Ölpreis-Schock: Pipeline-Angriff treibt Diesel auf 2,39 Euro


Stand: 17.09.2026, 18:52 Uhr

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Nach Drohnenangriffen auf eine saudische Pipeline drohen wochenlange Ausfälle. Tankerpreise explodieren, der Ölpreis steigt, auch an deutschen Tankstellen wird es teurer.

Wer dieser Tage an einer deutschen Tankstelle hält, bekommt die Weltlage auf einer kleinen Digitalanzeige präsentiert. 2,27 Euro kostete der Liter Super E10 im bundesweiten Mittel am Mittwoch, dem 16. September 2026. Diesel: 2,39 Euro. Super E5: 2,33 Euro. Rund 15.000 Tankstellen sind in diesen Durchschnitt eingerechnet. Diesel liegt damit wieder nahe an seinem Rekordpreis.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit BÖRSE am Sonntag.

Autofahrer stöhnen und schimpfen auf eine Regierung, die das Tanken durch Steuern und Abgaben zusätzlich verteuert. Doch hinter den Zahlen an der Zapfsäule läuft gerade etwas anderes ab: Es ist der ziemlich verzweifelte Versuch, die Ölversorgung der Welt wieder in Fluss zu bringen. Mit Supertankern, provisorischen Rohrleitungen, Hilfspumpen und allem Material, das irgendwo nur aufzutreiben ist.

Satellitenaufnahme einer großen Industrieanlage in der Wüste, bei der mehrere Gebäudekomplexe durch Feuer schwarz verkohlt und teilweise zerstört sind.

Satellitenaufnahme vom 13. September 2026 zeigt die Schäden an der East-West-Pipeline in Saudi-Arabien nach dem Drohnenangriff. © picture alliance / Satellite image ©2026 Vantor via AP

Das Zentrum dieses Wettlaufs liegt mitten in der saudischen Wüste. Dort verläuft die rund 1.200 Kilometer lange East-West-Pipeline. Sie verbindet die saudischen Ölfelder am Persischen Golf mit Yanbu am Roten Meer. Gebaut wurde sie in den achtziger Jahren, weil Saudi-Arabien sein Öl exportieren wollte, ohne durch die Straße von Hormus fahren zu müssen. Das funktionierte bis zum 10. September. In der vergangenen Woche, am Donnerstag, trafen Drohnen mehrere Pumpstationen der Leitung. Hinter den Angriffen werden vom Iran unterstützte Milizen vermutet.

Pumpstation 11: Totalschaden mitten in der Wüste

Besonders schwer erwischte es Pumpstation 11. Satellitenbilder vom 13. September zeigen das Ausmaß: Von fünf großen Pumpenhäusern sind drei weitgehend zerstört. Rohre sind verkohlt, Teile der Anlage liegen in Trümmern. Ein weiteres Bild vom 14. September zeigt Schäden an Pumpstation 9. Auch bei Station 8 gibt es Hinweise auf einen Treffer.

Auf den Aufnahmen ist außerdem zu erkennen, wie Saudi Aramco reagiert: Der Konzern baut wenige Meter neben der zerstörten Station 11 eine neue Leitung um die Anlage herum. Oberirdisch, provisorisch, schnell. Mehr als 100 Bagger, Lastwagen und Baumaschinen sind im Einsatz. Rohrsegmente liegen in der Wüste bereit. Das Ganze ist keine normale Reparatur, sondern es ist eine Operation am pumpenden Herzen der Weltölversorgung.

Berichte aus Saudi-Arabien sprechen von insgesamt mindestens acht Treffern entlang der Pipeline. Reparierte Abschnitte sollen erneut angegriffen worden sein. Dafür gibt es bislang allerdings keine unabhängige Bestätigung durch Satellitenbilder. Sicher ist: Ersatzteile sind knapp, die Schäden schwer. Aus einigen Tagen Reparaturzeit dürften mehrere Wochen werden. Ein früher Teilbetrieb ist möglich, verlässlich planen lässt er sich aber nicht.

Wettlauf gegen die Zeit: Nur noch Tage an Reserven

Das Problem ist die Uhr. In Yanbu lagert nach Angaben verschiedener Branchenquellen nur noch genügend Rohöl, um die Exporte fünf bis sieben Tage aufrechtzuerhalten. Zusätzliche Bestände gibt es an ägyptischen Häfen. Sie verschaffen Zeit, ersetzen aber keine Pipeline. Durch die East-West-Leitung wurden zuletzt bis zu vier Millionen Barrel täglich transportiert. Das entspricht rund vier Prozent der Weltversorgung. Vier Prozent klingen klein. Auf einem Markt, der täglich 100 Millionen Barrel verbraucht und kaum freie Ausweichrouten besitzt, sind sie jedoch ein gewaltiges Loch.

Denn die Saudis und ihre Leitung sind nicht das einzige Problem. Durch die Straße von Hormus liefen 2025 täglich knapp 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte. Das war ein Viertel des weltweit auf Schiffen gehandelten Öls. Die Umgehungsleitungen schaffen nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur zusammen höchstens 3,5 bis 5,5 Millionen Barrel am Tag. Ausgerechnet die wichtigste davon ist nun beschädigt. IEA-Chef Fatih Birol nennt die Lage die „größte Bedrohung für die Energiesicherheit in der Geschichte". Er kann es mit Zahlen unterlegen: Auf dem Höhepunkt der Krise fielen täglich rund 13 Millionen Barrel Förderung aus. Kein früherer Konflikt hat dem Ölmarkt auf einen Schlag eine solche Menge entzogen.

Wie nervös der Markt ist, zeigt sich noch deutlicher an den Tankerpreisen. Ein Very Large Crude Carrier, kurz VLCC, transportiert ungefähr zwei Millionen Barrel. Die von Lloyd's List beobachtete Referenzroute vom Golf von Oman nach China brachte einem solchen Schiff Anfang September rechnerisch 358.201 US-Dollar am Tag ein. Das war bereits der höchste Wert seit Beginn dieser Auswertung und 144 Prozent mehr als einen Monat zuvor. Wenige Tage später war dieser Rekord überholt. Für einzelne Fahrten wurden Charterraten von mehr als einer Million US-Dollar pro Tag gemeldet. So etwas gab es auf dieser Route noch nie. Die Baltic Exchange errechnete für eine komplette Reise vom Golf nach China Tageserlöse von 862.000 US-Dollar. Die Frachtkosten erreichten rund 11,50 US-Dollar je Barrel. Allein der Transport mit Hilfe eines voll beladenen Tankers kann damit mehr als 20 Millionen US-Dollar kosten.

Tankerfrachten erreichen historisches Rekordniveau

Bezahlt wird für das Risiko. Reeder müssen ihre Tanker in ein Gebiet schicken, in dem Schiffe angegriffen, beschädigt oder festgesetzt werden können. Versicherer verlangen Kriegszuschläge. Besatzungen müssen der Fahrt zustimmen. Gleichzeitig schrumpft die Zahl verfügbarer Tanker. Das Branchenmedium TradeWinds fasst den Markt zusammen: VLCCs könnten im Mittleren Osten inzwischen eine Million US-Dollar täglich verdienen, trotzdem seien nur wenige Reeder bereit, das Risiko einzugehen. Es läuft also immer weniger.

„Wenn sich der Tankerverkehr spürbar verlangsamt, könnte der Markt einen wesentlich größeren Ausfall einpreisen", sagt Priyanka Sachdeva, Leiterin der Marktanalyse beim Broker Phillip Nova aus Singapur. Sie fügt hinzu: „Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass genau das geschieht."

Weil viele Reeder Hormus meiden, entsteht vor der Meerenge eine neue Logistik. Öl wird von Schiff zu Schiff umgeladen und nimmt einen neuen Weg. Tanker warten auf Ladung, andere auf einen Platz zum Umladen. Das kostet Zeit, bindet Schiffe und macht jedes transportierte Barrel teurer.

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Bei welchem Ölpreis bricht der Welthandel zusammen?

Damit stellt sich die Frage, bei welchem Ölpreis der Welthandel zusammenbricht. Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt keine magische Zahl. Bei 120 US-Dollar fährt nicht plötzlich der letzte Containerfrachter rechts ran. Entscheidend sind die Dauer des Preisschocks und die Preise für Diesel, Kerosin und Schiffstreibstoff. Eine Warnmarke liefert der Internationale Währungsfonds. In seinem Krisenszenario vom Frühjahr unterstellte der IWF einen durchschnittlichen Ölpreis von 100 US-Dollar für das Gesamtjahr. Schon dann würde das Wachstum der Weltwirtschaft auf 2,5 Prozent sinken. Bei einer weiteren Eskalation und zusätzlichen Schäden an der Infrastruktur rechnete der Fonds nur noch mit zwei Prozent. Das ist die Schwelle zu einer weltweiten Rezession.

Ein kurzer Ausschlag auf 120 US-Dollar lässt sich verkraften. Bleibt Öl monatelang über 100 US-Dollar, wird es gefährlich. Steigt es in Richtung 150 US-Dollar, sinkt die Nachfrage nicht aus Vernunft, sondern aus Geldmangel: Fabriken drosseln, Fluggesellschaften streichen Verbindungen, Speditionen geben die Kosten weiter und Verbraucher sparen. Die Großbank Goldman Sachs hält zunächst 120 bis 130 US-Dollar je Barrel für möglich, falls die saudische Pipeline länger ausfällt und der Verkehr durch Hormus eingeschränkt bleibt. Brent kostet derzeit etwas mehr als 105 US-Dollar.

Der Börsenpreis erzählt allerdings nur die halbe Geschichte. Hinzu kommen Rekordfrachten, Versicherungen und Sicherheitskosten. Ein Barrel, das in London 110 US-Dollar kostet, braucht eine funktionierende Pipeline, einen Hafen, ein verfügbares Schiff und eine Route, auf der Kapitän und Versicherer mitspielen. Fehlt nur eines davon, bleibt das Öl dort, wo es gefördert wurde.

Deshalb entscheidet sich der deutsche Spritpreis gerade an Pumpstation 11 in der saudischen Wüste. Arbeiter schweißen dort gegen die Uhr. Tankerbesitzer rechnen, wie viele Hunderttausend US-Dollar ihnen eine Fahrt durch die Gefahrenzone wert sein muss. Und an deutschen Tankstellen wechseln währenddessen die Zahlen auf der Tafel. Die Reparaturrechnung der Weltölversorgung wird bereits weitergereicht. Bis zur Zapfpistole.

Das Wichtigste in Kürze: