt. Nun werden Vorwürfe laut, die Zustände dort seien pietätlos und unwürdig.

Offenbach – So genau möchte man sich das lieber gar nicht vorstellen. Gerade deshalb treffen die Worte des Anrufers hart. „Pietätlos“ und „unwürdig“ seien derzeit die Zustände am Offenbacher Krematorium. Wie berichtet, wurde behelfsmäßig ein Zelt aufgebaut, um die vielen Toten aufnehmen zu können, die dieser Hitzesommer mit sich bringt – die Übersterblichkeit beträgt deutschlandweit gut 30 Prozent. „Auf dem Boden sind Flüssigkeiten und Maden, alles ist verklebt und versifft, vom Gestank ganz zu schweigen“, so der Anrufer, der sich auskennt, aber anonym bleiben möchte. Über Wochen sei das schon so, wirft er vor. Er habe nicht den Eindruck, dass gereinigt würde. „Wenn die Angehörigen das wüssten, sie würden Amok laufen.“

Sonst sei in solchen Hochphasen in drei Schichten gearbeitet worden, auch am Wochenende, berichtet er – jetzt nicht. „Und statt des einsehbaren Zelts, das nicht richtig gekühlt werden kann, wären Kühlcontainer eine bessere, aber wohl teurere Lösung gewesen.“

Doppelt so viele Verstorbene wie üblich

Christian Loose, stellvertretender Leiter des ESO-Eigenbetriebs, unter dessen Zuständigkeit das Krematorium fällt, spricht von einer noch nie dagewesenen Situation: „Niemand von unseren Mitarbeitern hat bisher so etwas erlebt, selbst zur Corona-Zeit nicht mal annähernd.“ Zwischen dem 9. und 22. Juli seien es 100 Prozent mehr Sarganlieferungen als im Jahresschnitt gewesen, teilweise habe man einen Rückstau von 400 Särgen gehabt. Die Verwaltung der städtischen Friedhöfe sei nicht nur von den Pietäten, sondern auch von den Kliniken wegen Kühlkapazitäten angefragt worden. „Es ist allen Beteiligten bewusst, dass ein Zelt für die Absteuerung tagsüber keine ideale Lösung ist“, betont er. Die Alternative wäre gewesen, die Tore zu schließen und keine Toten mehr aufzunehmen. „Das können wir nicht machen.“

Dieser extreme Zuwachs falle ausgerechnet in die Zeit der Umbauarbeiten an Trauerhalle und Krematorium, wodurch die räumliche Kapazität ohnehin verringert sei. „Normalerweise ist die Sterberate in dieser Zeit deutlich geringer als in der dunklen Jahreszeit, deshalb finden die Arbeiten jetzt statt“, erklärt Loose. Dass es ganz anders komme, sei weder absehbar noch planbar gewesen.

Zersetzung der Leichen bei Hitze deutlich schneller

Nicht nur die Menge der Verstorbenen, auch ihr Zustand sei anders als gewohnt. Würden sonst immer mal vereinzelt Leichen angeliefert, die erst nach geraumer Zeit entdeckt worden seien, seien es derzeit deutlich mehr, die nach mehreren Stunden bis Tagen aus heißen Wohnungen geholt würden. Bei hohen Temperaturen seien die Madenbildung und die Zersetzung deutlich weiter fortgeschritten als unter normalen Wetterbedingungen. Für diese Fälle gäbe es zwei Frostzellen, in denen vier Särge gelagert werden können – doch diese seien längst voll.

Für Reinigung und Hygienemaßnahmen sei seit der Hitzewelle bereits eine fünfstellige Summe ausgegeben worden. Doch an starken Hitzetagen seien Maden kaum in den Griff zu bekommen, gerade wenn sie mit angeliefert würden. Kühlcontainer statt des Zelts seien auf die Schnelle nicht zu bekommen gewesen. Loose betont, dass das Dispositionszelt nur als Übergang, nicht zur ständigen Lagerung genutzt werde. Doch auch diese dauere zurzeit oft länger als sonst. Das liege nicht unbedingt an der wegen der Renovierung außer Betrieb genommenen Ofenlinie, sondern am längeren Warten auf Papiere wie den Antrag auf Einäscherung, die Sterbeurkunde oder den Totenschein. „Der gesamte Prozess, der nach dem Tod eines Menschen in Gang gesetzt wird, ist in Offenbach momentan stark belastet bis überlastet“, erläutert der stellvertretende ESO-Chef.

Mitarbeiter auch emotional belastet

Unter den Krematoriumsmitarbeitern gebe es mehrere Krankheitsfälle, darunter auch Langzeitkranke, sodass keine dritte Schicht in der verbleibenden Ofenlinie gefahren werden könne. Zwar sei die Absteuerung an andere Krematorien erhöht worden, doch auch diese müssten die Folgen der Übersterblichkeit abfangen. Loose betont, unter welchen erschwerten Bedingungen und hoher emotionaler Belastung die Kollegen arbeiten: „Sie meistern trotzdem ihre wichtige Arbeit weiter jeden Tag mit vollem Einsatz. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“ Die Arbeitsbedingungen seien für sie alles andere als angenehm.

Zwar habe der Rückstau schon recht gut eingeholt werden können, dennoch arbeite der Stadtservice an einer besseren Lösung statt des Zelts, die aus der Not geboren war. Die Bemühungen um Kühlgeräte seien zuletzt schwierig gewesen, inzwischen seien aber zwei weitere im Zulauf, sodass weitere abgeschlossene Räume in den Friedhofsgebäuden für die gekühlte Aufbewahrung genutzt werden können. „Wir hoffen, dass die Zeltlösung bald aufgegeben werden kann und die nächste Hitzewelle nicht ganz so heftig ausfällt“, so Loose. Die zweite Ofenlinie werde bis voraussichtlich Ende August saniert.

Auch der zuständige Dezernent Martin Wilhelm (SPD) nimmt die Sorgen von Angehörigen angesichts der noch nie dagewesenen Situation ernst. „Auf dem Neuen Friedhof und in unserem Krematorium wird alles getan, damit trotz der äußerst schwierigen Umstände die Würde der Toten gewahrt bleibt“, teilt er mit.