„Ungerechtes System“: Norwegisches Lauf-Ass beklagt Regelung bei Leichtathletik-EM – Verband zieht mit
Stand: 15.08.2026, 12:26 Uhr
Kommentare
Ein umstrittenes Qualifikationssystem sorgt bei der Leichtathletik-EM in Birmingham für Unmut. Besonders Norwegens Team ist nach einem überraschenden Aus verärgert.
Birmingham – Bei der Leichtathletik-EM in Birmingham herrscht derzeit eine Grundsatzdebatte über Fairness, hervorgegangen aus einem sportlichen Rückschlag von Norwegens Lauf-Ass Andreas Kulseng. Der frischgebackene Europameister mit der norwegischen Mixed-Staffel über 4 × 400 Meter verpasste bei der EM in Birmingham überraschend das Halbfinale über 200 Meter. Der 25-Jährige wurde in seinem Vorlauf mit 21,05 Sekunden Dritter – unter den bisherigen Regeln hätte das für den Einzug in die nächste Runde gereicht.

Der Grund für das Aus liegt in einer Neuerung des Wettbewerbsformats. Während sich in der Vergangenheit die besten zwei oder drei Athleten eines Vorlaufs direkt für das Halbfinale qualifizierten und das Feld anschließend mit den schnellsten weiteren Zeiten aufgefüllt wurde, zählt nun bei der EM ausschließlich die gelaufene Zeit. Selbst ein Sieg in einem Vorlauf garantiert damit nicht automatisch das Weiterkommen. Kulseng hatte zudem mit starkem Gegenwind von 3,4 Metern pro Sekunde zu kämpfen.
Kulseng und Norwegens Nationalteam protestieren gegen EM-Regelung
Norwegens Teamleitung hält die neue Regel deshalb für problematisch. „Das ist ein ungerechtes System. Ich denke, dass unser Sport, die Leichtathletik, über die Jahre hinweg im Großen und Ganzen fair war. Das hier ist kein faires System“, sagte Teamleiter Ståle Jan Frøynes gegenüber dem norwegischen Rundfunk NRK.
„Diejenigen, die gute Bedingungen vorfinden, kommen auf Kosten derjenigen ins Halbfinale, die eigentlich die besseren Läufer sind.“ Auch Kulsengs Trainer Michael Rosenberg kritisierte die Regel nicht grundsätzlich, sondern die unterschiedlichen äußeren Bedingungen. „Das System ist völlig in Ordnung, wenn alle die gleichen Bedingungen haben, aber hier haben wir ein gutes Beispiel dafür, dass das nicht unbedingt der Fall ist“, erklärte Rosenberg.
Für Kulseng dürfte die Enttäuschung besonders groß sein, nachdem er kurz zuvor mit der norwegischen Mixed-Staffel Gold gewonnen hatte. Auch dort sorgte die EM bereits für eine kuriose Szene: Die Sieger um Hürdenstar Karsten Warholm verweigerten zunächst die Medaillen, weil darauf versehentlich die Zeit der zweitplatzierten Briten eingraviert worden war.
Statt Norwegens 3:09,62 Minuten stand dort 3:10,47. „Wir weigerten uns, sie anzunehmen“, erklärte Warholm gegenüber NRK. Henriette Jæger ergänzte: „Für diese Zeit haben wir hart gekämpft, also soll sie auch auf der Medaille stehen.“ Die Organisatoren entschuldigten sich anschließend und ließen neue Medaillen anfertigen, die das norwegische Quartett bereits am Dienstag (11. August) erhalten haben soll.
„Als wir feststellten, dass etwas nicht stimmte, haben wir es so schnell wie möglich korrigiert. Es war sehr bedauerlich, dass die Medaillen nicht von Anfang an korrekt waren“, sagte Wettkampfverantwortlicher Ken Burkett. Nun sorgt ausgerechnet das neue Qualifikationssystem dafür, dass Norwegen erneut über die Frage diskutiert, wie fair die Bedingungen bei einer Europameisterschaft tatsächlich sein müssen. (LF)