Philipp Amthor und sein Strandkorb: Sonst haben wir wohl keine Probleme
KI-Stimme. Info
Liebe Leserin, lieber Leser,
vor ein paar Jahren fragte mich ein Bekannter auf einer Party, ob wir „etablierten“ Journalisten von fremden Mächten in Moskau, genauer: von Putin, gesteuert seien. Das war noch vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und auch vor der Corona-Pandemie und vor Trumps zweiter Amtszeit. Ich habe damals die Frage gar nicht verstanden. Aber ich erzählte ihm, wie wir in den Redaktionskonferenzen diskutieren, wie Themen entstehen und Recherchen funktionieren. Ich sprach über Pressefreiheit und Auskunftsrechte. Und dass wir informieren wollen über das, was passiert. Ob in Deutschland, Europa oder der Welt.
Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.
Als Desinformationsmanager in der Welt der Fake News
Offenbar war dieses Misstrauen ein erster Ableger der noch zarten Pflanzen namens Desinformation, Fake News, Verschwörungstheorie. Inzwischen kursiert davon so viel im Netz, noch dazu extrem professionell, dass kaum noch unterscheidbar ist, was wahr ist, was KI-generiert, verschwurbelt und von irgendwelchen Bots auf Reichweite getrimmt.

Die Welt in der Hand einer ruchlosen Geheimorganisation? Verschwörungsideologen kann man nicht mit Argumenten überzeugen, sagen Fachleute.© Getty Images | Sylverarts
Mein Kollege Christian Unger ist in diese Schwurbler-Welt eingetaucht und hat sich in einem Online-Rollenspiel, das von der Universität Cambridge entwickelt wurde, zum Desinformationsbeamten gemacht. Die Techniken, die er nutzt, funktionieren wie echte Trolls und viral gehende Fake News. Die Spieler sollen so lernen, Fehlinformationen zu erkennen, sie einzuordnen und den Mechanismus dahinter zu versehen. Lesen Sie hier, wie mein Kollege hetzt und beleidigt, wie er Likes bekommt und Reaktionen, wie er völlig aus der Luft gegriffene Debatten anfacht und sich eine fünfstellige Reichweite kauft.
Philipp Amthor und der Strandkorb: Wozu dieser Lärm?
Was sich in diesen Tagen auch in den sozialen Medien aufgebauscht hat, ist die Aufregung um einen Strandkorb. CDU-Jungpolitiker Philipp Amthor hat ihn sich als frischgebackener Staatsminister für die Bund-Länder-Zusammenarbeit auf die Terrasse gestellt, die er vor seinem Büro im Bundeskanzleramt hat. In der Doku „Inside CDU“ präsentiert er den Strandkorb voller Stolz.

Birgitta Stauber, Textchefin© Montage | FMG/Reto Klar/FFS
Ja, die Terrasse ist groß, das Büro auch. Die Frage, ob Regierungsmitglieder eine so luxuriöse Arbeitsumgebung brauchen, darf man stellen. Aber warum ausgerechnet ein Strandkorb, den sich ziemlich viele Leute in ihr Gärtchen oder auf den Balkon quetschen, ein Symbol für Luxus und Realitätsverlust sein soll, erschließt sich mir nicht. Amthor kommt schließlich aus Mecklenburg-Vorpommern. Ein Strandkorb aus Heringsdorf (Usedom) ist da eher ein Stück Heimat als „spätrömische Dekadenz“, wie einer der Vorwürfe lautet. Die Häme, die Amthor und anderen CDU-Politikern nach Ausstrahlung der Doku entgegenschlägt, zeigt, wie sehr die Partei inzwischen ihren Rückhalt in der Bevölkerung verloren hat.
Jens Spahn auf Sardinien statt im Bundestag: Das war es dann mit dem Comeback
Richtig angefacht wird der Unmut dann auch noch vom neuen Fall Spahn. Noch ist die Maskenaffäre nicht endgültig geklärt, noch ist die Wunde nicht vernarbt, die der offizielle Gegner von Leihmutterschaft und Eizellspende in seiner Partei gerissen hat – weil er eben genau durch Eizellspende und Leihmutterschaft Vater wurde. Und nun nimmt sich der ehemalige CDU-Fraktionschef als Mitglied im wichtigen Haushaltsausschuss mitten in der Sitzungswoche eine Auszeit.

Jens Spahn (CDU) verzichtet nun auf seinen Sitz im Haushatsausschuss. © dpa | Lars Berg
Laut Medienberichten soll er sich entschuldigt haben mit Verweis auf sein krankes Kind. Das war aber offenbar nicht zu krank für eine Reise nach Sardinien. Dort jedenfalls wurde er mit Kind auf dem Arm fotografiert. Das war es dann mit seiner Rückkehr an die Politik-Front. Nach massiver Kritik verzichtet er auf seinen Sitz im Haushaltsausschuss. Julia Emmrich erzählt die Geschichte vom gescheiterten Comeback des Jens Spahn.
Eingekesselt, ausgehungert: Eine Kleinstadt bei Cherson stirbt
Zurück zu den fremden Mächten und damit zurück zu Russlands Putin. Im Jahr fünf des Krieges gegen die Ukraine ist die Front festgefahren. Sie erstreckt sich im Osten und Süden des angegriffenen Landes über 1200 Kilometer. Bei Saporischschja ist sie regelrecht erstarrt, und in der Nähe von Cherson spielt sich gerade ein unglaubliches Drama ab: In der Kleinstadt Oleschky laufen die Menschen, die dort noch leben, Gefahr, regelrecht ausgehungert zu werden. Es gibt kaum noch Lebensmittel, die Zufahrtswege sind vermint, wer versucht, die Stadt zu verlassen, riskiert sein Leben, denn schnell sind ihm feindliche Drohnen auf den Fersen. Unser Kriegsreporter Jan Jessen, der derzeit in der Region ist, beschreibt die verzweifelte Lage der Menschen.

Sie jagen Killerdrohnen in der Todeszone: Reporter Jan Jessen ist unterwegs mit dem ukrainischen Spezialpolizeibataillon „Striletskyi“.© Privat | Dmytro Konpitskyj
In Cherson selbst gibt es immer noch den normalen Alltag, Menschen, die einkaufen, zur Arbeit gehen, Cafés besuchen. Aber dann ist da auch die rote Zone, wo jeder Schritt gefährlich ist, da selbst unter dem Straßenlaub Minen liegen könnten. Jan war dort mit einer Polizeieinheit unterwegs. Sie schießen Killerdrohnen ab, die ständig über den Wohngebieten kreisen. Es sind sogenannte Kamikaze-Drohnen, die in Autos oder Linienbussen gesteuert werden.
Inzwischen ist nicht nur die Ukraine Kriegsgebiet. Eine Front verläuft auch im russischen Kursk. Vor zwei Jahren sind dort ukrainische Soldaten eingedrungen und halten seitdem ihre Stellung. Auch sonst bekommt die russische Bevölkerung immer mehr mit von Krieg, den ihr Präsident Putin führt. Massive Inflation, Versorgungsengpässe, Benzin ist nicht nur teuer, sondern vor allem knapp, der Online-Handel ist durch Angriffe der Ukraine auf Logistikzentren schwer beschädigt. Hinzu kommen die Sanktionen, die den Handel zwischen Russland und Europäischer Union massiv einschränken.
In den Fischstäbchen steckt immer noch Seelachs aus Russland
Da könnte aber noch mehr gehen: Noch immer gelangen deutsche Luxusautos über chinesische Zwischenhändler nach Moskau oder Petersburg. Wie diese illegale Umgehung der Sanktionen funktioniert, hat Christian Unger schon vor einiger Zeit beschrieben. Aber auch ganz legal läuft noch ziemlich viel zwischen Deutschland, Europa und Russland. Zum Beispiel die Fischstäbchen aus Seelachs, die Sie Ihren Kindern oder Enkeln servieren, kommen größtenteils aus Russland. Hannes Koch erklärt, warum einige Geschäfte weiterlaufen.

Mitarbeiter einer Fischverarbeitungsfabrik auf der russischen Insel Iturup im Nordpazifik.© picture alliance/dpa/TASS | Sergei Karpukhin
Präsident Putin führt derweil sein Land mit harter Hand weiter. Die jüngsten Duma-Wahlen bescherten ihm ein Ergebnis, das mich an die Spätphase der DDR erinnert, als Staats- und Parteichef Erich Honecker mehr als 99 Prozent holte. 1986 war das, drei Jahre vor dem Mauerfall.
Dieser Mann bietet Putin die Stirn
So wie damals in der DDR Oppositionelle im Untergrund agierten, so kämpfen Dissidenten auch in Russland – und das bezahlen sie oft genug mit ihrer Freiheit und letztlich auch mit ihrem Leben. Ilja Jaschin wählt einen anderen Weg: Er versucht, von Berlin aus die zerschlagene russische Opposition zu einen und weiterzuentwickeln. Dafür gründete er die Partei, deren Namen „Mirnaja Rossija“ (deutsch: „Friedliches Russland“) Programm ist. Meine Kollegin Alina Juravel hat Ilja Jaschin in der Berliner Parteizentrale, die in einem Altbau mitten im Neuköllner Kiez liegt, besucht. Lesen Sie hier, wie er sich den Kampf gegen Putin vorstellt.

Ilja Jaschin will mit der Gründung der Oppositionspartei „Friedliches Russland“ von Berlin aus das System von Wladimir Putin ins Wanken bringen.© FUNKE Foto Services | Reto Klar
Wie groß die Gefahren sind, weiß er, schließlich war er enger Vertrauter der ermordeten Dissidenten Alexej Nawalny und Boris Nemzow. Zur Erinnerung: Der Oppositionelle Nemzow wurde auf offener Straße im Jahr 2015 erschossen. Nawalny wurde vergiftet, in Deutschland behandelt und nach seiner Rückkehr verhaftet. Er starb im Februar 2024 in Gefangenschaft, offiziell heißt es, er sei an einem Blutgerinnsel gestorben. Die westlichen Länder sind allerdings davon überzeugt, dass er mit einem Gift aus ecuadorianischen Fröschen getötet wurde.
Erinnert an Folter: Deutsche Maklerin auf Zypern seit zwei Jahren in Haft
Die Haftbedingungen politisch Gefangener in Russland dürften wohl auch dazu beitragen, dass viele Menschen, die eigentlich Putin weghaben wollen, schweigen. Doch auch auf Zypern gibt es ein berüchtigtes Gefängnis. Die Insel im südöstlichen Mittelmeer ist ein Schauplatz der gegenseitigen griechisch-türkischen Abneigung. Mitten in diesen Konflikt der beiden Nato-Staaten hineingeraten ist die deutsche Maklerin Ewa Künzel. Sie soll Deutschen Immobilien angeboten haben, die der vertriebenen griechisch-zyprischen Bevölkerung gehören, so der Vorwurf der Behörden in der zyprischen Hauptstadt Nikosia. Die Immobilien liegen im Nordteil der Insel, der nur von der Türkei als eigenständiger Staat anerkannt wird. Die Eigentumsfrage ist ein Kernproblem des Zypernkonflikts.

Ewa Künzel sitzt seit zwei Jahren in einem Gefängnis auf Zypern.© foto privat | Foto Privat
Vor zwei Jahren nahmen die zyprischen Behörden die Maklerin fest, seitdem harrt sie in dem Gefängnis aus – ohne Urteil. Unser Griechenland-Korrespondent Gerd Höhler erzählt die Hintergründe und beschreibt die äußerst entwürdigenden Haftbedingungen, von denen einige als Folter gelten.
Besser und länger leben: Was Experten empfehlen und Julia Klöckner davon hält
Zurück nach Deutschland. Schon mehrfach habe ich Ihnen unsere Artikel zum Thema Longevity, einem besseren und längeren Leben, empfohlen. Vielleicht hören Sie auch ab und zu in unseren Podcast „Länger leben“, den meine Kollegin Natalja Fischer mit dem Longevity-Experten Felix Bertram hostet. Bewegung, Achtsamkeit, gesunde Lebensmittel, guter Schlaf und vor allem wenig Alkohol: So sollen wir auch in einem hohen Alter unsere Lebensqualität erhalten. In der aktuellen Folge erklärt er, wie sinnvoll Magnesium-Supplements sind.
Auch interessant
Jan Dörner und Julia Emmrich haben unsere Bundestagspräsidentin im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ nach ihren Longevity-Empfehlungen gefragt. Und siehe da: Sie empfiehlt tatsächlich gute Laune – durch Genuss und Geselligkeit. „Schlechte Laune ist stimmungsschädlich und ist auch gesundheitsschädlich“, sagte sie. Im Bundestag setzt sie eher auf klare Kante gegen die Krawallmacher von der AfD und den Linken. „Wir sind hier nicht auf dem Fußballplatz“, ist von ihr schon mal zu hören. Ob sie Angst habe? „Dann müsste ich ja meinen Job aufgeben“, sagt sie im Podcast. Und da ist sie wieder, die gute Laune, die sie sich nicht nehmen lassen will.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Ob Sie an diesem Sonntag ihr Gläschen Rotwein trinken oder eine Laufrunde durch den Park drehen: Genießen sie, was immer Sie tun. Ich mache es auch.
Wie immer wünsche ich Ihnen einen erholsamen Sonntag,
Ihre Birgitta Stauber