Offener Brief an Georg Spahn: Willkommen, kleiner Erdenbürger


Lieber Georg,

wenn du diesen Brief irgendwann in ein paar Jahren liest, möchte ich dir als Allererstes etwas ganz Wichtiges mit auf den Weg geben: Woher du kommst, ist vollkommen egal. Völlig wurscht. Du bist hier. Du wirst von deinen Vätern von ganzem Herzen geliebt. Und das ist das Einzige, was wirklich zählt.

Der liebe Gott freut sich über jedes Kind, das man ihm schenkt – das hat Franz Beckenbauer einmal sehr schön gesagt. Recht hat er, der Kaiser. Und auch ganz praktisch betrachtet braucht Deutschland dringend mehr Kinder wie dich. Wir brauchen junge Menschen, die später dieses Land mitgestalten, die arbeiten, Steuern zahlen und es voranbringen. Ich bin mir sicher, dass du genau so ein Mensch werden wirst.

Die ganze Aufregung der letzten Tage um deine Geburt war echt spooky. Da wurde rumgezetert, gemault, geschimpft, über Menschenhandel und ausgebeutete Frauen schwadroniert, von Menschenwürde, Ehre, Anstand und was weiß ich noch alles. Weil sich zwei Menschen dazu entschieden haben, ein Kind in die Welt zu setzen. Dabei geholfen wurde mit einem professionellen und legalen Verfahren in den USA – nein, hier wurde keine verzweifelte Frau aus der Dritten Welt missbraucht und ausgebeutet. Alle Beteiligten waren einverstanden. Aber gut, manche Menschen brauchen offenbar jeden Tag etwas, worüber sie sich moralisch aufregen können. Es sind nur leider verdammt viele.

Besonders amüsant find ich übrigens jene, die selbst keine Kinder haben und trotzdem am lautesten mitmischen. Wer selbst nie Vater oder Mutter war und nie diese Verantwortung getragen hat, der sollte ganz klar die Klappe halten, wenn es um den Kinderwunsch anderer geht. Punkt.

Wie bitte? Was sagen Sie da hinten in der letzten Reihe mit dem lustigen Micro Pony? Es gibt Gesetze, die eine Leihmutterschaft verbieten? Stimmt. Und? Weiter? Ach so, was ich dazu sage? Nun: Falsche Gesetze sind zum Brechen da.

Aber zurück zu Dir und Deiner Familie, kleiner Georg. Weißt Du, Dein Vater Jens hat sich früher mal kritisch zur Leihmutterschaft geäußert. Dafür wird ihm jetzt genüsslich Scheinheiligkeit vorgeworfen. Ich sehe das anders. Der Kopf ist rund, damit die Gedanken sich drehen können. Es zeugt sogar von einer gewissen Größe, wenn jemand seine Meinung überdenkt und sich am Ende anders entscheidet, weil das Leben ihn eines Besseren belehrt hat.

Übrigens war ich mit vielen politischen Entscheidungen deines Vaters Jens während der Corona-Zeit nicht einverstanden, milde formuliert. Und vieles davon werde ich auch nicht verzeihen – auch wenn er sich das in seinem Buch von Herzen wünscht. Nope, Sir, too much damage.

Aber dass er ein Kind bekommen wollte, hat damit nicht das Geringste zu tun. Das ist nicht die Entscheidung eines Politikers, sondern die eines Menschen, der sich nichts sehnlicher gewünscht hat als dich. Diese beiden Dinge muss man strikt trennen.

Ein Kind großzuziehen ist übrigens die größte und schönste Verantwortung, die es gibt. Und dass deine Väter dich so sehr wollten, dass sie diesen Weg gegangen sind, sagt alles über die Liebe, mit der du aufwachsen wirst.

Mach was Großes aus deinem Leben, Georg. Sei mutig, sei neugierig, sei gut zu den Menschen. Du bist von Anfang an gewollt. Du wirst geliebt. Und nur das zählt wirklich.

PS: Ach, und wenn du mal mit deinen Eltern sprichst, richte ihnen einen ganz lieben Gruß aus. Als Papa braucht man ein dickes Fell – sie sollen sich schon mal daran gewöhnen. Ich weiß, wovon ich spreche. Und sag'  ihnen bitte auch: Papa sein ist der tollste Job der Welt. Versprochen.

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