„Wie Pokémon Go in der Natur“: Pilzexperte erklärt, warum Pilzesammeln gerade so viele begeistert – und worauf man als Neuling achten muss


„Pilzkunde ist wie Pokémon Go mit der Natur spielen“: Pilzexperte gibt Tipps und Warnungen für Neueinsteiger

Stand: 22.08.2026, 12:00 Uhr

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Mit dem Ende des Sommers startet die Pilzsaison. Der Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie Andreas Auer gibt Tipps für die Sammler.

Bald ist es soweit: Der Sommer übergibt dem Herbst seinen Platz und es beginnt die Hochsaison der Pilze. Das Sammeln von Pilzen hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren zu einem neuen Naturtrend entwickelt. Dazu hat auch Social Media seinen Teil beigetragen. Doch für Neueinsteiger kann das Sammeln nicht nur überwältigend sein, sondern es kann unter Umständen sogar lebensgefährlich werden.

Der Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, Andreas Auer, hat schon als Kind mit seinem Vater im Wald nach Pilzen gesucht und gibt sein Wissen nun an andere Menschen durch Vorträge, Lehrwanderungen und über seine Webseite weiter. In einem Interview verrät er, worauf Neueinsteiger besonders achten sollten, warnt vor unzuverlässigen Apps und räumt mit Vorurteilen auf.

Korb mit gesammelten Pilzen. (Symbolbild)

Das Sammeln von Pilzen gewinnt an Beliebtheit, doch als Neueinsteiger sollte man aufpassen (Symbolbild) © IMAGO/Rudolf Bindig

Sammeln von Pilzen: Für wen eignet sich das Hobby?

Münchener Merkur: Stellen Sie sich bitte den Lesern vor. Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Pilzen?

Mein Name ist Andreas Auer. Ich bin Jahrgang 1980 und seit 2021 Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM). Das heißt, dass ich eine Prüfung über meine Pilzkenntnisse abgelegt habe. Das nutze ich, um z. B. Korbkontrollen durchzuführen. Jeder kann mit seinem Pilzkorb zu mir kommen und ich schaue nach, dass da auch nichts Giftiges drin ist. Und ich bin beim Giftnotruf gelistet, an den sich Krankenhäuser bei Vergiftungsfällen wenden. Ich werde dann kontaktiert und versuche zügig anhand von Proben, z. B. Essensresten, die verzehrten Pilzarten zu bestimmen, damit die Ärzte die Behandlungsmaßnahmen festlegen können, die sich von Art zu Art – und damit von Gift zu Gift – teils erheblich unterscheiden.

In heutiger Zeit sehnen sich viele Jugendliche nach einer Auszeit von Smartphones und Social Media und suchen Offline-Aktivitäten, die dabei helfen könnten. Würden Sie ihnen das Sammeln von Pilzen empfehlen?

Ich sage immer, Pilzkunde ist eigentlich wie Pokémon Go mit der Natur spielen – schnapp sie dir alle! Die Empfehlung kommt auf die Person an. Wer am liebsten seine Zeit daheim verbringt, für den ist ein Hobby, bei dem man bei Wind und Wetter sich in teils unwegsamem Gebiet bewegt, vielleicht weniger geeignet.

Wer aber gerne draußen in der Natur – längst nicht nur im Wald – unterwegs ist und gerne Entdeckungen macht, für den ist dieses Hobby ideal. In der Gruppe macht es am meisten Spaß, aber man kann sich auch allein aufmachen. Wenn man tiefer einsteigen will, sollte man bereit sein, Zeit und etwas Geld (z. B. für Fachliteratur) zu investieren und vor allem zu lernen. Wer aber nur Pilze zum Essen sucht, hat damit ein sehr kostengünstiges und schönes Hobby in der Natur. Für Jugendliche ist es aber eine recht außergewöhnliche Freizeitbeschäftigung, die meisten Pilzkundlerinnen und Pilzkundler sind doch eher älteren Semesters. Ich zähle noch zu den Jüngeren. Nahezu alle sind aber sehr offen und freuen sich über Nachwuchs sehr! Interessierte Sammler können sich auch an Experten in ihrer Nähe wenden.

„Eine fast mystische Angelegenheit“: Vorteile des Pilzsammelns

Welche positiven Effekte könnte es haben?

Sich mit Pilzen zu beschäftigen, hat eine ganze Reihe schöner Seiten. Zunächst einmal hat man immer einen guten Grund, sich in die Natur zu begeben, denn Pilze gibt es das ganze Jahr über – selbst bei Schnee. Es bleibt auch immer spannend: Nicht nur lernt man bei den tausenden von Arten, die es auch bei uns gibt, nie aus, man findet auch immer wieder Eigentümliches. Darüber hinaus bekommt fast jeder Pilzkundler früher oder später ein eigenes, tiefgreifendes Verständnis von der Natur, eine fast mystische Angelegenheit.

Denn niemand versteht Pilze, der nur Pilze versteht – sie leben in Symbiose mit Bäumen und Pflanzen oder erfüllen andere Aufgaben in der Natur, bilden neben Tieren und Pflanzen ein eigenes biologisches Reich und sind als Organismen völlig anders als alles, was wir sonst kennen. Vom Pilz aus betrachtet ergibt sich so ein ganz eigener, faszinierender Blick auf die Zusammenhänge in der Natur. Eine Unternehmung, die nie langweilig werden kann. Wenn man dabei im Zweifel auch noch Leben retten kann, durch Lehre oder die Arbeit für Krankenhäuser, ist dieses Hobby erst recht sinnstiftend.

Pilze auf Totholz

Pilze sind ein wichtiger Bestandteil des Waldökosystems (Archivbild) © Arne Dedert/dpa

Nachdem ich über Jahre quasi nur im Büro und daheim gelebt habe, genieße ich inzwischen jeden Moment in der Natur – einfach eine ganz andere Welt, die die Probleme, die wir oft so haben, gar nicht kennt. Ich fühle mich dabei auch sehr frei. Was mir mit den Pilzen am meisten Freude bereitet, ist, wenn ich eine sehr seltene Art entdecke, die vielleicht in meiner Region noch gar nicht verzeichnet wurde. Ansonsten freue ich mich immer wieder aufs Neue über die erstaunliche Farb- und Formenvielfalt von Pilzen, eigentlich über jedes einzelne Exemplar. Viel Spaß macht mir aber auch der Kontakt und das Fachsimpeln mit den „Mykolleginnen und -kollegen“. Hier sind richtige Freundschaften entstanden.

Sammeln für Neueinsteiger: Was man tun und was man lieber lassen sollte

Als Neueinsteiger weiß man oft nicht, wo und wie man anfangen soll. Was wären die ersten Schritte, die Sie als Experte Neulingen empfehlen würden, die Interesse am Sammeln von Pilzen haben?

Hier kann ich nur empfehlen, sich nach und nach ranzutasten und nach dem eigenen Lerntyp vorzugehen. Der eine wälzt lieber Bücher und Fachseiten im Internet, die andere redet lieber mit Fachleuten (man kann wirklich fast alle einfach ansprechen) oder besucht Seminare und Kurse. Für den Einstieg empfiehlt sich natürlich auch eine Lehrwanderung sehr, weil man hier auch noch praktische Tipps bekommt, etwa zur Zubereitung oder Lagerung, die nicht unbedingt in einem Pilzbuch stehen. 

Gibt es Ressourcen, die Sie empfehlen würden, oder Gemeinschaften, bei denen man Anschluss suchen kann?

Zunächst möchte ich vor einer „Ressource“ warnen, nämlich Pilz-Apps. Verlässt man sich allein darauf, kann es sehr schnell gefährlich werden, zumindest wenn die Pilze auch verzehrt werden sollen. Der Grund ist: Auch wenn die App noch so schlau ist, viele wichtige Merkmale, etwa Begleitbäume oder Geruch, kann die App über ein Foto gar nicht erfassen. Eine sichere Bestimmung ist damit prinzipiell ausgeschlossen.

Ansonsten gibt es wie bereits erwähnt vielfältige Möglichkeiten, Pilze kennenzulernen. Mein „Geheimtipp“ dabei sind Frischpilzausstellungen, die im Herbst an vielen Orten in Deutschland stattfinden. Dort kann man ohne die Suche meist eine dreistellige Zahl an Arten kennenlernen, sie anfassen und begutachten, und findet meist auch gleich mehrere Experten vor Ort, die einem geduldig jede Art erklären und Fragen beantworten. So habe ich auch sehr viel gelernt. Es gibt auch an vielen Orten in Deutschland mykologische Vereine, die regelmäßige Treffen veranstalten. 

Was sind die häufigsten Fehler, die Anfänger in ihren Augen beim Sammeln machen? Was sollte man dringend vermeiden?

Bei unerfahrenen Speisepilzsammlern ist der häufigste Fehler, dass zu alte oder qualitativ schlechte Pilzexemplare mitgenommen werden. Die meisten Vergiftungen passieren gar nicht mit Giftpilzen, sondern mit alten Steinpilzen oder Maronen, etwa zehnmal häufiger. Man muss also nicht nur Artenkenntnis haben, sondern auch Wissen über den richtigen Zustand.

Vermeiden sollte man natürlich auch, zu unbedarft ranzugehen und Arten mitzunehmen, die man noch nicht gut kennt. Ich habe es lange so gehalten, dass ich eine Art zunächst nicht einmal, sondern viele Male sicher bestimmt habe, bevor ich sie auch gegessen habe. Mit „Mut“ darf das nichts zu tun haben, nur mit Wissen. Ist man im Zweifel, gibt es Leute wie mich, die gern nochmal drüberschauen. Geht es nur ums Bestimmen und nicht ums Essen, kann in dieser Hinsicht natürlich nichts passieren. Dann sollte man aber dennoch die Sammelbestimmungen kennen, also z. B. wo und wie viel man sammeln darf. Denn die gelten für alle, gleich aus welchem Grund – es sei denn, man hat eine Sondergenehmigung.

„Ein Mythos“: Pilze findet man nicht nur im Herbst

Wann ist die beste Zeit, um sich in den Wald aufzumachen und Pilze zu sammeln?

Wie schon erwähnt, ist es ein Mythos, dass man Pilze nur im Herbst findet – es gibt sie das ganze Jahr über. Natürlich sollte es hell sein, aber man muss nicht zu einer bestimmten Uhrzeit losziehen. Bei welchem Wetter man Pilze sucht, ist eher Geschmackssache. Manche mögen nicht im Regen unterwegs sein. Ich habe mir die entsprechende wetterfeste Kleidung zugelegt, und daher macht mir das nichts aus. Diese Pilze findet man schon im Juli und August.

Pilze im Winter: Das Judasohr, auch „Chinesische Morchel“ oder Mu-Err Pilz genannt, ist unter anderem an der Alleestraße in Uslar entdeckt worden.

Pilze kann man nicht nur im Herbst finden. Das ist ein weit verbreiteter Mythos (Symbolbild) © Meike und Michael Del-Monaco

Natürlich braucht man sich bei Dürre wie jetzt nicht aufmachen, da findet man nichts. Am besten sollte es eine knappe Woche her sein, dass es ein paar Tage am Stück geregnet hat. Wenn dann die Nächte auch nicht zu kalt waren, über acht Grad etwa, ist es definitiv Pilzwetter, egal was der Kalender sagt. Nur vor einer Sache sollte man sich unbedingt hüten: Wenn es stürmt oder auch an den beiden Tagen danach, sollte man Wälder unbedingt meiden. Tatsächlich kommt es durch herabfallende Äste immer wieder zu schweren Verletzungen oder sogar Todesfällen!

Welcher Pilz hat Ihrer Meinung nach einen grundlos schlechten Ruf und welcher ist völlig überbewertet?

Hier würden mir einige Beispiele einfallen, aber ich bleib mal bei den Bekanntesten: Den Steinpilz halte ich für überbewertet. Klar, er ist leicht kenntlich, fest und schmeckt auch, aber es gibt noch deutlich Besseres. Wie z. B. den Rauchblättrigen Schwefelkopf. Ein Geschmackserlebnis, das man nicht kaufen kann! Ins Negative übertrieben wird dagegen gern beim Fliegenpilz. Er ist zwar giftig, aber nicht tödlich. Außerdem verwechseln den selbst Kinder nicht. Da gibt es viel Schlimmeres!

Seitens der Politik besteht laut Andreas Auer im Hinblick auf Pilze auch noch viel Handlungsbedarf. In erster Linie sollten die Pilze im Bereich Natur- und Artenschutz mehr berücksichtigt werden, um gefährdete Arten besser zu schützen. Auf mehr Aufklärung wäre wünschenswert. Einerseits, um mehr Interesse zu wecken, andererseits, um Vergiftungen zu verhindern. Ein anderer Experte gibt ebenfalls Tipps für sichere Pilze.