Oktoberfest: Warum die Wiesn ein Politikum ist


Das Münchner Oktoberfest ist das größte Volksfest der Welt. Allein in dieser Feststellung stecken zwei Gründe, warum es sich bestens zur Indienstnahme durch die bayerische Politik eignet.

Der Glaube, die Nummer eins zu sein – Sonnenland Nummer eins, Sportland Nummer eins, Bildungsland Nummer eins –, ist im Freistaat tief verwurzelt. Nicht immer hält er allerdings einem Realitätscheck stand. In Brüssel etwa wird selbst unter dort tätigen CSU-Politikern bisweilen die Selbstüberschätzung der bayerischen Freunde belächelt. Da ist es umso wichtiger, wenn man auf einem Feld wirklich unbestreitbar ganz vorne liegt.

Beim Oktoberfest ist das der Fall. Das sieht man schon daran, dass Leute aus aller Welt extra anreisen, um sich, wie Ministerpräsident Markus Söder zu sagen pflegt, in Dirndl und Lederhosen zumindest einen Tag wie richtige Bayern fühlen zu können.

Der Begriff „Volksfest“ suggeriert, dass alle mitmachen dürfen

Selbst der frühere Apple-CEO Tim Cook konnte sich dem Sog der Wiesn nicht entziehen. Nach seinem Besuch 2022 twitterte er: „Schee, dass ma wieder amoi gmiadlich zamsitzn. So happy to be back to Oktoberfest. Prost!“ Ein paar Monate später kaufte sein Konzern für 251 Millionen ein Grundstück mitten in München. Mitglieder der Staatsregierung sind sicher, dass weiche Standortfaktoren wie das Oktoberfest dabei eine Rolle gespielt haben.

Dessen Wert zeigt sich auch daran, dass es unzählige Wiesn-Kopien gibt, denen das Original, obschon sie an dieses nicht heranreichen, immer noch genügend Abglanz verleiht. Einen wahren Run von Leuten, denen es nach einer Reservierung und einer Maß Bier dürstet, gibt es alljährlich etwa auf das Oktoberfest in Brüssel. Nicht zuletzt EU-Beamte stillen dort die allgemeinmenschliche Sehnsucht nach Autochthonie.

Nicht unbedingt eine urige Berghütte: Die Festhalle Schottenhamel auf der 191. Wiesn
Nicht unbedingt eine urige Berghütte: Die Festhalle Schottenhamel auf der 191. Wiesndpa

Sodann der Begriff: Volksfest. Er suggeriert, dass hier alle mitmachen dürfen – ein Eindruck, den zu erwecken gerade einer Volkspartei wie der CSU sehr wichtig ist. Nicht ohne Grund hat Parteichef Söder zuletzt als positives Beispiel für die von ihm geforderte „neue Nähe zum Volk“ die Anwesenheit von CSU-Politikern auf dem Oktoberfest genannt.

Oberflächlich betrachtet ist das Oktoberfest tatsächlich fürs ganze Volk: Jeder kann hin, es kostet nichts, zumindest dann, wenn man nur dabei zuschaut, wie andere sich amüsieren. Die Wiesn eignet sich auch für volksnahe Positionierungen. Der heutige grüne Oberbürgermeister Dominik Krause etwa hat im Wahlkampf einen Bierpreisstopp gefordert. Und die Stadt hat inzwischen verboten, in Zelten Champagner zu verspritzen.

Söder feiert bayerischen Glanz statt preußischer Nüchternheit

Zum Gesamtbild gehört aber auch, dass die Leute den Champagner bisweilen nur verspritzt haben, um auf so viel Umsatz zu kommen, dass ihnen die Reservierung fürs nächste Jahr sicher war. Man sieht: Bei aller Volksnähe bietet gerade das Oktoberfest genügend Distinktionsmöglichkeiten, um nicht in den Ruch des Sozialismus zu kommen, was in Bayern bekanntlich gefährlich sein kann.

Ein entscheidender Aspekt bayerischer Identitätsbildung ist bis heute auch die demonstrative Distanzierung von Berlin. Auch dafür eignet sich das Oktoberfest allerbestens. In der bayerischen Selbstsicht („It’s nice to be a Preiß, but it’s higher to be a Bayer“) erscheint Berlin in zweierlei Gestalt: Als Hauptstadt der angeblich verbissenen Preußen, die es nicht so haben mit dem Leben und Leben-Lassen. Bei seinem Neujahrsempfang in der Münchner Residenz rief Söder: „So sind wir Bayern, statt preußischer Nüchternheit bayerischer Glanz!“ Und im Zusammenhang mit AfD-Chefin Alice Weidel sprach er jüngst sogar von „dieser preußischen Brutalität“.

Festzelte sollen an Berghütten erinnern

Berlin erscheint aber auch als Babylon: Dort wird dann sehr wohl Party gemacht, aber im Beisein des Remmo-Clans, kiffend, auf Kosten anderer – Stichwort Länderfinanzausgleich – sowie im Chaos endend. Bayern hingegen ist das Land, wo man Großereignisse wie das Oktoberfest im Griff hat, wo gefeiert wird, weil man es sich verdient hat und weil man es sich leisten kann. Und wo man auch weiß, wann es wieder vorbei ist.

Zum Bild, das die Bewohner und andere sich von Bayern machen, gehört das Ländliche: der Kirchturm, die Berge, die Seen. Dazu passen die Vorstellung von München als „Weltstadt mit Herz“, als großes Dorf, und der Name „Theresienwiese“, der eher an saftiges Gras als an die Betonwüste denken lässt, um die es sich über weite Strecken des Jahres handelt. Nicht zuletzt passen dazu auch die Festzelte, die, auch wenn sie mehrere Tausend Leute fassen, das Flair uriger Berghütten verströmen sollen.

Die Bayern haben es geschafft, der Welt den Eindruck zu vermitteln, dass es völlig klar sei, wer sie sind: Mia san mia. Dabei ist das Freistaatsgebiet durchaus disparat. Der Historiker Bernhard Löffler hat in seinem Buch „Das Land der Bayern“ dargestellt, dass die bayerische Identität nichts Naturgegebenes, Objektives sei, sondern das Ergebnis eines „Region Building“-Prozesses. „Mit der Tracht und der gezielten Brauchtumsförderung wollten bayerische Monarchen wie Politiker Heimatlichkeit verdeutlichen und Dynastie bzw. Regierung im Volk verankern.“

Auch das Oktoberfest gehört in diesen Kontext, mehr denn je. Fern die Zeiten, dass die Frau des Franken Günther Beckstein sich weigerte, auf der Wiesn ein Dirndl anzuziehen. Heute tragen selbst die Grünen Tracht. Und der Franke Söder sowieso.