Pappe für die Demokratie: Wahlplakate nerven – und sind wichtiger denn je
Wer in Berlin seit einigen Tagen vor die Tür tritt, hat keine Chance, unbehelligt an ihnen vorbeizukommen: Von jedem zweiten Laternenpfahl grinst eine Politikerin oder ein Politiker. Auf Mittelstreifen stehen überlebensgroße Aufsteller mit der mal mehr, mal weniger subtilen Botschaft: Wählt mich, die anderen sind doof. Es ist Wahlplakat-Saison. Und mit ihr geht zwangsläufig eine Frage einher: Muss das sein?
Viele Wahlplakate versprühen die Anmutung eines pappgewordenen Marktschreiers, der einem jede noch so plumpe politische Forderung als Sonderangebot verkaufen will. „Berlin wird knallhart“, postuliert da etwa die CDU – ganz so, als ob sie eine Titelseite der Bild-Zeitung gestalten will.
Auch bei anderen Parteien fragt man sich, ob das Geld für die Werbeagenturen wirklich gut angelegt ist: Die Linke fordert ein Wahlrecht für alle, was nur leider verfassungswidrig ist. Der SPD-Spitzenkandidat druckt auf einem Plakat einfach den Amtseid, den er wohl nie leisten wird. Und der Grünen-Kandidat verspricht: „Keine Versprechen“.
Nun wird einem jede Partei und jede Kandidatin erklären können, wie jener Slogan genau gemeint ist, oder warum dieser Slogan besonders kreativ ist. Geschenkt. Zum Teil ist es natürlich auch eine Frage des Geschmacks und der politischen Einstellung.
Wahlplakate erzeugen eine radikale Öffentlichkeit
Entscheidender ist: Wer Wahlplakate nur an ihrem Inhalt misst, verkennt ihren eigentlichen Wert. Denn sie schaffen etwas, was sonst keinem Medium gelingt: Sie erzeugen eine radikale Öffentlichkeit.
Es ist völlig egal, welche Nachrichtenseiten man konsumiert, welchen Radiosender man hört oder was einem der Algorithmus in den Instagram-Feed spült: Alle Berlinerinnen und Berliner glotzen zurzeit auf die gleichen Plakate, wenn sie die Wohnung verlassen. Allein das ist in unserer ansonsten durchfragmentierten Gesellschaft ein fast revolutionärer Umstand. Wahlplakate erzeugen eine, wenn auch kleine, gemeinsame politische Welt.
Im schlechtesten Fall weiß jetzt auch der Letzte, dass in Berlin im September gewählt wird. Im besten Fall sind die Plakate eine Art Kick-Start für die tatsächliche politische Debatte.
Ja, das Aufstellen von Wahlplakaten ist anachronistisch. Aber es ist auch etwas, das wir heutzutage dringender brauchen als je zuvor.