Office Ukraine: Das Kultur-Vernetzungsbüro im Dauerkrieg
Initiative
Office Ukraine: Das Kultur-Vernetzungsbüro im Dauerkrieg
Seit 2022 unterstützt die österreichische Initiative ukrainische Geflüchtete aus dem Kunstbereich. Wie genau wird geholfen? Eine Ausstellung möchte Awareness schaffen
Katharina Rustler
Zwei Jahre nachdem Russland die Ukraine in den Krieg gezwungen hatte, besuchte Yaroslava Melnychenko ihre Heimatstadt Kyjiw. Dort bekam die junge Studentin Zutritt zu dem Nationalmuseum Taras Schewtschenko, in dem die russische Invasion ihre Spuren hinterlassen hat. Nicht in Form von Zerstörung, sondern von Leere. Die Möbelstücke waren abgedeckt, die historischen Kunstwerke längst evakuiert und in Sicherheit gebracht worden. An den Wänden zeugten nur noch rechteckige Stellen von den einst dort angebrachten Ölgemälden.
Melnychenko fotografierte diese Räume und hielt die gegenwärtige Situation fest. Seitdem beschäftigt sich die Künstlerin mit jenen erzwungenen Leerstellen, die der Krieg in der ukrainischen Hauptstadt hinterlassen hat: leere Sockel nach dem Abbau sowjetischer Monumente, Metallgitter statt Kunstwerken oder verhüllte Denkmäler im öffentlichen Raum. Für Melnychenko besteht die Hoffnung, dass die Werke eines Tages in die Museen zurückkehren können, sagt sie. Bis dahin seien viele Einrichtungen dennoch geöffnet und würden Reproduktionen sowie zeitgenössische Kunst zeigen. Im Frühjahr wurden sogar Melnychenkos Fotos in dem von ihr dokumentierten Museum ausgestellt.
Bereits 2023 war Melnychenko mit nur 20 Jahren nach Wien geflohen, wo sie bis heute lebt. Wie vielen vertriebenen Kunstschaffenden aus der Ukraine wurde ihr in Österreich von Office Ukraine geholfen – heute studiert sie Fotografie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Die Initiative wurde von mehreren Organisationen nur wenige Tage nach dem russischen Angriffskrieg gegründet und wird bis heute vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) gefördert. Seit vier Jahren gilt Office Ukraine als Vernetzungsbüro mit Sitzen in Wien, Graz und Innsbruck.
Hilfe im Dschungel
"Wichtigstes Ziel von Office Ukraine ist es, vertriebenen ukrainischen Künstler:innen und Kulturarbeitenden die Fortsetzung ihrer künstlerischen Arbeit in ihren jeweiligen Feldern in Österreich zu ermöglichen und sie mit der österreichischen Kunstszene zu vernetzen", sagt Susanne Jäger von Office Ukraine. Zu Beginn des Krieges seien natürlich schnelle Hilfen wie Wohnungsvermittlung wichtig gewesen. In dem kleinen Büro im Wiener Museumsquartier sei etwa plötzlich eine Frau mit zwei kleinen Kindern gestanden, die um Unterstützung gebeten hatte, erinnert sich Jäger.
Erst im Frühjahr dieses Jahres brachte man einen "Austria Art Survival Guide" heraus, der von ganz praktischer Erstorientierung in Österreich, über Versicherungsmöglichkeiten bis zu Förderungen und Anlaufstellen im Kulturbereich reicht. Da es vielen Personen aus der Ukraine, die Office Ukraine aufsuchten, meist um ähnliche Anliegen und Fragen ging, versuchte man, einen Leitfaden zu erstellen, um "sich im Dschungel des österreichischen Verwaltungssystems zurechtzufinden", wie es dazu heißt.
Heute geht es neben der Vermittlung vor allem um das Schaffen von Sichtbarkeit. Zwar möchte das aus dem Team niemand direkt aussprechen, aber nach mehr als vier Jahren, ist die öffentliche Präsenz des Krieges in der Ukraine deutlich zurückgegangen. Der Fokus hat sich verschoben, der Krisenzustand scheint "normal" geworden. Mit ihren Projekten möchte Office Ukraine auf die weiterhin sehr schwierige Situation der Ukraine und der dortigen Bevölkerung hinweisen, betont Jäger. Man möchte Awareness schaffen.
Kooperationen und Events
Insgesamt wurden seit der Gründung 560 Treffen und Events organisiert, bei denen circa 1300 ukrainische Künstlerinnen und Kulturarbeitende aller Sparten zusammengearbeitet haben. 180 Events und Ausstellungen fanden allein in Wien statt, darunter im Ausstellungsraum Exhibit der Akademie der bildenden Künste, der Secession oder dem Mumok-Kino. Für Oktober ist eine internationale Konferenz im Kunsthaus Graz geplant, um ein länderübergreifendes Netzwerk sowie neue Kooperationsformate zu entwickeln.
Dieser Tage eröffnet in der Erste Stiftung in Wien die Gruppenpräsentation After the Winter, die bis Mitte August im Schaufenster präsentiert wird und somit 24 Stunden am Tag öffentlich zu sehen ist. Insgesamt werden dort Werke von 15 Künstlern und Künstlerinnen vorgestellt, viele leben im Ausland, manche aber auch in der Ukraine. Allen geht es im Grunde darum, wie Krieg Wahrnehmung, Alltag und künstlerische Praxis verändert. Die Arbeiten drehen sich um Verlust, Kälte, Gefahr, Stromausfälle, Vertreibung oder dem Alltag an der Front.
Erfolgsgeschichte
Eine Erfolgsgeschichte, bei der Office Ukraine eine wichtige Vermittlungsrolle einnahm, ist die von Kateryna Lysovenko. Die junge Künstlerin und Mutter flüchtete 2022 mit ihren Kindern über Polen nach Österreich und landete in Graz. In der Steiermark konnte sie über das Universalmuseum Joanneum einen geeigneten Wohnraum samt Atelier finden. Mittlerweile lebt sie in Wien, man kennt ihren Namen in der Kunstszene.
Ihre figurativen Gemälde – meist sind es Frauen, oft Mütter mit ihren Kindern, in leuchtend hellen Tönen – zeigte sie auch international, wie etwa auf der Biennale in Venedig oder hierzulande beim Steirischen Herbst oder im Salzburger Kunstverein. Und als Gewinnerin des Münze Kunstpreises wird Lysovenko im September im Museum für angewandte Kunst (Mak) in Wien ausstellen. Nicht in einer Gruppenschau, sondern allein. (Katharina Rustler, 18.7.2026)
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