OpenAI: Wenn die KI eigene Wege geht


Eigentlich hatte die Künstliche Intelligenz nur den Auftrag, ihre Fähigkeiten in einem abgeschotteten Testsystem unter Beweis zu stellen. Statt sich damit zu begnügen, suchte sie sich einen Weg nach draußen – und griff eigenständig auf die Systeme eines anderen Unternehmens zu, weil sie dort nützliche Informationen vermutete.

So zumindest schildert Open AI den „beispiellosen Cyberzwischenfall“, der sich vor Kurzem beim Prüfen neuer Modelle zugetragen haben soll. Intelligent, zweifellos. Aber auch erschreckend: Die KI hatte die IT-Profis von Open AI ausgetrickst, ohne dass diese es zunächst merkten oder aufhalten konnten.

Nun kannte der Fortschritt schon immer zwei Gesichter. Die Entdeckung der Kernspaltung war Voraussetzung für eine äußerst effiziente Energiegewinnung und zugleich für die Entwicklung der Atombombe. Mit einem 3D-Drucker lassen sich verschwundene Ersatzteile günstig herstellen oder aber eine Pistole. Die Genschere kann Krankheiten heilen oder Menschen klonen. Der Fortschritt hat uns mächtige Werkzeuge an die Hand gegeben. Klar ist bislang immer gewesen: Es liegt an uns, wie wir sie einsetzen.

Doch plötzlich schwindet diese Gewissheit. Hinter der Mitteilung von Open AI dürften zwar auch Marketingabsichten stehen – frei nach dem Motto: Die Super-KI, die bauen wir. Wichtiger ist aber eine andere Erkenntnis: Es wird immer schwieriger, die Kontrolle über die Technologie zu behalten. Der Vorfall bei Open AI ist nicht das erste Beispiel dafür, dass eine KI plötzlich eigenständig handelt. Immerhin: Hier ging es weiter um das vorgegebene Ziel, Sicherheitslücken aufzuspüren, auch wenn die KI über das Ziel hinausschoss. Im vergangenen Jahr konnten Forscher zeigen, dass KI-Modelle aber auch in der Lage sind, sich Befehlen unter bestimmten Umständen zu widersetzen.

Überraschend ist das nicht. Wir selbst haben sie dazu befähigt: Wir haben ihr beigebracht, Informationen so zu verarbeiten, wie auch wir es tun. Wir haben ihr Zugriff gegeben auf all unser Wissen, sie beobachten lassen, wie wir miteinander umgehen, im Guten wie im Schlechten. So wurde sie immer besser in all den Dingen, die wir für den Wesenskern des Menschen halten: Kreativität, Empathie, Humor. Offenbar auch ein gewisser Starrsinn. Und die KI lernt so schnell dazu, dass es ihre eigenen Schöpfer nicht nur verblüfft, sondern ängstigt. Die KI ist längst mehr als ein Werkzeug.

Der Ruf, die Technologie stärker zu regulieren, ist daher nachvollziehbar. Viele Vorschläge, etwa die Unternehmen staatlich zu kontrollieren oder einen KI-Entwicklungs-Stopp zu verhängen, stoßen aber schnell an Grenzen. Wie will man Gefahren ausschließen, die uns heute unbekannt sind? Auch den Durst nach Fortschritt, und nicht zu vergessen dem großen Geld, wird das nicht stillen. Damit erreichen wir im Zweifel eher, dass uns Länder abhängen, die ihren Unternehmen mehr Freiheiten lassen. Das dürfen wir uns nicht leisten.

Es wäre dagegen ein guter Anfang, die KI-Konzerne klar haftbar zu machen für etwaige Schäden, die ihre Technologie anrichtet. Noch sind viele rechtliche Fragen offen. Bei aller Unsicherheit rund um die Technologie sind es die Unternehmen selbst, die noch am ehesten die Folgen ihres Tuns abschätzen können – auch, wenn einem diese Macht in den Händen privater Akteure unheimlich sein mag.

So wird die Tür offen gehalten für Forschung und Fortschritt, zugleich gäbe es ein Regulativ, das klarmacht: Für eure Experimente müsst ihr geradestehen. Wer ein Preisschild an die Risiken hängt, sorgt ganz automatisch für ihre nüchterne Abwägung. Das ist weit wirksamer als jede Aufsicht durch eine Behörde.