Notfallseelsorger stehen Menschen nach Todesfällen bei
Stand: 03.09.2026, 18:00 Uhr
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Reinhold Chrzanowski und Heike Ortgies betreuen als ehrenamtliche Notfallseelsorger Menschen nach Todesfällen. Dabei erleben die beiden viel Dankbarkeit der Betroffenen.
Altkreis Münden – „Der Tod kommt für Angehörige immer zu früh“, sagt Reinhold Chrzanowski. Der ehemalige Polizeibeamte ist ehrenamtlicher Notfallseelsorger im Kirchenkreis Göttingen-Münden und kümmert sich um Menschen, die nach einem Todesfall durch einen Unfall, einen Suizid oder auf natürliche Weise, rasche Unterstützung benötigen. Der Kirchenkreis Göttingen-Münden bietet die Notfallseelsorge Tag und Nacht an.
Der 74-jährige Vater ist seit seinem Eintritt in die Rente vor 12 Jahren als Notfallseelsorger tätig. Er wohnt in Münden. 61 Gemeinden betreut die Notfallseelsorge. Auch die 65-jährige Heike Ortgies engagiert als Notfallseelsorgerin. Sie wohnt in Scheden und hat 2019 die Grundausbildung zur Seelsorgerin gemacht. Als im selben Jahr kurz vor Weihnachten ein schwerer Verkehrsunfall auf der Bundesstraße 3 bei Dransfeld mit mehreren Toten passierte, erlebte sie in der Gemeinde eine „schlimme Situation“, die Kräfte forderte und Betroffene belastete.
Das war für sie der ausschlaggebende Punkt, die Weiterbildung zur Notfallseelsorgerin zu machen.
Notfallseelsorge bedeute „akute Krisenintervention“, also die sofortige Hilfe für Betroffene, erklärt Reinhold Chrzanowski. Sobald die Leitstelle der Feuerwehr die Notfallseelsorger über einen digitalen Meldeempfänger informiert, erkundigen sie sich beim Rettungsdienst, wohin sie fahren müssen und was sie erwartet. „Und dann fährt man los“, sagt Chrzanowski. Details zu den Fällen haben die Seelsorger nicht immer. Auch nicht, ob eine Seelsorge von den Betroffenen erwünscht ist. „Dann gehen wir wieder“, sagt Ortgies. In der Regel seien die Menschen aber dankbar, dass sie da sind.
Die meisten Todesfälle haben natürliche Ursachen, wie Altersschwäche, wenn etwa Ehepartner sterben, erklärt Ortgies. Belastende Szenarien, die einem danach noch lange im Kopf bleiben, seien Ausnahmen und würden vereinzelt passieren. Die Notfallseelsorger seien vorwiegend zu Hause bei den Hinterbliebenen, um ihnen beizustehen. Sie versuchen, die Menschen „aus der Traurigkeit herauszuholen“, erklärt Chrzanowski. Eine häufige Frage, die er stellt, sei, ob die Menschen etwas von dem Verstorbenen erzählen möchten.
„Manchmal schweigt man sich auch eine Stunde an“, sagt Ortgies. Es ginge darum, dass jemand da sei. Beide Seelsorger seien auch schon über Nacht geblieben, um zu unterstützen. Es sei Ermessenssache, wie lange man bleibt.
Schwierige Fälle für die Seelsorger
Schwierig sei es, wenn es um Todesfälle von Kindern gehe. „Wenn ich das höre, schlucke ich immer“, sagt Chrzanowski. Dieses Thema geht den Ehrenamtlern sehr nah. Beide haben bereits Fälle erlebt, bei denen Kinder durch einen Unfall oder durch plötzlichen Kindstod starben. Nach dem Tod einer Frau, die im selben Jahrgang wie Ortgies Sohn war, habe sie eine Supervision gebraucht, um darüber zu sprechen und zu verarbeiten.
Sobald die Seelsorger selbst Unterstützung dabei benötigen, Fälle zu verarbeiten, sprechen sie darüber. „Ich gehe zu Pastor Henning Dobers oder zu Reinhold Chrzanowski“, erzählt Ortgies. Selbstfürsorge werde großgeschrieben und Gespräche seien wichtig. „Es gibt Situationen, die kann man nicht alleine stemmen.“ Gegenseitige Hilfe sei üblich.
Ein Rucksack voller Hilfe
Neben Kerzen, Kreuzen, Spielzeug für Kinder oder kleinen Trostgeschenken, finden sich bei beiden auch Zigaretten im gepackten Notfallseelsorge-Rucksack. „Ich rauche nicht“, betont Chrzanowski. Beide haben ihre Taschen individuell mit Dingen gepackt, die ihnen oder den Menschen helfen können.
Dass Chrzanowski Menschen helfen möchte, war ihm schon früh bewusst. „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn.“ So beginnt ein Vers, den er zu seiner Zeit als Messdiener in der katholischen Kirche oft hörte. Diese Hilfe wolle er leisten und habe sich das von Anfang an zugetraut. Auch Ortgies sah sich in der Position, dieses Ehrenamt auszuführen, da sie gut mit dem Tod umgehen könne. Das habe sie durch die Versorgung und den Tod ihrer Mutter herausgefunden.
Hilfe für Menschen ist überkonfessionell
Glaube spiele im Moment der Trauerbegleitung aber keine Rolle, erklären beide. „Die Hilfe ist für den Menschen“, sagt Ortgies. „Überkonfessionell“, fügt Chrzanowski an. Sie erleben auch kulturelle Unterschiede im Umgang mit dem Tod und den Trauernden. Manche Menschen werden von ihrem Umfeld besser aufgefangen, als andere, erklärt Ortgies.
Ortgies und Chrzanowski erleben in ihrem Ehrenamt viel Dankbarkeit von Betroffenen. Das Gefühl, eine Unterstützung und Hilfe gewesen zu sein, teilen beide. „Der Tod gehört zum Leben“, sagt Ortgies.