Tics, Zwänge, Angst ohne Grund: Experten warnen vor Syndrom, das Kinder von heute auf morgen verändert
Plötzlich Tics, Angst und Zwänge: Das steckt hinter dem rätselhaften Syndrom PANS/PANDAS
Stand: 11.10.2026, 17:40 Uhr
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Plötzlich Tics, Zwänge, Angst – und kein Arzt weiß warum? PANS und PANDAS treffen Kinder unvorbereitet. Warum frühe Diagnose alles entscheidet.
Plötzlich treten motorische und/oder vokale Tics auf: Das Kind hüpft oder verzieht unwillkürlich das Gesicht, hustet oder schreit ohne Grund. Dann wird es von unbegründeter Angst erfasst; seine schulischen Leistungen lassen nach; es entwickelt Zwangsstörungen, etwa das dringende Bedürfnis, sich die Hände zu waschen oder zur Toilette zu gehen.
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Dieser Artikel von Maria Giovanna Faiella entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.
Diese und weitere Symptome können das Leben von Kindern und Jugendlichen plötzlich auf den Kopf stellen. Sie sind nicht „verrückt“, sondern leiden womöglich an den pädiatrischen neuropsychiatrischen Syndromen PANS (Pediatric Acute-onset Neuropsychiatric Syndrome) und PANDAS (Pediatric Autoimmune Neuropsychiatric Disorders Associated with Streptococcal infections).

Am 9. Oktober fand der weltweite Aktionstag zur Aufklärung über PANS und PANDAS statt. Er soll das Wissen über diese Syndrome verbreiten, damit sie frühzeitig erkannt und möglichst schnell mit geeigneten Therapien behandelt werden können. So soll den Kindern und Jugendlichen ein möglichst normales Leben zurückgegeben werden. Darüber und über weitere Themen wird auf einer Tagung im Pirelli-Saal der Region Lombardei in Mailand gesprochen, an der auf das Syndrom spezialisierte Ärzte, Vertreter von Institutionen, Lehrkräfte und Angehörige teilnehmen.
Professorin Antonella Gagliano, Leiterin der Abteilung für Kinderneuropsychiatrie am Forschungs- und Behandlungsinstitut IRCCS Oasi Maria SS. in Troina in der Provinz Enna, erklärt: „Das PANS-Syndrom ist durch das akute oder subakute Auftreten psychiatrischer Symptome gekennzeichnet, sowohl bei Kindern mit bereits bestehenden neurologischen Entwicklungsstörungen als auch bei Kindern, die solche Störungen nie hatten. Alle Kinder kommen mit Krankheitserregern in Kontakt, doch nur einige haben eine Veranlagung für eine veränderte Immunantwort des Körpers, die eine Neuroinflammation verursacht. Das heißt, das Nervensystem entzündet sich. Dies kann häufiger nach einer Infektionskrankheit geschehen“, erläutert die Expertin.
Auf welche Symptome es ankommt
Welches sind die wichtigsten Symptome, auf die man achten sollte? „Es handelt sich um Zwangssymptome, die mit körperlichen Erscheinungen wie etwa dem Bedürfnis, häufig Wasser zu lassen, oder mit Angst, vor allem Trennungsangst, verbunden sind. Hinzu kommen Reizbarkeit, möglicherweise mit Weinen oder Wutausbrüchen, und untypische Verhaltensweisen. Wenn sie beispielsweise essen sollen, haben sie häufig Angst, zu ersticken, nicht schlucken oder kauen zu können. Das geht so weit, dass sie weniger essen oder trinken“, erklärt Professorin Gagliano.
„Sie können motorische Tics haben, beispielsweise die Augen zusammenkneifen, die Schultern oder ein Bein bewegen oder die Finger, als würden sie Klavier spielen. Oder sie haben vokale Tics, wiederholen etwa ein Wort oder husten. Außerdem können ihre Pupillen erweitert sein, sie können Herzrasen haben, hyperaktiv sein und schlechtere schulische Leistungen zeigen. Beispielsweise verändert sich ihre Handschrift oder die Art, wie sie zeichnen.“
Frühe Diagnose und Behandlung sind entscheidend
„Die Diagnose wird klinisch gestellt und beruht auf der Beobachtung der Symptome, da es bislang keine spezifischen Biomarker gibt“, erläutert Gagliano. „Entscheidend ist, dass sie frühzeitig erfolgt, damit die Behandlungen umgehend eingeleitet werden können und die Prognose besser ist. Nicht sofort einzugreifen kann hingegen bedeuten, dass diese Störungen chronisch werden.“ Der derzeitige therapeutische Ansatz basiert, wie die Expertin erklärt, auf drei Säulen.
„Entzündungshemmende und immunmodulierende Therapien, konventionelle Therapien mit Psychopharmaka und Psychotherapie sowie eine antimikrobielle Therapie mit Antibiotika oder antiviralen Mitteln, wenn eine Infektion vorliegt. Wie früh die Diagnose gestellt und die Behandlung begonnen wird, hat großen Einfluss auf die Prognose und damit auf die Erholung und das Abklingen der Störung“, betont Gagliano.
Fehlende Anerkennung belastet die Familien
Bislang sind die Syndrome PANS/PANDAS nicht in das Verzeichnis der seltenen Krankheiten aufgenommen, die unter die sogenannten Lea, die wesentlichen Versorgungsleistungen, fallen. Dabei handelt es sich um Leistungen, die der italienische Gesundheitsdienst allen kostenlos oder gegen eine Zuzahlung gewährleisten muss. Zu den Belastungen durch diese fehlende Anerkennung gehören die Kosten, die Familien für bestimmte, vom nationalen Gesundheitsdienst nicht gewährleistete Gesundheitsleistungen tragen müssen. Zudem besteht kein Anspruch auf besondere Schutzmaßnahmen, etwa während der Schullaufbahn, und Eltern können die Vergünstigungen des Gesetzes Nr. 104 zur Betreuung ihrer Kinder nicht in Anspruch nehmen.
Antonella Bertolini, Vorsitzende von PANS PANDAS Italia Aps, betont: „Hinter jedem Kind mit PANS/PANDAS steht eine Familie, die allzu oft einen Weg voller Unsicherheiten, verspäteter Diagnosen und Schwierigkeiten beim Zugang zur Behandlung bewältigen muss. Wir fordern konkrete Antworten: die Anerkennung der Syndrome, angemessene Diagnose- und Behandlungswege sowie eine multidisziplinäre Betreuung. Das Recht auf Gesundheit darf nicht davon abhängen, ob Familien allein die Antworten finden können, die ihre Kinder brauchen“, sagt Bertolini abschließend.