Spahns Entscheidung: Ein Land ohne Kinder diskutiert die falschen Fragen
Politische Debatten erzählen oft mehr über eine Gesellschaft als ihr eigentlicher Anlass. Sie zeigen, worüber gestritten wird und worüber nicht. Der Streit um Jens Spahn, der schließlich in seinem Rücktritt als Vorsitzender der Unionsfraktion mündete, ist dafür nur eines von unzähligen Beispielen.
Seit bekannt wurde, dass der Christdemokrat und sein Ehemann mithilfe einer Leihmutter Eltern geworden sind, wird über Moral, Doppelmoral und christliche Werte diskutiert. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob ein CDU-Politiker privat etwas in Anspruch nehmen darf, was seine Partei politisch ablehnt. Diese Frage zu stellen, ist legitim. Sie greift jedoch zu kurz. Denn sie lenkt den Blick von einer Entwicklung ab, deren Folgen in Teilen Ostdeutschlands längst sichtbar sind und die in den kommenden Jahren ganz Deutschland beschäftigen wird.
Die Politik kennt nur eine Richtung: Passivität
Seit Jahren werden deutlich weniger Kinder geboren, als für den Erhalt seiner Bevölkerung nötig wären. In Deutschland kamen zuletzt 654.241 Kinder pro Jahr zur Welt. Dies entspricht der niedrigsten Geburtenzahl seit 1946. Schon jetzt werden Schule geschlossen, weil Schüler fehlen. In ländlichen Regionen verschwinden Arztpraxen und Krankenhäuser. Gleichzeitig wächst der Anteil jener, die auf Pflege und medizinische Versorgung angewiesen sind. Eine kleiner werdende Zahl Erwerbstätiger muss Strukturen finanzieren, die für eine deutlich größere Bevölkerung geschaffen wurden.
Besonders weit fortgeschritten ist diese Entwicklung in Ostdeutschland. Seit der Wiedervereinigung haben mehr als 1,2 Millionen Menschen die neuen Bundesländer in Richtung Westen verlassen, darunter überproportional viele junge Erwachsene und gut ausgebildete Frauen. Besonders in Sachsen-Anhalt ist zu beobachten, wohin diese Entwicklung führt. Anfang der 1990er-Jahre lebten dort noch rund 2,8 Millionen Menschen, Ende 2025 waren es nur noch 2,12 Millionen. Gleichzeitig wurden 2025 lediglich 11.978 Kinder geboren und damit so wenige wie noch nie.
Der politische Umgang damit ist auffallend passiv. Zwar wird regelmäßig vor Fachkräftemangel, steigenden Sozialausgaben und der Überlastung der Rentenversicherung gewarnt. Sobald es jedoch um die Voraussetzungen geht, unter denen Menschen Kinder bekommen können, verengt sich die Diskussion. Dann geht es um Betreuung, finanzielle Leistungen oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. All das ist wichtig. Doch ein Teil der Bevölkerung kommt in dieser Debatte kaum vor: Menschen, die Kinder haben möchten, sie aber ohne medizinische Hilfe oder die Unterstützung Dritter nicht bekommen können.
Leihmutterschaft ist keine Lösung für die demografischen Probleme Deutschlands. Die Zahl der Kinder, die auf diesem Weg geboren werden könnten, wäre dafür viel zu gering. Das ist allerdings auch nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, welche Haltung eine Gesellschaft gegenüber Menschen einnimmt, die eine Familie gründen wollen. Betrachtet sie ihren Wunsch ausschließlich als private Angelegenheit, die dort endet, wo medizinische, rechtliche oder ethische Schwierigkeiten beginnen? Oder erkennt sie darin auch ein gesellschaftliches Interesse, ohne daraus einen Anspruch auf ein Kind abzuleiten?
Jens Spahn ist als Unionsfraktionschef zurückgetreten, weil er mit seinem Mann mit Hilfe einer Leihmutter Nachwuchs bekam und massiv kritisiert wurde.
© Thomas Banneyer/dpa
Genau diese Abwägung fehlt in der gegenwärtigen Diskussion. Der Kinderwunsch wird entweder romantisiert oder moralisch problematisiert. Schwarz und weiß. Von möglichen Graustufen scheint man sich längst verabschiedet zu haben.
Dabei müsste eine alternde Gesellschaft ein besonderes Interesse daran haben, Familiengründung zumindest nicht unnötig zu erschweren, unabhängig davon, ob es um heterosexuelle oder homosexuelle Paare, alleinstehende Menschen, künstliche Befruchtung, Adoption oder Leihmutterschaft geht.
Verbote verlagern offene Fragen ins Ausland
Doch sobald es in Deutschland ums Kinderkriegen geht, wird es kompliziert. Denn in Deutschland ist die Leihmutterschaft faktisch verboten. Ärzte dürfen keine künstliche Befruchtung vornehmen, wenn die Frau das Kind nach der Geburt an andere abgeben will. Auch die Vermittlung einer Leihmutter ist untersagt. Hinter diesen Regelungen steht vor allem der Versuch, Frauen und Kinder vor wirtschaftlicher Ausbeutung und rechtlichen Abhängigkeiten zu schützen.
Dieser Ansatz ist mehr als nachvollziehbar, da die Leihmutterschaft grundlegende Fragen aufwirft, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Was geschieht, wenn eine Frau während der Schwangerschaft ihre Entscheidung bereut? Wer bestimmt über medizinische Eingriffe oder einen Schwangerschaftsabbruch? Wie frei ist eine Entscheidung, wenn finanzielle Not eine Rolle spielt? Und was bedeutet es für ein Kind, wenn seine Geburt Gegenstand eines Vertrages war?
Diese Einwände lassen sich nicht mit dem Verweis auf einen unerfüllten Kinderwunsch beiseiteschieben. Niemand hat einen Anspruch auf ein eigenes Kind. Auch eine liberale Gesellschaft muss Grenzen ziehen, wenn die Selbstbestimmung eines Menschen mit den Interessen und Rechten eines anderen kollidiert. Doch ein Verbot löst den zugrunde liegenden Konflikt nicht. Es verhindert weder den Wunsch nach einem Kind noch die Suche nach Wegen, ihn zu erfüllen.
Wer in Deutschland lebt und sich dennoch für eine Leihmutterschaft entscheidet, weicht ins Ausland aus. Je nach rechtlicher Lage entscheiden sich Paare für die USA, Kanada oder die Ukraine, in denen Leihmutterschaft unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist. Die deutsche Rechtslage wird entsprechend umgangen. Damit verlagern sich allerdings auch die ethischen Fragen. Deutschland kann weder Einfluss darauf nehmen, unter welchen Bedingungen Leihmütter im Ausland leben und arbeiten, noch welche Schutzmechanismen dort gelten.
Gleiche Probleme, andere Lösungsansätze: Israel weist seit Jahren die höchste Geburtenrate aller OECD-Staaten auf.
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Genau hier lohnt der Blick über die eigenen Grenzen. Denn Deutschland ist mit diesem Spannungsfeld keineswegs allein. Andere Staaten stehen vor denselben ethischen Fragen. Israel hat auf diese Fragen jedoch andere Antworten gefunden und geht mit ähnlichen demografischen Entwicklungen vollkommen anders um.
Das Land weist seit Jahren die höchste Geburtenrate aller OECD-Staaten auf. Gleichzeitig investiert kaum ein anderer westlicher Staat so umfassend in die Reproduktionsmedizin. Künstliche Befruchtungen werden in großem Umfang von den Krankenkassen übernommen, Leihmutterschaft ist unter gesetzlich geregelten Voraussetzungen erlaubt und wurde in den vergangenen Jahren schrittweise auch für weitere Personengruppen geöffnet.
Familiengründung als gesellschaftliche Aufgabe
Das allein erklärt die hohen Geburtenzahlen selbstverständlich nicht. Religiöse Prägungen, kulturelle Traditionen, die besondere Sicherheitslage des Landes und ein ausgeprägtes Familienverständnis spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Gerade deshalb wäre es verkürzt, Israel als Blaupause für Deutschland zu betrachten.
Dennoch macht der Vergleich einen grundlegenden Unterschied sichtbar. Während in Deutschland vor allem darüber gesprochen wird, wo die Grenzen des Kinderwunsches liegen, beschäftigt sich Israel stärker mit der Frage, wie sich dieser Wunsch verantwortungsvoll ermöglichen lässt. Der Staat versteht Familiengründung nicht allein als private Angelegenheit, sondern auch als gesellschaftliche Aufgabe.
Genau darin liegt der eigentliche Kontrast. Deutschland muss den israelischen Weg nicht übernehmen. Aber es sollte sich die Frage stellen, ob der Kinderwunsch hierzulande noch immer überwiegend als individuelles Problem behandelt wird, obwohl seine Folgen längst die gesamte Gesellschaft betreffen.
Vielleicht beginnt eine zukunftsfähige Familienpolitik deshalb nicht mit der Frage, was verboten werden sollte. Sondern mit einer anderen: Welchen Stellenwert misst Deutschland dem Kinderwunsch seiner Bürger in einer Gesellschaft bei, die jedes Jahr älter und kleiner wird?
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